Reihe zum Thema Vertrauen: Ärzte
Die 60-Sekunden-Regel

Gronau -

Abgasskandal bei VW, bewusst verbreitete Lügen im Internet, die sogenannten Fake-News, Donald Trump . . . Die Frage, wem wir vertrauen können und wem nicht, ist zurzeit besonders drängend – auch ganz konkret in unserem Alltag: beim Einkaufen gegenüber Werbeversprechen, beim Arzt und in der Apotheke, wenn wir einen Handwerker benötigen. Die WN haken nach und widmen dem Thema eine Reihe. Heute geht es darum, wie Ärzte in oder aus Gronau mit dem Thema in ihrer Zunft umgehen – und warum Vertrauen so wichtig ist.

Mittwoch, 15.03.2017, 06:03 Uhr

Dr. Jürgen Wigger weiß aus eigener Erfahrung, wie sensibel und angstvoll Patienten sein können.
Dr. Jürgen Wigger weiß aus eigener Erfahrung, wie sensibel und angstvoll Patienten sein können. Foto: Christiane Nitsche

Die gute Nachricht ist: Das Vertrauen der Deutschen in die Ärzteschaft ist nach wie vor hoch. 89 Prozent von knapp 2000 Befragten gaben im Herbst 2015 bei einer Erhebung an, Ärzten zu vertrauen – Platz fünf in der Rangliste. Besser schnitten nur Feuerwehrleute, Sanitäter, Krankenschwestern und Apotheker ab.

„Ein-Minuten-Regelung“

„Im Grunde geht es darum, dass der Patient erstmal zu Gehör kommt“, sagt Dr. Jürgen Wigger . Der Ärztliche Direktor des Gronauer St.-Antonius-Hospitals führt die „Ein-Minuten-Regelung“ ins Feld, die er auch im eigenen Haus propagiert. „60 Sekunden zuhören ist länger als man denkt“, so der 60-Jährige. „Soviel Zeit kriegen die meisten Patienten nicht.“

Dabei steht Zeit laut Dr. Wigger an erster Stelle der Erwartungen, die ein Patient an seinen Arzt habe – noch vor Aufmerksamkeit, Vertraulichkeit und gutem Fachwissen. Tatsächlich kommt die sogenannte Ärztliche Kunst erst an vierter Stelle. Vermutlich, weil sie vorausgesetzt wird. Wigger: „Es ist eine Selbstverständlichkeit, dass der Patient von seinem Arzt einen handwerklich korrekten Eingriff nach den Regeln der Ärztlichen Kunst erwarten darf.“

„Ein aufgeklärter Patient hat wesentlich bessere Erfolgsaussichten“

Dass Ärzte heute aber nicht mehr den Nimbus der Unfehlbarkeit haben wie einst als sogenannte „Halbgötter in Weiß“, sieht Dr. Wigger eher positiv. „Ein aufgeklärter Patient hat wesentlich bessere Erfolgsaussichten“, sagt der Eperaner.

Für ihn sei die Arzt-Patienten-Beziehung bei aller hoch-technisierten Medizin „doch ein hoch sozialer Akt“. Während früher Ärzte gerade auf das oft erhebliche Gefälle im Verhältnis zum Patienten setzten, gelte es heute, die „relativ ungleiche Situation abzubauen“.

Genau da setzt der Faktor Zeit ein: „Im Durchschnitt unterbrechen Ärzte ihre Patienten bereits nach zehn bis 20 Sekunden.“ Allzu oft, weil sie unter dem Druck der durch die 1992 begonnene und 2003 mit Einführung der „Diagnosis Related Groups“ (DRG) fortgesetzte Gesundheitsreform nicht mehr adäquat für Beratung und Gespräch vergütet werden. Oder weil sie da bereits zu wissen glauben, was ihrem Patienten fehlt.

Schwerer Trugschluss

Das kann ein schwerer Trugschluss sein. „Die meisten sogenannten ‚Kunstfehler‘ sind Indikationsfehler“, erklärt der Leiter der Abteilung Allgemein- und Viszeralchirurgie (Chirurgie der Bauchorgane) am St.-Antonius-Hospital. Eine mögliche Folge: unnötige Operationen, die dann in der Klinik verhindert werden müssen. „Es ist schon passiert, dass jemand etwas ganz anderes hat als das, wofür er bei uns aufgenommen wurde.“

Wie fragil das Vertrauen in die Kunst des Arztes sein kann, hat Dr. Wigger selbst erlebt, als er als Patient auf einen wichtigen Laborbefund warten musste und sich selbst dabei ertappte, wie er in die Worte eines Kollegen schlechte Nachrichten hineininterpretierte – zu Unrecht, wie sich herausstelle. Er wurde gesund.

„Es gibt viele Ärzte, die erst durch eigene Krankheit manches verstehen“, sagt er heute. Die nötige Balance zwischen Distanz und Nähe zu finden – das sei nicht selbstverständlich. Sicher aber sei: „Professionelle Empathie reicht nicht.“ Wer sich dagegen vorstellen kann, wie sich sein Gegenüber fühlt, vermeide falsches Vokabular, achte darauf, Zusagen einzuhalten und nehme sich die entscheidenden Sekunden oder Minuten Zeit.

Das ärztliche Erstgespräch

Dr. Jürgen Wigger hat eine Checkliste zusammengestellt, die vertrauensbildende Aspekte beim ersten Gespräch zwischen Arzt und Patient aufführt:

► saubere Kleidung: ein sauberer Arztkittel ist ein Muss, genau wie gepflegtes Äußeres;

► ein „anständiger Händedruck“ hat laut Dr. Wigger „enorme Aussagekraft“;

► Körperhaltung und Sprache, Augenkontakt, Lebendigkeit;

► selbstbewusstes Auftreten, positive Ausstrahlung;

► Kommunikationsbereitschaft (angemessene Sprache, neben Fachwissen auch Humor und Charme);

► Einfühlungsvermögen (emotionales Verständnis);

► Interesse am Gegenüber;

► Teamfähigkeit, Führungsstärke (souveränes Auftreten).

Negativ wirken sich laut Dr. Wigger dagegen Fehler wie diese aus:

► fehlender Blickkontakt;

► Patient kann nicht ausreden (Unterbrechung schon nach zehn oder 20 Sekunden);

► Verstecken hinter Fachvokabular;

► „blindes“ Vertrauen wird vorausgesetzt;

► zu wenig oder zu viel Betroffenheit;

► unstandesgemäßes Verhalten.

...

Vertrauen erwerben

„Ich muss bei jedem Patienten das Vertrauen erwerben“, weiß der Chirurg. In der Regel gelinge das auch. „Ich habe eher den Eindruck, dass das Vertrauen gegenüber früher zunimmt“, sagt Dr. Wigger.

Um es zu behalten, gebe es in seinem Haus einige Bemühungen. Etwa eine klinikinterne Strategie zur Vermeidung von Infektionen. „Da kooperieren wir mit den Niederlanden im Arbeitskreis Euregio MRSA.“ (MRSA ist die Abkürzung für Methicillin-resistente Staphylokokken – Keime, für die es nur noch wenige Möglichkeiten einer antibiotischen Therapie gibt.) Außerdem gebe es berufsübergreifende Weiterbildungen und ein System für das anonyme Melden von Beinah-Unfällen. Im sogenannten „Team Time Out“ würden vor jeder Operation anhand einer Checkliste noch einmal alle Punkte überprüft, „wie in einem Cockpit“. Und: „Bei uns bekommen die Patienten alle Aufzeichnungen.“ Zur digitalen Patientenakte, die dann per PC eingesehen werden könne, reicht es zwar noch nicht, aber: „Die Patienten können auf alle unsere Daten zugreifen.“

Ausreichend Zeit, Transparenz und gute Kommunikation bei dem, was der Arzt erkennt und empfiehlt – „die größte Chance, die Patienten-Arzt-Beziehung schlagartig zu verbessern, besteht im Gespräch“, ist sich der Mediziner sicher. „Gute Ärzte sind nicht Bausteine eines wirtschaftlich getriebenen Systems.“

Die Krux

Solange vor allem Operationen am besten vergütet würden, werde aber genau da die Zeit eingespart, weil sich mit dem Patientengespräch am wenigsten verdienen lasse. Eine Krux, wie Dr. Wigger findet. „Vertrauen entsteht auch dadurch, dass man bestimmte OPs nicht macht.“

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