Vortrag von Dr. Norbert Tiemann
Haltung zeigen, Lügen enttarnen

Gronau -

Eindringlich, eindrücklich, klipp und klar: So stellte Dr. Norbert Tiemann am Donnerstagabend in der Evangelischen Stadtkirche die Verantwortung des Journalismus im demokratischen Gefüge heraus. Der Chefredakteur der Westfälischen Nachrichten war auf Einladung der „Kreativgruppe Stadtkirche“ gekommen.

Samstag, 01.07.2017, 06:07 Uhr

Am Rednerpult in der Ev. Stadtkirche: Dr. Norbert Tiemann. Nach seinem Vortrag diskutierte er noch mit seinen Zuhörern.
Am Rednerpult in der Ev. Stadtkirche: Dr. Norbert Tiemann. Nach seinem Vortrag diskutierte er noch mit seinen Zuhörern. Foto: Martin Fahlbusch

Das Team unterstützt die Renovierung und Restaurierung von Gebäude und Orgel „einer der schönsten Kirchen des Münsterlandes“, wie Pfarrer Uwe Riese in seiner Begrüßung betonte, mit einer Vortragsreihe zu „Freiheit und Verantwortung“.

„Für mich sind Freiheit und Verantwortung die zwei Seiten ein- und derselben Medaille. Sie sind notwendige Verbindung und Bedingung einer unabhängigen Presse, in welcher medialen Form auch immer“, betonte der 59-jährige Medienmann und verheiratete Vater von drei Kindern.

Ausgehend vom Grundgesetzartikel V zur Freiheit der Meinungsäußerung und der Pressefreiheit hatte er aber auch auf die Schranken dieses Gutes in den Vorschriften der allgemeinen Gesetze, der gesetzlichen Bestimmungen zum Schutze der Jugend und in dem Recht der persönlichen Ehre verwiesen.

Tiemann nutzte die Gelegenheit dieses Forums, um die vermeintliche Debatte um die Lügen- oder Lückenpresse und die sogenannten n Fake-News beim journalistischen Schopfe zu packen: „Es geht hier nicht um Fehler oder Nachlässigkeiten, die im hektischen Zeitungsalltag passieren können und die ich dann als Chefredakteur aufs berühmte Butterbrot geschmiert bekomme, sondern es ist dieses bewusste Verbreiten von absichtlich gefertigten Falschmeldungen und das vorsätzliche Verbreiten von Desinformationen aus politischen und wirtschaftlichen Interessen, die es zu enttarnen gilt“, geißelte er die „schwarzen Löcher“ in der zunehmenden Digitalisierungswelle.

Er kritisierte „alternative Fakten“, die längst von unterschiedlichen Gruppierungen und beispielsweise auch durch den Twitter-verliebten amerikanischen Präsidenten Donald Trump zu höchst eigenen, durchaus fadenscheinigen Zwecken „missbraucht“ würden. Dr. Norbert Tiemann: „Unsere Verantwortung als Journalisten kann da nur lauten: prüfen, prüfen, prüfen . . .“

Auch mit vielfältigen Belegen illustrierte er diesen um sich greifende „Virus“, der nicht zuletzt elektronisch-maschinell unterstützt („social bots“) Menschen- und Persönlichkeitsrechte mit Füßen trete und die Befeuerung von Vorurteilen (Flüchtlinge und Ausländer als vermeintliche Straftäter) bewusst anstrebe. „Mit der juristisch-ethischen Unschuldsvermutung halten es viele nicht mehr so genau, die Skandalisierung wird zum journalistischen Credo erhoben und die digitalen Medien verkommen zur pöbelnden Stammtischrunde“, beklagte der WN-Chefredakteur.

„Qualitätsjournalismus, für den unser Haus und meine Person stehen, befleißigt sich hingegen der Vollständigkeit, der Objektivität, des Faktenchecks und der Verständlichkeit, die sich in Augenmaß, Verhältnismäßigkeit und eben auch Haltung dokumentieren“, brachte er die Pole Freiheit und Verantwortung auf einen journalistischen Nenner.

Kirchenrat Rolf Krebs dankte anschließend Dr. Norbert Tiemann für seine engagierten und erhellenden Positionierungen und lud zur anschließenden – durchaus regen Debatte – mit dem Referenten ins benachbarte Walter-Thiemann-Haus ein.

Eine in jeder Beziehung anregende Farbe bekam die Veranstaltung durch die Sonate h-moll für Violine und Cembalo/Klavier von Johann Sebastian Bach, die Kreiskantor Dr. Tamás Szöcs (Klavier) und Karl Sousa (Violine) beeindruckend vorstellten.

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