Interview mit Norbert Ricking
„Wir sind ganz bei Martin Schulz und seinen Vorschlägen“

Gronau -

Nein, er sieht nicht aus wie ein Traumprinz. Und trotzdem, so scheint es, hat er die SPD aus einer Art Dornröschenschlaf wachgeküsst. Die Rede ist von Martin Schulz, dem „kleinen Mann“ aus Würselen. Seit der Bekanntgabe seiner Kanzlerkandidatur sieht sich die Partei im Aufwind.

Samstag, 04.03.2017, 08:03 Uhr

Der neue Stern am Genossen-Himmel: Seit der Kanzlerkandidatur von Martin Schulz hat die SPD zum Höhenflug angesetzt. Die WN sprachen mit dem SPD-Ortsvereinsvorsitzenden Norbert Ricking (kleines Bild) über den Schulz-Effekt.
Der neue Stern am Genossen-Himmel: Seit der Kanzlerkandidatur von Martin Schulz hat die SPD zum Höhenflug angesetzt. Die WN sprachen mit dem SPD-Ortsvereinsvorsitzenden Norbert Ricking (kleines Bild) über den Schulz-Effekt. Foto: dpa/Frank Zimmermann

Nein, er sieht nicht aus wie ein Traumprinz . Und trotzdem, so scheint es, hat er die SPD aus einer Art Dornröschenschlaf wachgeküsst. Die Rede ist von Martin Schulz , dem „kleinen Mann“ aus Würselen . Seit der Bekanntgabe seiner Kanzlerkandidatur sieht sich die Partei im Aufwind. In Meppen sollen dem SPD-Büro sogar schon die Parteibücher ausgegangen sein. . . Und in Gronau ? WN-Redakteur Klaus Wiedau sprach mit dem Gronauer SPD-Vorsitzenden Norbert Ricking über die Schulz-Euphorie, Wünsche der Genossen vor Ort an den Neuen, und dessen Überlegungen zur Agenda 2010.

Seit Bekanntgabe der Kanzlerkandidatur von Martin Schulz hat die SPD zum Höhenflug angesetzt. Bundesweit ist von Tausenden Neueintritten die Rede – die meisten davon in NRW. Profitiert auch die Partei vor Ort von diesem Eintritts-Boom?

Ricking: In der Tat kann sich die SPD über viele neue Mitglieder freuen. Nach meiner Information sind es deutschlandweit mittlerweile schon 7000, allein in NRW 2700. Auch in Gronau haben wir eine erfreuliche Entwicklung. Beim Frühlingsfest darf ich sechs Neumitgliedern ein Parteibuch überreichen, wobei wir in Gronau in den letzten Jahren immer Neuaufnahmen hatten, aber fünf in so kurzer Zeit – das ist schon beachtlich.

Sind das jüngere oder ältere Menschen? Sind das ganz neue Mitglieder oder solche, die nach Phasen des Fremdelns zur alten Tante SPD zurückkehren? Und: Sind die Neuen in der SPD eher links oder rechts orientiert?

Ricking: Das Alter der Neumitglieder reicht von 14 Jahren bis ins Rentenalter. Soweit ich das im Moment sehe, haben wir hier keine Wiedereintritte von Menschen, die uns schon einmal den Rücken zugekehrt hatten. Und was heißt schon links oder rechts? Sicherlich geht es uns um soziale Gerechtigkeit. Wir haben nicht linke und rechte Mitglieder, sondern Menschen, die sich auf unterschiedliche Weise für eine gute Sache einsetzen wollen und meinen, dass dies in der SPD besser gelingen kann, als in anderen Parteien.

Mitglieder sind das eine, Themen das andere. Der Schulz-Vorstoß, die Agenda 2010 korrigieren zu wollen, erhitzt die Gemüter. Wie ist die Stimmung an der Basis vor Ort?

Ricking: Tatsächlich sind ja auch schon durch die SPD in der großen Koalition kleine Änderungen an der Agenda 2010 vorgenommen worden. Ich freue mich, dass Martin Schulz den Änderungsbedarf der Agenda klar anspricht, nicht drum herum redet, sondern ganz konkret: Ältere Langzeitarbeitslose, die lange hart gearbeitet haben, müssen bessergestellt werden, und wir brauchen auch eine Verbesserung bei der Befristung von Arbeitsverhältnissen. Wie soll ich denn eine Familie aufbauen, wenn ich immer nur befristete Arbeit habe. Hier sind wir ganz bei Martin Schulz und seinen Vorschlägen.

Welche anderen Themen wünschen Sie sich als Politiker vor Ort von Schulz?

Ricking: Neben der Frage von sicheren Renten, die zum Leben reichen, und einer gerechten Gesundheitspolitik, die auch für eine gute Versorgung vor Ort sorgt, fallen mir da noch eine ganze Reihe von Themen ein: Natürlich brauchen wir in Gronau mehr Verlässlichkeit bei der Finanzausstattung, besonders dann, wenn wir neue Aufgaben wie die Inklusion aufgebrummt bekommen. Auch der Soziale Wohnungsbau wäre hier zu nennen und die Digitalisierung. Ich bin aber zuversichtlich, dass Martin Schulz gerade unsere Herausforderung hier an der Grenze zu den Niederlanden auch selbst im Blick hat – schließlich war er jahrelang Bürgermeister der Grenzstadt Würselen, die durchaus mit Gronau vergleichbar ist. Und vor allem traue ich Martin Schulz zu, dass er es schafft, so einen Quatsch wie die Autobahnmaut zu verhindern.

Mit Blick auf Schulz-Kandidatur und Agenda-Vorstoß glauben Linke, dass die Chancen für eine rot-rot-grüne Koalition nach der Bundestagswahl am 24. September steigen. Ist das Wunschdenken oder spiegelt das die Meinung der SPD-Mitglieder vor Ort wieder?

Ricking: Die SPD geht ohne Koalitionsaussage in den Wahlkampf. Wir wollen, dass Martin Schulz als Kanzler die Soziale Gerechtigkeit in Deutschland voranbringt und dass mehr getan wird gegen das Auseinanderdriften von Arm und Reich. Hier sehen viele Menschen mit Martin Schulz endlich eine Alternative, die Erfolg haben kann. Das zeigen auch die Umfragewerte. Mögliche Koalitionen ergeben sich aus dem Wahlergebnis. Klar ist natürlich für Schulz und auch für uns hier vor Ort: Niemals mit der AfD, und eine große Koalition ist auf Dauer auch Mist.

SPD-Bundesumweltministerin Barbara Hendricks will – wie kürzlich verlautete – erneut eine Stilllegung der Firma Urenco prüfen lassen. Kritiker halten das für Wahlkampfgetöse und verweisen auf vorliegende Gutachten, die keine Handhabe für eine Stilllegung sehen. Hat die SPD vor Ort in dieser Frage eine geschlossene Haltung?

Ricking: Geschlossen sind wir als SPD vor Ort sicherlich darin, dass uns Urenco Sorgen bereitet: Sorgen um die Arbeitnehmer, für die bei einem Ende von Urenco in Gronau natürlich neue Arbeit zur Verfügung gestellt werden muss. Viele sorgen sich aber auch wegen der von der Atomkraft ausgehenden Gefahr.

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