Deutsche CVJM-Delegation besucht Sierra Leone
Afrikanische Entschleunigung

Gronau -

Zwölf Deutsche aus dem CVJM-Westbund machen sich auf den Weg zu einer 14-tägigen Partnerbegegnung auf dem afrikanischen Kontinent. Ziel der bunt gemischten Delegation ist der westafrikanische Staat Sierra Leone, manchmal liebevoll als „Karibik Afrikas“ bezeichnet. Mit dabei auch die 1. Vorsitzende des CVJM Gronau, Anke Lösch, die den Alltag in dem westafrikanischen Land mit all seinen Herausforderungen und schönen Seiten hautnah erleben will. Ziel ist es aber auch, sich ein Bild von den bisher eingebrachten Unterstützungen in materieller als auch finanzieller Art zu machen.

Sonntag, 16.04.2017, 10:04 Uhr

Traumhafter Blick von einer Anhöhe auf die am Atlantischen Ozean gelegene Stadt Freetown.
Traumhafter Blick von einer Anhöhe auf die am Atlantischen Ozean gelegene Stadt Freetown. Foto: privat

Nach sechseinhalb Stunden Flugzeit erreicht die Gruppe Freetowns Flughafen. Per Bus geht es zum Hafen, von dort mit dem Speedboat durch die Tagrin-Bucht und in die Landeshauptstadt. Am Anleger begrüßen Mitglieder des örtlichen YMCA die Gäste und übernehmen den Transport zur ersten Unterkunft.

Die Gronauerin Anke Lösch (r.) mit einer Mitarbeiterin des YMCA Freetown.

Die Gronauerin Anke Lösch (r.) mit einer Mitarbeiterin des YMCA Freetown. Foto: privat

Gegen 22 Uhr ist schließlich das gebuchte YMCA-Hostel im Herzen Freetowns erreicht. Nach der Belegung der Drei-Bett-Zimmer und einem Imbiss beginnt langsam der Klima- und Kulturschock: Trotz der Dunkelheit ist es für deutsche Verhältnisse ungewohnt warm. Die Dusche tropft nur – Hygiene wird zur Glückssache. Die Fenster haben keine Scheiben, nur Fliegengitter. Da die Stadt auch nachts nicht zur Ruhe kommt und sich das Leben im Wesentlichen auf der Straße abspielt, ist es zudem ungewohnt laut. Schließlich siegt aber die Erschöpfung über den Lärm, sodass es doch noch einige Stunden Schlaf gibt.

Der folgende Tag, ein Sonntag, beginnt ruhig. Es gibt Milchbrötchen und Eier zum Frühstück. Im Gottesdienst fällt auf, wie feierlich in Kleid und Anzug die einheimischen Teilnehmer die Kirche betreten. Die deutschen Gäste werden persönlich begrüßt, danach folgt ein beeindruckender Gottesdienst, der sich erheblich in Dauer und Ausgestaltung von unserer Liturgie unterscheidet. Nach dem Mittagessen (Reis mit sehr scharf gewürztem Huhn) ist Relaxen am Strand angesagt. Dies sind die Stunden, in denen die afrikanische Entschleunigung zu wirken beginnt. Die Nachmittagszeit wird dennoch genutzt, um sich Telefonkarten für den Internetzugang zu kaufen. Beim obligatorischen Geldtausch wird jeder schnell zum „Millionär“, denn 150 Euro entsprechen etwa einer Million Leone, der Landeswährung.

Der Fluss beseitigt in den Slums das Müllproblem . . .

Der Fluss beseitigt in den Slums das Müllproblem . . . Foto: privat

Die folgen Tage sind durch zahlreiche Reisen und Begegnungen geprägt. Zur Orientierung gibt es immer wieder Erläuterungen zu den landestypischen Eigenarten. Ganz nebenbei verbessert sich dabei das eingeschlafene Schulenglisch von Tag zu Tag. Neben dem kulturellen Programm mit den Besuchen des Peace Museum oder des National Museum offenbart sich vielerorts der Alltag der Millionenstadt: vermüllte Straßen und Plätze, mangelhafte Infrastruktur und katastrophale Wohnzustände.

Auf der anderen Seite hat fast jeder Bewohner der Hauptstadt ein Handy, in den Familien gehört der Flachbild-Fernseher zum Alltag. Aus europäischer Sicht könnten Kontraste manchmal nicht größer sein. Hektik und Stress scheint es in diesem Lande nicht zu geben, denn immer wieder hört man die englische Alltagsfloskel „Anytime from now“ („Irgendwann später . . .“).

Das dicht gedrängte Programm lässt den deutschen Besuchern zwischenzeitlich indes kaum Zeit zum Aufatmen. Die Begegnungstermine reihen sich dicht an dicht: Hier der Besuch eines Krankenhauses, dort der Besuch einer öffentlichen Schule mit Teilnahme am Unterricht. Nach der Stippvisite im Parlamentsgebäude gibt es für die CVJM-Delegation einen kleinen Empfang durch den dortigen Pressesprecher. Ein weiterer Höhepunkt nach einer stressigen Woche: Der Generalsekretär von Sierra Leone , Christian Martyn Kamara , lädt die Deutschen nach einem Gottesdienst ins Radisson-Blu-Mammy-Yoko-Hotel ein.

Besuch einer Schulklasse in der Hauptstadt: Die Kinder besitzen keine Lernmittel wie zum Beispiel Bücher.

Besuch einer Schulklasse in der Hauptstadt: Die Kinder besitzen keine Lernmittel wie zum Beispiel Bücher. Foto: privat

Danach geht es für einige Tage ins Landesinnere nach Bo, der drittgrößten Stadt. Die katastrophalen Straßenverhältnisse machen die Fahrt zu allem anderem als einem Vergnügen. Insgesamt zeigt sich die Region dort ländlicher: kleine Hütten und einfache Häuser prägen das Stadtbild. Hauptverkehrsmittel sind die „Okadas“ – Mopeds, die wie Ameisen die Straßen säumen. Ein Abstecher führt zu einem CVJM-Regionalzentrum in der Provinzhauptstadt Kemena. Dort werden 40 Kilo deutsche Qualitätswerkzeuge überreicht, die dringend für die Schreiner- und Maurerausbildung benötigt werden. Mit großer Freude nehmen Francis Amadu (YMCA-Regionalsekretär) und die Ausbilder das schwergewichtige Geschenk entgegen.

Die verbleibenden Tage lassen mehr privaten Raum: Ein Tag am Strand dient der mentalen Regeneration, ein Shopping-Tag nach der Rückkehr in Freetown sowie mehrere kleinere Offroad-Touren – unter anderem zum höchsten Aussichtspunkt von Freetown – bringen Abwechslung und neue Eindrücke. Schließlich wird die Delegation nach dieser gelungenen Begegnung an ihrem letzten Abend vom gastgebenden YMCA-Nationalverband festlich fröhlich unter Mitwirkung des YMCA-Posaunenchors verabschiedet.

In Sierra Leone freut man sich schon auf einen Gegenbesuch in Deutschland in zwei Jahren.

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