Jean-Philippe Kindler gewinnt den zwölften Gronauer Poetry-Slam
Sisyphos hätte Spaß gehabt

Gronau -

Eine Bühne im Atrium des Cinetech-Kinos, ein Mikrofon und ein großer Bogen Papier auf einer Flip-Chart, magisch ausgeleuchtet mit blauem Licht. Mehr braucht es nicht, um einen Poetry-Slam, einen Dichterwettstreit, durchzuführen. Damit der zum Erfolg wird, braucht es natürlich Slamer, die gelungene, selbstverfasste Texte in packender Manier vortragen. Und nicht zuletzt ein Publikum, das bereit ist mitzugehen.

Montag, 02.10.2017, 08:10 Uhr

Einige Besucher hatten Wertungstafeln erhalten, mit denen sie nach den einzelnen Auftritten die Vorträge bewerteten.
Einige Besucher hatten Wertungstafeln erhalten, mit denen sie nach den einzelnen Auftritten die Vorträge bewerteten. Foto: Norbert Diekmann

Als Moderator des zwölften Gronauer Poetry-Slams betrat Marian Heuser die Bühne. Heuser, der selbst seit 2008 als Slamer auftritt und unter anderem einen Titel als Niedersachsen-Meister aufweisen kann, erklärte kurz die Spielregeln. Fünf Punkte: „Hätte ich an guten Tagen selber hingekriegt.“ Neun Punkte: „Der Text war wunderschön, der Mensch leider hässlich. Oder was weiß ich, warum der zehnte Punkt abgezogen wurde.“

Die Wertungstafeln wurden im Publikum verteilt und unter seinem Künstlernamen Peter Panisch lieferte der Moderator einen Beitrag für einen Probedurchgang. Alles klappte, das Publikum war bereit.

Sieben Kandidaten stellte Heuser den Zuschauern vor: Die Marburgerin Julia Szymik, Christian Gottschalk aus Köln, Jakob Kielgaß (Marburg), „Die Blumenschackerin“, so der Künstlername der Gronauerin Nele Flaccus, Jean-Philippe Kindler (Tübingen), Yanik Sellmann (München) und Felicitas Friedrich aus Bochum. Diese sieben Poeten mussten mit ihrem sechsminütigen Vortrag das Publikum überzeugen.

Julia Szymik bekannte: „Ich bin nicht so gut im erwachsen sein“ und porträtierte den „autistischen Tag“ der kleinen Schwester. Sie schloss mit einer Hoffnung: „Ich will mit dir in das Haus zurückkehren das zu Hause war.“

Christian Gottschalk reihte eine Themengirlande aneinander. Es ging von der als Diddelmaus verharmlosten NSU-Tschäpe, zu JoLo-Texte („Man lebt nur einmal, aber das reicht dann auch.“) und endete noch nicht bei der Jury-Beschimpfung: „Geliehene Macht“ der „Literaturpäpste auf Zeit“, um schließlich in genauer Beobachtung Flohmärkte als Kapitalismus in der Nussschale und Fußballstadien als Hass-Quellen zu entlarven.

Philosophisch wurde es bei Jakob Kielgaß. Angelehnt an Sisyphos und Albert Camus variierte er sein Motto „Du musst dürfen“.

Der Text der Gronauer „Blumenschackerin“ stand unter dem Motto „Das sind wir alle“. Leseerfahrungen und Elternrolle in ihrer Bedeutung fürs Erwachsenwerden. Und das Ergebnis: „Wir trennen den Müll und können nicht loslassen.“

Einen unterhaltsamen Rückblick auf den Bundestagswahlkampf packte Jean-Philippe Kindler in seinen Beitrag.

Als Filmkritiker startete Yanik Sellmann. La La Land hat ihn wohl nicht überzeugt: „Und dann ist der Film zu Ende – hallo, Depression, ich komme.“ „Ich will meinen Kindheitstraum verwirklichen. Und was habe ich gemacht? Praktikum habe ich gemacht.“

Den Abschluss der ersten Runde machte Felicitas Friedrich. Ihre Dichtung orientierte sich an dem Refrain „Du musst Dich nicht messen. Ich mag dich im Herzen so wie Du bist“.

Die Stimmkartenhalter im Publikum und ihre Platznachbarn kamen zu einem überzeugenden und nachvollziehbarem Ergebnis, das Inhalte und literarische Qualität der Texte sowie die Vortragskunst der Autoren berücksichtigte. Für die Finalrunde qualifizierten sich so Yanik Sellmann, Felicitas Friedrich und Jean-Philippe Kindler.

Von den dreien überzeugte Jean-Philippe Kindler mit einem fulminant vorgetragenen Text in einer knappen Entscheidung am meisten. Kindheitserinnerung: asoziale Fußball-Eltern, pöbelnd, bis der Vater bremst: „Das geht zu weit.“ Poetische Schilderung der Bahnfahrt nach Hause. Der schlimmste Satz des Vaters: „Bin nicht sauer, bloß enttäuscht.“ Und die Wendung zum Schluss: „Bin froh, dass es euch gibt.“

Im Vorfeld hatten die Veranstalter einen fantastischen Abend versprochen. Das war nicht zu viel versprochen.

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