Gastschülerin Sarah Ortega fliegt statt nach Venezuela nach Argentinien
Eine Heimreise, die keine ist

Gronau -

Ein wild twitternder US-Präsident, der Auftritt von Schlagerstar Helene Fischer beim DFB-Pokal-Finale oder diverse Entgleisungen der Dschungelcamp-Kandidaten: Gerade im Internet verdrängen derart skurrile Schlagzeilen immer häufiger weitaus wichtigere Meldungen.

Samstag, 29.07.2017, 10:07 Uhr

Die Gastschülerin mit ihrer Gastfamilie Alexander und Simone Mersmann mit den Kindern Emil und Nora.
Die Gastschülerin mit ihrer Gastfamilie Alexander und Simone Mersmann mit den Kindern Emil und Nora. Foto: Nils Reschke

Sarah Ortega macht das traurig. Denn das, was sich in ihrer Heimat gerade abspielt, bleibt in den Nachrichten meist nur eine Randnotiz. Im August 2016 verließ die damals 17-Jährige Venezuela, um als Gastschülerin Deutschland kennenzulernen. „In dieses Abenteuer habe ich mich mit einem komischen Gefühl gestürzt. Schließlich kannte ich dort nichts und niemanden.“ Dass sie aber mit genau diesem Empfinden am heutigen Samstag wieder ins Flugzeug steigen wird, damit hatte Sarah nicht gerechnet. Denn ihre Heimreise ist gar keine.

In Venezuela herrscht Chaos. Die Wirtschaft ist am Ende. Lebensmittel sind knapp. Demonstrationen und Straßenschlachten forderten seit April schon mehr als 100 Tote. „Meine Familie ist deswegen vor drei Monaten nach Argentinien, nach Buenos Aires gezogen“, erzählt Sarah. Und genau dorthin bringt sie nun der Flieger.

Auf die Abiturientin warten nur noch ihre Eltern, ihre Geschwister Martina (6) und Carlos (4) und zwei Koffer mit ihren wichtigsten Sachen. Ihr altes Zimmer, unzählige Freunde, ihre Heimatstadt Lecheria – all das gibt sie auf, ohne bisher die Chance gehabt zu haben, sich verabschieden zu können.

Stattdessen muss sie heute am Flughafen ihrer Gastfamilie auf Wiedersehen sagen. Was mindestens genauso schwerfällt. Ein Jahr lang wohnte Sarah bei Familie Mersmann , bei Simone und Alexander, bei Emil (5) und Nora (3). „Sicherlich mussten wir uns alle zunächst aneinander gewöhnen. Es war schon eine Umstellung“, sagt Simone Mersmann. „Aber“, ergänzt ihr Mann, „wir haben nicht nur Sarah kennengelernt, sondern mit ihr ein anderes Land, eine andere Kultur. Genau das war es, was wir uns erhofft hatten. Es war eine durchweg positive Erfahrung.“

Und exakt so berichtet auch Sarah Ortega über ihren einjährigen Deutschland-Besuch. „Ich war etwas erstaunt darüber, wie hilfsbereit die Menschen hier sind, obwohl sie einen kaum oder gar nicht kennen. Alle waren sehr offen – außer beim Feiern“, grinst sie. „In Deutschland sitzen alle mit Kopfhörern im Bus oder Zug. In Venezuela brauchen wir die Dinger nicht, da singen wir gemeinsam.“ Doch es gab auch Ausnahmen: „Das Oktoberfest war eines meiner absoluten Highlights. Nicht etwa weil das Fest typisch deutsch ist, sondern weil die Deutschen da fast schon südamerikanisch feierten.“

Sarah hat viel erlebt in den zwölf Monaten: den Jahreswechsel, ihren 18. Geburtstag am 29. Januar, „den ersten richtigen Schnee. Denn das kann man nicht mit einem klassischen Winterurlaub vergleichen. Ich habe mir Emil und Nora geschnappt und erstmal eine zünftige Schneeballschlacht veranstaltet.“

Sie hat auch viel gesehen: Münster, Dresden, Berlin. Mit einem Kurs des Werner-von-Siemens-Gymnasiums besuchte sie einige Tage Wien. Doch am besten gefallen hat es Sarah Ortega in Köln. „Das lag einzig und alleine am Dom. Ich habe noch nie ein Gebäude erlebt, das mich so in seinen Bann gezogen hat. So erhaben, so imposant“, erzählt sie sichtlich beeindruckt.

Nur von sich selbst wurde Sarah noch etwas mehr überrascht: „Mich hat es sehr erstaunt, wie wohl ich mich in Gronau gefühlt habe. Simone, Alexander, die Kinder, die Verwandtschaft und Freunde – sie waren wie eine echte Familie. Ich habe fast komplett vergessen, dass mich mehrere Tausend Kilometer von zu Hause trennen.“ Einen Ort, den sie erst einmal nicht wiedersieht. Aber vielleicht ja die Dinkelstadt. „Leider waren die organisatorischen und finanziellen Hürden für ein Studium so kurzfristig zu hoch. Aber wer weiß?“ Denn gerade Sarah Ortega hat erfahren, wie rasant sich die Dinge in einem Jahr entwickeln können.

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