Serie „Das erste Mal“: Antrag mit Top-Romantikfaktor und griechisches Liebespfand
Die Frage der Fragen

GRONAU/SANTORINI -

Die Kulisse hätte kaum perfekter sein können: Sonnenuntergang, ruhige See und leise Musik aus einer Taverne. Eine laue Sommernacht kündigte sich an, die wenigen Kreuzfahrttouristen, die sich tagsüber in den Gassen von Thira verlaufen hatten, waren längst wieder an Bord des Luxusliners, der in der Caldera vor Anker lag. Zurück blieben die Einheimischen, einige Rucksacktouristen und eine überschaubare Zahl Festlandgriechen, die auf Santorin einen Sommerjob hatten.

Dienstag, 15.08.2017, 09:08 Uhr

Die Kulisse ist unvergleichlich – immer wieder zog es mich auf die Vulkaninsel Santorin, wie hier 1985, aber das denkwürdigste Erlebnis hatte ich beim ersten Mal. Der Armreif (unten links) erinnert mich noch heute daran.
Die Kulisse ist unvergleichlich – immer wieder zog es mich auf die Vulkaninsel Santorin, wie hier 1985, aber das denkwürdigste Erlebnis hatte ich beim ersten Mal. Der Armreif (unten links) erinnert mich noch heute daran. Foto: Christiane Nitsche

Costas zum Beispiel. Costas, der jetzt neben mir oben auf der weiß getünchten Mauer hockte. Costas, der plötzlich nach meiner Hand griff, mir ohne weitere Erklärung einen bronzenen Armreif ums Handgelenk legte. Costas, der mich dann ansah und mir die Frage aller Fragen stellte. Oder hatte ich das etwa geträumt?

Sommer 1981. Ich war gerade 17, kaum flügge und zum ersten Mal längere Zeit allein unterwegs in der Welt. Santorin galt damals noch als Geheimtipp unter Rucksacktouristen. Auf der Insel lebten Aussteiger, Künstler, Hippies und Alternative neben frühen Ökobauern, Gastronomen und „normalen“ Hoteliers.

Wer wie wir mit der Fähre anreiste – und das waren die meisten – musste entweder zu Fuß oder auf dem Rücken eines Esels den beschwerlichen Weg vom Fuß der Caldera hinauf auf die Kuppe des erloschenen Vulkans antreten. Dort lagen wie verstreute Würfelzucker die Siedlungen mit einigen wenigen Hotels, Shops und Restaurants.

Gemeinsam mit einer Schulfreundin war ich einige Wochen zuvor aufgebrochen, der Enge unserer überbehüteten Elternhäuser zu entrinnen – und um festzustellen, ob es das wirklich gab, wovon alle redeten: Sex, Drugs und Rock‘n‘Roll.

Dass ich kurz vor der Heimreise den ersten Heiratsantrag meines Lebens bekommen würde, gehörte nicht zu den Erfahrungen, die ich mir erhofft hatte. Doch bevor jetzt gerührte Leser – oder Leserinnen – aufseufzen bei soviel Rosamunde-Pilcher-verdächtiger Szenerie: Es gab kein Happy End.

Eigentlich unverständlich: Costas war 20, kam aus gutem Haus, sah gut aus – er war erstaunlich blond für einen Griechen und er war erstaunlich zurückhaltend für dieses Hippie-Aussteiger-Traumtänzer-Umfeld, in dem wir uns auf der Insel bewegten. Das einzig Alltägliche an ihm war sein Name – jeder Zweite, den wir trafen hieß so. Meine Freundin hatte sich in den Betreiber einer Diskothek verliebt – namens Costas. Dieser Liaison wegen waren wir überhaupt länger auf der Insel geblieben als ursprünglich geplant.

Auch der Bruder der jungen Griechin, mit der ich zur Finanzierung meines Aufenthalts den Job als Küchenhilfe in einem Hotel teilte, hieß so. Der Koch: Costas. Sein Cousin: ebenso. Aber es war nicht der Allerweltsname, der mich davon abhielt, an der Seite eines vielversprechenden Unternehmersohns aus Athen im griechischen Ehehafen meinen mediterranen Lebenstraum zu leben – es war zu einfach zu früh.

Wir kannten uns gefühlt eine Woche. Vielleicht waren es auch zehn Tage, so genau weiß ich das heute nicht mehr. Aber ich erinnere mich gut daran, dass wir endlose Gespräche geführt hatten über das Leben, über Politik, über das, was jeder Mensch für andere tun kann, über Freundschaft, über Musik, über Liebe – und ich erinnere mich an das Gefühl, soeben völlig überrumpelt worden zu sein: Wir kannten uns. Aber wir waren kein Paar. Da war kein Indiz für Liebe. Kein Kuss, kein Puls, kein Rock‘n‘Roll – von Sex‘n‘Drugs ganz zu schweigen.

Und dann war da noch diese Stimme in meinem Hinterkopf, die sagte: „Mach Abitur, mach erstmal was aus deinem Leben.“ Komischerweise war es meine eigene, nicht die meiner Eltern, die ich da hörte. Dieselbe, mit der ich schließlich in den sagenhaft schönen Sonnenuntergang hinein flüsterte: „Nein“. Ich fühlte mich wie ein Verräter am Schicksal, am schönstmöglichen Moment überhaupt.

Dann versuchte ich, den Armreif abzunehmen, um ihn zurückzugeben. Aber Costas legte wieder die Hand über mein Handgelenk und drückte so fest zu, dass sich der Reif um das Gelenk schloss. „Behalt ihn“, sagte er. Er soll dir Glück bringen.“ Am folgenden Tag reiste er ab. Ich habe ihn nie wieder gesehen.

Es dauerte eine Weile, bis ich den Armreif lösen konnte. Da war ich längst wieder in Deutschland und hatte mich am Gymnasium zurückgemeldet. Doch behalten habe ich ihn, auch nachdem ich viele Jahre später zum zweiten Mal gefragt wurde, ob ich den Bund fürs Leben wagen wolle. Ich habe „Ja“ gesagt. Aber das ist eine andere Geschichte.

  Foto: Christiane Nitsche

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