Serie: Nix zum Wegwerfen
Aus Alt mach Freu’

Gronau -

Flohmarkt: Zwischen fliegenden Händlern mit Uhren, Lederwaren und Sparschälern sitzen an diesem Sonntag Menschen wie Petra Bevers auf Klappstühlen und Campinghockern oder schlicht auf dem Boden, um alles feilzubieten, was Kleiderschrank, Keller und Dachboden so hergeben. Von der Blockflöte bis zur präparierten Vogelspinne hinter Glas, vom Vorwerksauger bis zu BHs reicht das Sortiment, das es nur an Tagen wie diesen gibt.

Donnerstag, 13.04.2017, 06:04 Uhr

Recyceln mal anders: Gebrauchtes günstig verkaufen und aus Resten Neues schaffen, das anderen Freude macht. Auf dem Flohmarkt gibt es das alles.
Recyceln mal anders: Gebrauchtes günstig verkaufen und aus Resten Neues schaffen, das anderen Freude macht. Auf dem Flohmarkt gibt es das alles. Foto: Nitsche

„Das ist unser Hobby!“ Petra Bever strahlt. Die Sonne strahlt, es ist sommerlich warm. Gemeinsam mit ihrer Tochter sitzt die Emsländerin unter einem Baldachin. In ihrem Rücken steht der Familienwagen, vor sich haben sie einen Campingtisch aufgebaut. Darauf ausgebreitet: Handarbeiten, Hausrat, Holzschmuck.

Flohmarkt: Zwischen fliegenden Händlern mit Uhren, Lederwaren und Sparschälern sitzen an diesem Sonntag Menschen wie Mutter und Tochter Bevers auf Klappstühlen und Campinghockern oder schlicht auf dem Boden, um alles feilzubieten, was Kleiderschrank, Keller und Dachboden so hergeben. Von der Blockflöte bis zur präparierten Vogelspinne hinter Glas, vom Vorwerksauger bis zu BHs reicht das Sortiment, das es nur an Tagen wie diesen gibt.

Für einen Tag entsteht auf dem Gelände rund um das Möbelhaus an der Ochtruper Straße ein kleiner Kosmos aus Tand und Trödel, mit einigen Hundert Händlern und Kundschaft aus aller Herren Länder, wie das Sprachengewirr vermuten lässt. Deutsche, Niederländer, Russen, Araber, Türken mischen sich auf beiden Seiten der Stände.

Petra Bevers strickt auf dem Flohmarkt schon wieder neue Ware.

Petra Bevers strickt auf dem Flohmarkt schon wieder neue Ware. Foto: Christiane Nitsche

An einem Wagen gibt es Pommes & Co., an einem weiteren Eis, ein dritter hilft zur Not bei der Notdurft. Ansonsten wird Nachbarschaftshilfe groß geschrieben: Wenn das Wechselgeld aus ist, wenn ein Spiegel zur Anprobe gebraucht wird, wenn die alte Dame, die allein hinter ihrem Tischchen mit Ausrangiertem hockt, zur Toilette muss, wird am Stand rechts oder links gefragt.

Eine Frau thront auf einem hoch aufgestellten Koffer. Sie wirkt wie ein Fels in der Brandung, an dem sich die Wellen der Besucherströme brechen. Um den Leib hat sie eine Bauchtasche geschnallt – das wichtigste Requisit aller Flohmarktbeschicker. Wechselgeld, Autoschlüssel, Handy – wer immer wieder aufspringen muss, um am einen Ende des Campingtisches Fragen zu beantworten, während am anderen neugierige Augen und Hände in den Auslagen stöbern, muss alles am Mann haben – oder an der Frau. Um sich herum hat die alte Dame Kleidung, Schuhe, Taschen aufgebaut, so dekorativ es eben nur geht. Sie bemüht sich um individuelle Beratung ihrer Kunden. „Das wird Ihnen nicht passen, damit werden Sie nicht glücklich“, sagt sie einmal. „Mir ist das Verkaufen nicht so wichtig“, sagt sie. „Ich freue mich, wenn die Sachen zu den Menschen passen, die sie kaufen.“

Nicht alle hier sind selbstlos. Nicht alle können sich das leisten. „Viele professionelle Händler geben auf“, sagt René Schöne . „Das Internet macht viel kaputt.“ Die, die bleiben, legen Wert auf das, was den Flohmarkt auszeichnet: „Die Leute wollen die Ware sehen, sie anfassen – und sie wollen feilschen.“ Der 48 -Jährige organisiert seit 23 Jahren Flohmärkte im Ems-, Westmünster- und Osnabrücker Land.

„Vor allem im Frühjahr kommen viele Privatleute“, erzählt René Schöne. „Verkaufen kann man eigentlich alles.“ Ausnahme: Waffen jeglicher Art und „Sachen vom Dritten Reich“, wie er sagt. „Wenn ich sowas sehe, müssen die Sachen vom Tisch. Sowas gehört nicht auf den Flohmarkt.“ In seinem Job als Schlosser in der Baugruppenfertigung von Elektroherden arbeitet René Schöne nur noch Teilzeit. „Sonst wäre das gar nicht zu bewerkstelligen.“

Etwa eine Woche vor dem Flohmarkttermin geht es los mit den Vorbereitungen. Zwei Helfer habe er, die beim Aufhängen der Plakate helfen. Alles andere ist Routine: Absprachen mit Platzinhabern, Anmelden bei der Kommune, Platzaufsicht und am Ende dafür sorgen, dass der Platz sauber hinterlassen wird. „Je mehr Händler, umso mehr Probleme“, so die Faustregel. Probleme gebe es aber eher selten. Höchstens mal, wenn einer falsch parkt, oder wenn sich die Händler untereinander nicht grün sind.

Angefangen habe er selbst mit einem Stand bei einem Trödelmarkt in Münster. Damals habe er mit Spielzeug und anderen Sachen aus der ehemaligen DDR gehandelt, erzählt der 1991 aus dem sächsischen Kamenz nach Warendorf Gekommene. „Das ging ruck-zuck, dann waren die Sachen weg“, erinnert er sich. Beflügelt vom Erfolg habe er angefangen, Märkte zu organisieren. Selbst trödeln tue er schon lange nicht mehr. „Das macht mir mehr Spaß“, sagt er. „Und wenn ich das bis zur Rente schaffe, mache ich das.“

Vielleicht findet er dann wieder Gefallen am Trödeln. So wie die alte Dame. Gerade hat sie einer jungen Frau ein Paar Lederstiefel verkauft. Für drei Euro. Beide Frauen strahlen. „Die stehen Ihnen so gut!“ Ihre Kundin nickt. Dann zieht sie aus einem Karton mit der Aufschrift „1 Euro“ ein Kostüm. „Mexx“, steht auf dem Etikett, ein Markenlabel. „Ehrlich?“, fragt sie verdutzt. Die alte Dame lacht und nickt. „Ehrlich!“

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