Blickpunkt der Woche
Am siebten Tag aber sollst du ruhen

Untersuchungen zufolge hat rund jeder vierte Deutsche an Sonn- und Feiertagen Dienst – und zwar deutlich häufiger als vier Mal im Jahr. Und jetzt gibt es große Diskussionen über sonntägliche Ladenöffnungszeiten.

Sonntag, 06.11.2016, 01:11 Uhr

Blickpunkt der Woche : Am siebten Tag aber sollst du ruhen
Foto: dpa

Ich hab‘s gut: Ich brauche mir keine Gedanken darüber zu machen, wie ich den morgigen Sonntag verbringe. Hinterm Schreibtisch und auf Achse nämlich. Schließlich wollen Sie am Montag eine aktuelle Zeitung auf dem Frühstückstisch haben – und das geht nur, wenn Redakteure und freie Mitarbeiter am Sonntag ordentlich rackern.

Viele Leser sind seltsamerweise überrascht, wenn sie erfahren, dass ich regelmäßig sonntags arbeite. Dabei sind Sonntagsdienste nicht nur für Medienleute Alltag: Rettungskräfte, Polizisten, Pflegepersonal im Krankenhaus und in den ambulanten Diensten, Ärzte, Bäckereifachverkäufer, Profisportler, Tankstellen-Mitarbeiter, Pfarrer, Kirchenmusiker und Küster, Buschauffeure und Lokführer sind sonn- und feiertags tätig.

News-Ticker

Heute (6.11.) sind die Münsteraner gefragt: Sollen die Geschäfte sonntags öffnen dürfen oder nicht. 247. 124 Bürger werden um ihre Stimme gebeten. Wer mit Ja stimmt, spricht sich für geschlossene Geschäfte an Sonntagen aus. Mit Nein votiert man für verkaufsoffene Sonntage in Münster. Wir berichten live vom Bürgerentscheid .

...

Auch im Hotel- und Gaststättengewerbe und in Freizeiteinrichtungen, Museen und Theatern wird sonntags gearbeitet. Untersuchungen zufolge hat rund jeder vierte Deutsche an Sonn- und Feiertagen Dienst – und zwar deutlich häufiger als vier mal im Jahr. Und jetzt gibt es große Diskussionen über sonntägliche Ladenöffnungszeiten .

Bürgerentscheid zum verkaufsoffenen Sonntag: Das sagen Münsteraner!

1/4
  • »Ich bin gegen verkaufsoffene Sonntage, weil es der einzige freie Tag ist. Langsam aber sicher ist Schluss.« - Konstantin Laios

    Foto: anf
  • »Ich bin dagegen, weil ich den Verkäufern den freien Tag gönne. Die sollen den Sonntag ruhen lassen.« - Helga Golusinski

    Foto: anf
  • »Ich entscheide mich für verkaufsoffene Sonntage. Es ist ein Gewinn für die Stadt. Gerade jetzt im Winter ist es gemütlich.« - Britta Weidemann

    Foto: anf
  • »Ich bin dafür, es ist positiv für die Stadt. Alle Städte im Umfeld haben verkaufsoffene Sonntage. Das ist kontraproduktiv.« - Thomas Welter

    Foto: anf

Wieso die Aufregung?

Ein paar Gedanken sollte man schon darüber verschwenden, was man an der Sonntagsruhe hat. Für mich ist ja das Buch Exodus im Alten Testament das allererste Sozialgesetzbuch überhaupt. Den siebten Tag der Woche als Ruhetag einzuführen („am siebten Tag aber sollst du ruhen, damit dein Rind und dein Esel ausruhen und der Sohn deiner Sklavin und der Fremde zu Atem kommen“), dürfte eine der größten sozialen Errungenschaften der Menschheitsgeschichte darstellen.

Blickpunkt-der-Woche-Am-siebten-Tag-aber-sollst-du-ruhen_image_630_420f_wn

Hin- und hergerissen zwischen Arbeitspflicht und Familie. Foto: Karrikatur: Heinrich Schwarze-Blanke

Eine Errungenschaft, die bei den ganz Frommen gleich ins Gegenteil verkehrt wurde: Bei ihnen wurde aus dem Gebot eine fast schon abstruse Pflicht. Das ging bis hin zu der heiß diskutierten Frage, ob die Betätigung eines elektronischen Schalters als Arbeit anzusehen (und damit zu verbieten) sei. In streng reformierten Kirchen sind nach wie vor Radiohören, Fernsehen und andere Vergnügungen am Sonntag verpönt – ausschließlich das Lesen in der Bibel und der Kirchgang sind gestattet.

Mehr zum Thema

Eine derart strikte Auslegung der Sonntagsruhe geht mir deutlich zu weit. Doch finde ich schon, dass der Sonntag so häufig wie möglich von Arbeit freigehalten werden sollte. Allein schon deshalb, um etwas gemeinsam mit Familie und Freunden unternehmen zu können. Wer mal versucht, mit anderen Sonntagsarbeitenden einen Termin für gemeinsame Freizeitgestaltung zu vereinbaren, weiß, wie schwierig sich das darstellt.

Insofern gönne ich jedem den freien Sonntag, auch den Angestellten in den Geschäften.

Mir stellt sich sowieso die Frage, ob verkaufsoffene Sonntage wirklich notwendig sind. An sechs Tagen in der Woche kann man schließlich einkaufen, oft bis in den späten Abend. Reicht das nicht? Wenn ich die Menschenmassen sehe, die sich auch sonntags zum Shoppen nach Enschede oder sonst wohin aufmachen, frage ich mich, ob diese Leute nur noch im Konsum ihren Lebenssinn finden. Das wäre im reichen Deutschland ein Armutszeugnis.

Die bisherigen Bürgerentscheide

► 1996: Per Bürgerentscheid wird der Stadt untersagt, zwei Schulen im Ostviertel zugunsten einer neuen Gesamtschule aufzulösen.

► 2002: In einem Bürgerentscheid sprechen sich die Münsteraner dagegen aus, dass private Energieversorgungsunternehmen Anteile an den Stadtwerken erwerben dürfen.

► 2008: Der Stadt wird untersagt, sich finanziell am Bau einer Musikhalle auf dem damaligen Hindenburgplatz zu beteiligen.

► 2012: Die Münsteraner legen sich fest, dass der Schlossplatz nicht wieder seinen alten Namen Hindenburgplatz annehmen muss

...

Und die Folgen für den Einzelhandel? Sicherlich: Der Druck wächst, gerade in Gronau. Schließlich hat Enschede an zwei Sonntagen im Monat nachmittags geöffnet. Doch kann die Konsequenz daraus sein, in einen Wettbewerb einzutreten, der im Endeffekt auf Einkaufsmöglichkeiten rund um die Uhr an sieben Tagen die Woche hinausläuft?

Oder sollte man sich nicht vielleicht besser auf die sechs Werktage der Woche konzentrieren und mit ausgeruhtem Personal sowie freundlichem und kompetentem Service punkten?

Die Menschen zu alttestamentarischen Zeiten gönnten selbst ihren Tieren und Sklaven die Ruhezeit am Sonntag. Sollten wir hinter diese Standards zurückfallen?

Anzeige
http://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/4413309?categorypath=%2F2%2F84%2F61%2F93%2F103%2F150%2F4848750%2F4848752%2F
Hochsaison für die Königin der Weihnachtsbäume
Ein Tag mit Laura Stegemann: Hochsaison für die Königin der Weihnachtsbäume
Nachrichten-Ticker