Entflechtung des Stillingsgrabens beschäftigt Stadt und Planer inzwischen seit 17 Jahren
Eine Aufgabe für Jahrzehnte

Gronau -

So harmlos, wie es dahinfließt, könnte man das kleine Gewässer für einen x-beliebigen Graben halten. Doch der Stillingsgraben ist alles andere als harmlos: Seit 1999 beißen sich Planer und Techniker an seiner Entflechtung die Zähne aus – und ein Ende ist noch lange nicht in Sicht, wie der Verkehrsausschuss am Dienstagabend erfuhr.

Donnerstag, 21.09.2017, 09:09 Uhr

Sieht harmlos aus, hat es aber in sich:  Die Entflechtung des Stillingsgrabens, hier im Bereich der Albrechtstraße, beschert Planern und Technikern eine „Jahrzehnte-Aufgabe“.
Sieht harmlos aus, hat es aber in sich:  Die Entflechtung des Stillingsgrabens, hier im Bereich der Albrechtstraße, beschert Planern und Technikern eine „Jahrzehnte-Aufgabe“. Foto: Klaus Wiedau

Diplom-Ingenieur Hans-Georg Flick (Flick Ingenieurgemeinschaft Ibbenbüren), schilderte den Politikern den aktuellen Sachstand des geplanten Entflechtungsprozesses, den er als „Jahrzehnte-Aufgabe“ beschrieb. Und auch ein Blick auf die Kosten verdeutlicht, dass es nicht um eine kleine Maßnahme geht: Allein für den ersten Bauabschnitt werden die Kosten auf rund 1,7 Millionen Euro beziffert.

Der Stillingsgraben, technisch als „Gewässer 9000“ bezeichnet, entwässert im Süden Gronaus ein größeres Einzugsgebiet (ähnliche Gewässer sind der Piepenpohlgraben im Nordosten, der Bösingbach in Epe und das Gewässer 1160 in Gronau). Das Wasser des Stillingsgrabens und des Piepenpohlgrabens – zusammen rund 300 000 Kubikmeter pro Jahr – wird seit einer gefühlten Ewigkeit in den Mischwasserkanal eingeleitet, nimmt dann über zwei Pumpwerke seinen Weg zum Klärwerk, wo es den Reinigungsprozess durchläuft und in die Dinkel abgegeben wird. Dieser Zustand ist aufgrund gesetzlicher Bestimmungen (Landeswassergesetz) nicht zulässig, die Bezirksregierung hat die Stadt daher 1999 aufgefordert, für einen offenen Wasserablauf in die Dinkel zu sorgen.

Die Planungen dafür laufen inzwischen seit 17 Jahren, wie Flick sagte. Sein Büro ist mit dem Vorgang seit 2006 befasst. Unzählige Trassenvarianten wurden seitdem auf ihre Machbarkeit überprüft. Unter anderem die zunächst favorisierte Lösung, das Wasser entlang der B 54 in Richtung Dinkel zu führen.

Viele der angedachten Lösungen sind bisher aus unterschiedlichen Gründen gescheitert. Gleichwohl gibt es inzwischen eine Trasse, wie Flick berichtete. Sie verläuft vom Harberskamp entlang der Eßseite, dann entlang der Bahnstrecke Gronau-Dortmund Richtung Gronau, verschwenkt nördlich des Bauhofes in Richtung Eper Straße, unter der Straße hindurch Richtung Eschweg, verschwenkt dort erneut und endet schließlich in der Umflut. Um den Bau der jetzt gefundenen Gewässerführung zu realisieren, sind nach Flicks Angaben sechs Bauabschnitte ( BA ) erforderlich. Der erste BA würde die Strecke von der Umflut bis zum Harberskamp umfassen. „Wir können die Trasse nur sukzessive vom Unterlauf zum Oberlauf abarbeiten“, umschrieb Flick die Vorgehensweise. Denn: „Wenn es im Unterlauf nicht funktioniert, brauchen wir an den anderen Abschnitten gar nicht weiterzuarbeiten.“

Bedenken von Anliegern, durch die Neutrassierung des Stillingsgrabens würde für sie die Hochwassergefahr steigen, konnten nach Flicks Angaben nicht nur entkräftet werden. Vielmehr sei durch aufwendige Berechnungen und Simulationen der Nachweis erbracht worden, dass durch die neue Trassierung eine extreme Hochwassergefahr sogar wirksam gebannt werden könnte.

Neben den Kosten und den technischen Gegebenheiten, die es zu beachten gilt, hält das Projekt noch eine andere große Herausforderung bereit: Den erforderlichen Grunderwerb von den Anliegern. Denen wurde die geplante Streckenführung bereits im Sommer 2015 vorgestellt. Flick über die Reaktion: „Die Begeisterung hielt sich in Grenzen.“ Und das, obwohl sich Planer, Stadt und weitere beteiligte Behörden inzwischen auf eine minimale Ausbauvariante geeinigt haben.

Ursprüngliche Planungen sahen eine bis zu 50 Meter breite Trasse (Gewässer und Randzonen) vor. Aktuell soll davon noch – je nach örtlicher Gegebenheit – eine unter 20 bis rund 30 Meter breite Führung übrig sein. Flick: „Wir glaubten, einen Vorschlag zu haben, mit dem wir auf die Landwirte zugehen, doch da gibt es immer noch Gegenwehr.“ Und so verlaufen die Grunderwerbsverhandlungen zäh. „Uns fehlt beim Thema Grunderwerb an der einen oder anderen Stelle noch der elementare Durchbruch“, umschrieb Stadtbaurat Frank Vetter die Situation vor dem Ausschuss. „Ich bin aber nach wie vor guter Hoffnung.“

Die Sorge der Landwirtschaft brachte Ausschussvorsitzender Josef Krefter in die Debatte ein. Trotz getroffener Absprachen befürchten offenbar viele, dass bei der Trassierung die sogenannte „Blaue Richtlinie“ für die Entwicklung naturnaher Fließgewässer zum Tragen kommen könnte, die unter anderem einen höheren Flächenverbrauch für Ufer- und Randbereiche sowie Biotope zur Folge hätte. „Zum Nachteil der Landwirtschaft“, so Krefter. Daher seien viele nicht zum Verkauf von Flächen bereit. Der Tenor dabei: „Nicht mal für 100 Euro pro Quadratmeter Ackerfläche – wenn ich danach auf meinem Kotten nicht mehr machen kann, was ich will.“

Und wie geht es weiter? Sollte es beim Grunderwerb keine einvernehmlichen Lösungen geben, ist ein umfangreiches Planfeststellungsverfahren erforderlich, das notfalls auch „durchzukämpfen“ sei, wie Flick es formulierte. In der Folge könnte – im schlimmsten Fall – die Enteignung von Grundstückseigentümern stehen. „Eine heiße Kartoffel“, so Flick. So heiß, dass sie am liebsten niemand in die Hand nehmen würde.

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