Pest und Lepra: Auf Spurensuche in Epe und Gronau
Das Pestkreuz am „Jammertaal“

Gronau/Epe -

Friedhöfe und Kriegerehrenmale sind Orte des Gedenkens und sind zur Selbstverständlichkeit geworden. Im Sommer berichteten die WN über zwei historische Gedenkstätten, die eine geschichtliche Bedeutung für die Region haben.

Donnerstag, 18.08.2016, 09:08 Uhr

Das Pestkreuz steht heute an der Ecke Beim Bungert/Giebelkamp. Früher war es weiß gestrichen und stand an einer Weggabelung zwischen Dinkel und Nienborger Damm.
Das Pestkreuz steht heute an der Ecke Beim Bungert/Giebelkamp. Früher war es weiß gestrichen und stand an einer Weggabelung zwischen Dinkel und Nienborger Damm. Foto: Martin Borck

Die Hintergründe zur Errichtung dieser historischen Orte des Gedenkens waren weitgehend unbekannt. Im Mai erschien ein Bericht über den Gedenkstein eines ehemaligen Pestfriedhofs in Schöppingen. Im Juni wurde in einer eindrucksvollen Feier die Stele zur Erinnerung an das Leprosenhaus als historisches Wegzeichen zwischen Nienborg und Heek eingeweiht.

Der ortsgeschichtlich interessierte Bürger stellt sich die Frage: Wieso haben wir weder in Epe noch in Gronau ähnliche Gedenkstätten, Steine oder Hinweistafeln? Hat es die Pest und die Lepra in Epe und im Wigbold Gronau nicht gegeben? Sind Dorf und Kirchspiel Epe von diesen Geiseln der Menschheit verschont worden? Gibt es in der Ortsgeschichte hierzu keine historische Hinweise, Aufzeichnungen und erkennbare Flurbezeichnungen?

In Heek erinnern die Straßennamen Kloppenkamp und Klöppelgorden an die Leprakranken, die sich mit einer Klapper bemerkbar machen mussten. Die Gronouwe war zu der Zeit in der diese Epidemien auftraten, noch eine weitgehend, flächenmäßig kleine unbekannte Wasserfeste. Das Schloss Gronau war ringsum vom Kirchspiel Epe umschlossen. Historisch betrachtet muss man sich auf der Suche nach Spuren zu Pest und Lepra auf das Dorf und Kirchspiel Epe konzentrieren. Zur Lepra und zu einem Leprosenhaus gibt es keine historischen Hinweise aus der Vergangenheit von Epe, wie man sie aus Nienborg kennt. Naheliegend wäre, dass auf Grund der räumlichen Nähe und historischen Verbindungen zur Burg Nienborg die Leprakranken im Leprosenhaus in der Nachbarschaft Nienborg untergebracht waren. Bei Josef Wermert, der das Lepra-Thema historisch aufgearbeitet hat, findet man hierzu auch keine Hinweise.

Aber über die Pestepidemien, die größte Volksseuche des Mittelalters, auch schwarzer Tod genannt, die in mehreren Wellen auch das Münsterland überzog, gibt es in der Geschichte von Epe einige Hinweise. In den Jahren 1349/1350 wütete die Pest hier sehr schlimm. Wie stark der „schwarze Sensenmann“ auch durch Epe seinen Gang genommen hat, ist nicht überliefert. Möglicherweise hat der „schwarze Fürst“ in Epe nicht so stark zugeschlagen. Aber in Ochtrup muss die Pest um 1410 stark gewütet haben. Historischen Berichten ist zu entnehmen, dass ein Herr von Plettenberg der Pest wegen von Ochtrup nach Epe verzog. Er muss wohl Baumeister gewesen sein und hatte offensichtlich gute Beziehungen zur Familie von Wüllen, die adelige Familie, die auf dem an der Dinkel gelegenen Gut „Haus Wüllen“, heute Hotel und Mühle Schepers, regierte. Herr Plettenberg baute mehrere Häuser rings um die Kirche, hat Epe verschönert und nahm auch dort seinen Wohnsitz.

Im Hofregister von 1679 werden mehre Höfe aufgeführt mit der Zusatzbezeichnung „wöst“ (verfallen). Das bedeutet wohl, dass der Hof aufgegeben wurde. Vermutlich sind die Bewohner alle an der Pest verstorben oder die letzten Überlebenden haben den Hof verlassen. Ein bekanntes Zeugnis der Pest in unserer Region ist die, dem Heiligen Antonius geweihte, 1650 errichtete Pestkapelle in Schöppingen-Gemen. Errichtet wurde sie nach einem Gelübde der Pestbruderschaft. Man findet heute noch diverse Schützenvereine im Münsterland die aus den damaligen „Pestbruderschaften“ hervorgegangen sind.

Begeben wir uns weiter in Epe auf Spurensuche der Pestzeit. Wir finden einige Hinweise aus der Vergangenheit, die im Laufe der letzten Jahre nach und nach untergegangen sind. Eines dieser historischen Andenken ist die alte Flurbezeichnung „Jammertaal“. Diese Flurbezeichnung verweist auf ein Gebiet außerhalb des Dorfes zwischen Bülten und Dinkel, in dem früher die Pesttoten begraben wurden. Heute befinden sich hier das Eper Freibad und die Fischteiche. Diese Flurbezeichnung war noch bis in die 1950-Jahre, bis zum Bau des Freibads, in Epe geläufig.

Unweit davon finden wir das Pestkreuz. Dieses 2,80 Meter hohe Kreuz aus Eichenbalken mit einem Korpus aus Rosenholz steht heute an der Ecke der Straßen Beim Bungert/Giebelkamp. Das Kruzifix war bei unseren Vorfahren bekannt als „Stinas Krüss“. Früher war es weiß gestrichen und stand an einer Weggabelung zwischen Dinkel und Nienborger Damm, auf einem Sandhügel, von dem man einen idyllischen Blick über Felder und Auen hatte. Viele Jahre führte die Flur- und Brandprozession an dem Kreuz vorbei. Später, etwa 1988, hat die Familie Holtmann-Schultewolter das Grundstück gekauft und das Kreuz übernommen. Die Familie hat es restaurieren lassen, die Kreuzbalken verkleinert und dunkel gestrichen und an seinen jetzigen Standort umgesetzt.

Ein weiterer Hinweis bezieht sich auf die Gepflogenheit, allwöchentlich an einem Donnerstag in der Agatha-Kirche die Pestmesse zu halten. Nach der Überlieferung geht sie auf die Pestzeit des 17. Jahrhundert zurück. Noch bis nach dem letzten Krieg wurde an dieser Gepflogenheit der Donnerstagsmesse festgehalten. In Zeiten der Hungernöte fand nach der Pestmesse auch die Armenspeisung statt. Sozusagen ein Vorgänger der heutigen Tafeln. Gleichzeitig wurde diese Armenspeisung auch als eine erzieherische Maßnahme benutzt. Familien, die ihre Kinder nicht zur Schule schickten, bekamen keine Lebensmittel. Für das Armenwesen war der „Armenprovisor“ der Bürgerschützengilde Sankt Georgi zuständig.

Leider ist in der jüngeren Geschichte von Epe das Wissen über die größte Geisel des Mittelalters, die Hinweise und Zeichen zum Gedenken der Pesttoten, in Vergessenheit geraten. Auch das letzte sichtbare Zeichen der Pestzeit, das heute noch in Epe vorhandene Gedenkkreuz, ist in den nachfolgenden Generationen nicht mehr präsent. Das Kruzifix ist zwischenzeitlich so stark zugewachsen, dass es nur bei genauerem Hinsehen aufzufinden ist. Man hat fast den Eindruck, dass man es bewusst verstecken möchte.

Es kamen zur Pestzeit allerlei merkwürdige Geschichten auf, über die wir heute nur schmunzeln können. Die Menschen waren der Pest hilflos ausgeliefert. Es gab so sinnlose Versuche wie die Kranken mit Essig zu besprühen oder man nahm ein Stück Speck und ließ es an einem Drachen in die Luft steigen. Verfärbte sich das Stück blau, war die Luft verpestet.

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