Blitzmarathon in Gronau
Und plötzlich ist alles anders

Gronau-Epe -

„Sehen Sie das?“ Josef Rickers Zeigefinger schnellt vor, deutet auf zwei Autos, die mit wenig Abstand und viel Tempo hintereinander fahren. Als sie in den Kurvenbereich kommen, bremsen die Fahrer zwar ab, fahren aber dicht auf ein vorausfahrendes Auto auf. „Jetzt machen die Druck auf den vor ihnen“, beschreibt Rickers die Situation. Aus der Gegenrichtung kommt ein Lastwagen. Alle vier Fahrzeuge schlängeln sich durch die S-Kurve, alles geht gut – diesmal.

Donnerstag, 21.04.2016, 19:23 Uhr
Veröffentlicht: Donnerstag, 21.04.2016, 19:23 Uhr
Polizist Dennis Kleine Beerink misst die Geschwindigkeit eines Autos.
Polizist Dennis Kleine Beerink misst die Geschwindigkeit eines Autos. Foto: Frank Zimmermann

Josef Rickers ist Polizist und Verkehrssicherheitsberater. Er hat ein Auge für Situationen, in denen es auf der Straße brenzlig wird. Neben der oben beschriebenen sieht er an diesem Vormittag noch eine zweite: Ein Auto biegt ziemlich flott von der Ahauser Straße in den Moorhofweg ab und fährt dabei ungebremst über den Fahrradweg. Dabei ist die Stelle nur schwer einsehbar: Der Radweg liegt tiefer als die Straße, Bäume und Sträucher schränken die Sicht ein. Rickers: „Wenn da ein Radfahrer gekommen wäre, hätte es schlecht für ihn ausgesehen.“

Zusammen mit drei Kollegen ist Rickers am Donnerstagmorgen an der Ahauser Straße Ecke Moorhofweg im Einsatz. Die Stelle wurde im Rahmen des Blitzmarathons als Messstelle ausgewählt (siehe Artikel unten). Josef Rickers kommt dabei die Aufgabe zu, Medienvertretern Rede und Antwort zu stehen.

Zu viert waren die Beamten an der Ahauser Straße im Einsatz (v.l.): Dennis Kleine Beerink, Jutta Oberhaus, Josef Rickers und Volker Hönerlage.

Zu viert waren die Beamten an der Ahauser Straße im Einsatz (v.l.): Dennis Kleine Beerink, Jutta Oberhaus, Josef Rickers und Volker Hönerlage. Foto: Frank Zimmermann

Unterdessen richten seine Kollegen sich an der Messstelle ein: Dennis Kleine Beerink baut das Stativ für das Messgerät auf. Volker Hönerlage postiert sich mit Warnweste und „Kelle“ auf der anderen Straßenseite, um Autofahrer, die zu schnell unterwegs sind, herauszuwinken. Und Jutta Oberhaus bereitet die Formulare vor, mit denen der gesamte Einsatz protokolliert wird. Kaum haben die Beamten ihre Arbeit aufgenommen, da reagieren die vorbeikommenden Autofahrer. Alle gucken interessiert. Einer winkt den Polizisten zu und hat dabei ein hämisches Grinsen im Gesicht. Manche warnen Entgegenkommende mit Gesten oder der Lichthupe.

„Das erleben wir oft, dass Autofahrer sich gegenüber der ‚ach so bösen Polizei‘ solidarisieren“, sagt Josef Rickers. Verständnis hat er dafür nicht. „Weiß ich denn, ob ich genau den Raser warne, der nächste Woche mein Kind überfährt?“, fragt er rhetorisch.

Beim Stichwort Unfall mit Kindern kommen bei Jutta Oberhaus Erinnerungen hoch: Es war ein Sonntagnachmittag, sie hatte Dienst und wurde zu einem Unfall beordert. Auf einer geraden Strecke zwischen Ahaus und Vreden waren zwei Autos frontal zusammengeprallt. Das eine hatte eine Mutter gefahren, drei Kinder saßen hinten drin. Als Oberhaus an die Unfallstelle kommt, sind die Profis vom Rettungsdienst noch nicht da. Ersthelfer versorgen die Opfer. Oberhaus nimmt Geschrei und Weinen wahr. „Das hätten auch meine Kinder sein können“, schießt es ihr durch den Kopf. Dann entdeckt sie die Frau, die noch hinter dem Steuer sitzt. Ich dachte, sie sei nur bewusstlos und ich könnte sie retten, wenn ich sie aus dem Auto bekäme. Doch die Polizistin bekommt den Sicherheitsgurt nicht auf, ihre Bemühungen bleiben vergebens. Als dann der Rettungsdienst übernimmt, steht Oberhaus regelrecht neben sich. „Ich habe gemerkt, dass ich gar nicht mehr richtig mitarbeite.“ Ein Vorgesetzter sorgt dafür, dass sie von der Unfallstelle weggebracht wird. Dann setzen die Symptome ihres Schocks ein: Sie fängt an zu zittern, ihr Kreislauf macht Probleme. Jutta Oberhaus ist selbst zum Unfallopfer geworden. Später erfährt sie dann noch, dass die Frau, die sie glaubte retten zu müssen, bereits tot war.

„Wenn ein Unfall passiert, ist plötzlich alles anders“, sagt Josef Rickers. Und oft gibt es mehr Opfer, als die Personen, die in den Unfall verwickelt sind. „Ersthelfer, Augenzeugen, Rettungssanitäter, Feuerwehrleute, Polizeibeamte, Angehörige“, listet Rickers auf.

An der Ahauser Straße müssen die Beamten in anderthalb Stunden niemanden rauswinken, alle gemessenen Autofahrer haben sich an die Geschwindigkeitsbegrenzung gehalten. „Das wir hier gestanden haben, wird sich aber rumsprechen“, ist sich Rickers sicher.

Das wird sich bestenfalls auf das Fahrverhalten an dieser Stelle auswirken und dann hat sich der Einsatz für die Polizisten schon gelohnt, die von hier aus zur nächsten Messstelle in Epe weiterfahren.

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