Blickpunkt der Woche
Es klingelingelingelt

Alle Jahre wieder entspringt ein Ros’, und am Himmel hoch erscheint ein Tannenbaum mit immergrünen Blättern. Ihr Kinderlein kommet! Morgen wird‘s was geben! Dann ist Schluss mit stiller Nacht. Da brennt der Weihnachtsbaum! Zumindest dessen Lichter. Und es klingelingelingelt! O du fröhliche!

Samstag, 24.12.2016, 08:40 Uhr
Veröffentlicht: Samstag, 24.12.2016, 08:36 Uhr
Zuletzt bearbeitet: Samstag, 24.12.2016, 08:40 Uhr
Manche Weihnachtslieder nerven durch Dauerbeschallung – andere bleiben faszinierend.
Manche Weihnachtslieder nerven durch Dauerbeschallung – andere bleiben faszinierend. Foto: Heinrich Schwarze-Blanke

Alle Jahre wieder entspringt ein Ros’, und am Himmel hoch erscheint ein Tannenbaum mit immergrünen Blättern. Ihr Kinderlein kommet! Morgen wird‘s was geben! Dann ist Schluss mit stiller Nacht. Da brennt der Weihnachtsbaum! Zumindest dessen Lichter. Und es klingelingelingelt! O du fröhliche! Derweil macht sich Chris Rea auf den Weg, um zu Hause Weihnachten zu feiern. Doch plötzlich – Wham: Alarm! Last Christmas! Oje. Da hat einer sein Herz an jemanden verloren. Zufällig zu Weihnachten. Ansonsten hat der Song nichts mit dem Fest zu tun. Dennoch wird diese musikalische Banalität vor Weihnachten im Radio rauf- und runtergenudelt.

Viele Lieder, die man unwillkürlich mit Weihnachten verbindet, haben bei genauerer Betrachtung mit dem christlichen Sinn des Festes nichts oder wenig zu tun. „O Tannenbaum“ zum Beispiel. Eigentlich ein Lied mit wenig Aussagekraft. Allein das Immergrüne des Baumkleides als Zeichen der Hoffnung und Beständigkeit gibt etwas her. Beständigkeit – okay. Aber Hoffnung? Und wieso zieht der Autor der Zeilen daraus „Kraft und Trost zu jeder Zeit“.Seltsam.

Heinrich Hoffmann zu Fallersleben (der Dichter des Deutschlandliedes) nimmt bei „Fröhliche Weihnacht überall“ Bezug auf die Geburt Christi: „Denn es kommt das Licht der Welt von des Vaters Thron“, heißt es dort.

„Morgen kommt der Weihnachtsmann“ dagegen klingt wie ein Lied über einen vorsintflutlichen Dienstboten von Amazon & Co. Da ist es nicht weit bis zur Verballhornung des angeblich besinnlichen Klassikers „Süßer die Glocken (Kassen) nie klingen“ . . .

Auch „Schneeflöckchen, Weißröckchen“ hat mit Weihnachten nichts zu tun. Erst recht nicht in Zeiten globaler Erwärmung. Aber ernsthaft behauptet auch niemand, dass es sich dabei um ein wirkliches Weihnachtslied handelt. Ebenso wenig wie das schmalzige „I‘m dreaming of a White Christmas“.

Doch es gibt auch Liedtexte, die sich stärker mit dem christlichen Gehalt des Festes auseinandersetzen. Martin Luther dichtete nicht weniger als 15 Strophen zu „Vom Himmel hoch, da komm ich her“.

Geheimnisvoll wirkt der Text „Es ist ein Ros’ entsprungen“. Zu wissen, dass es ein Weihnachtslied ist, hilft beim Verstehen des Textes: Auf die Wurzel Jesse ist der Stammbau Christi zurückzuführen. Wer dann Rose und Blümlein ist, dürfte im Verlauf des Liedes deutlich werden. Dazu die ruhige Melodie (die so schön tief runter geht, dass man die Stimmbänder ordentlich strapazieren muss): Für mich eines der gelungensten Weihnachtslieder überhaupt. Und dabei schon über 400 Jahre alt.

Noch älter ist sogar „Es kommt ein Schiff, geladen . . .“ das ebenfalls voller Metaphern und Umschreibungen steckt.

Diese Lieder gehen einem in der Advents- und Weihnachtszeit auch nicht so stark auf die Nerven wie viele andere, die Besinnlichkeit und Frohsinn vermitteln sollen, dabei aber grandios scheitern. Dass manche Menschen mittlerweile die vorweihnachtliche Dauerbeschallung meiden – ich kann es nachvollziehen. Musik kann nervtötend sein. Und wer schon mal Heinrich Bölls Erzählung „Nicht nur zu Weihnachtszeit“ gelesen hat, weiß, welche seelischen Qualen permanentes Weihnachtenfeiern erzeugen kann.

Trotz alledem: Musik und Gesang gehören zum Fest wie der Baum, die Krippe und das Festtagsmahl. Kinder spielen vor der Bescherung Blockflöte. In den Kirchen ertönen machtvoll Stimmen des Kirchenchors. Aber nicht nur die der Chormitglieder: In die altvertrauten Weihnachtslieder stimmt meist die gesamte Gemeinde ein. Die Orgel braust – ein erhabenes Gefühl umfängt die Gemeinde beim gemeinschaftlich gesungenen „O du fröhliche“. Da zeigt sich die positive Kraft der Musik.

Wer das Glück hat, Musikliebhaber zu sein und einem Weihnachtsoratorium – ganz gleich ob Bach oder Saint-Saens – lauschen zu können, für den ist Weihnachten umso mehr ein Fest. Diese Musik bietet Trost und Hoffnung. Und davon braucht die Welt derzeit eine ganze Menge.

 

Anzeige
https://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/4518801?categorypath=%2F2%2F84%2F61%2F93%2F103%2F150%2F4848750%2F4848751%2F
17-Jähriger Motorradfahrer bei Frontalaufprall gestorben
Nebel im Münsterland
Nachrichten-Ticker