Johannes Reef referierte über die kulturellen Unterschiede zwischen Deutschen und Niederländern
Normal ist schon verrückt genug

Gronau -

Das Foto vom Finale der Fußball-WM 1974 spricht Bände. Es zeigt den gerade gefoulten Johan Cruyff. Im Oranje-Trikot. Ausstatter der niederländischen Nationalelf war damals Adidas. Doch Cruyffs Shirt hatte nicht die typischen drei, sondern nur zwei Streifen. Warum? „Cruyff hatte – als einer der ersten Profi-Fußballer überhaupt – einen Werbevertrag, und zwar mit Puma“, erläuterte Dr. Johannes Reef. „Und Puma hatte ihm vertraglich untersagt, im Adidas-Trikot aufzulaufen.“ Die Lösung: Cruyff spielte eben in einem Adidas-Trikot mit zwei Streifen. „Ein Sinnbild für den niederländischen Pragmatismus“, sagte Reef, Geschäftsführer von D-NL Business. Er referierte am Donnerstag beim Unternehmerfrühstück der WTG zum Thema „Geschäfte unter Nachbarn: Wie Deutsche und Niederländer sich begegnen“.

Freitag, 06.10.2017, 08:10 Uhr

Dr. Johannes Reef erläuterte in seinem Referat beim Unternehmerfrühstück im Wirtschaftszentrum die Unterschiede in Kultur und Mentalität zwischen Deutschen und Niederländern.
Dr. Johannes Reef erläuterte in seinem Referat beim Unternehmerfrühstück im Wirtschaftszentrum die Unterschiede in Kultur und Mentalität zwischen Deutschen und Niederländern. Foto: Martin Borck

Unterschiede in Kultur und Mentalität (und Humor) sind nicht von der Hand zu weisen und können zu Irritationen führen. In der niederländischen Geschäftswelt existieren zwar Hierarchien, doch sind sie deutlich subtiler als in Deutschland.

„In den Niederlanden wollen alle Mitarbeiter in Entscheidungsprozesse eingebunden werden. Das erfordert längere Diskussionen, um Konsens zu erreichen.“ Wobei es durchaus vorkomme, dass ein einmal gefundener Kompromiss überdacht wird, wenn die Situation das geboten erscheinen lässt. Natürlich wieder „in overleg“, also im Gespräch, so Reef . Und: „Während der Niederländer einfach mal loslegt und macht, erstellt der Deutsche zuerst einen Plan, bevor er anfängt. Mit einem Plan B in der Hinterhand. Die Niederländer haben eher einen pragmatischen Ansatz“. Und einen positiveren Begriff von Kompromiss, der in Deutschland eher mit dem Etikett „faul“ behaftet ist.

Die kulturellen Unterschiede manifestieren sich auch in der Werbung, so Reef: In Deutschland stehen Fakten im Mittelpunkt; die Niederländer verkaufen eher ein Lebensgefühl, das mit dem Erwerb von Produkten erzielt werden kann. Während der Deutsche dazu neige, seine Fähigkeiten zu betonen, pflege der Niederländer eher Untertreibung.

Woher die Unterschiede kommen? „Die flachen Hierarchien sind unter anderem im Calvinismus begründet, der im 17. Jahrhundert, als die Niederlande als Nation entstanden, die Gesellschaft prägte“, so Reef. „Vor Gott sind demnach alle Menschen gleich. Ganz egal ob Chef oder Mitarbeiter. Ein Sprichwort lautet: Verhalte dich normal, das ist schon verrückt genug.“ Auch der ständige Kampf gegen das Wasser förderte die Gemeinschaft. Nicht zuletzt seien die Niederlande eine Handelsnation, im Gegensatz zum Industriestaat Deutschland mit einer militaristisch-preußischen Vergangenheit.

Für Reef bietet das Leben und Arbeiten in der Grenzregion Chancen: „Die Kombination aus niederländischem Pragmatismus und deutscher Präzision – die ist fast nicht zu schlagen.“

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