Kranzniederlegung am Volkstrauertag
Solidarität ist das Rückgrat der Freiheit

Gronau -

Der alljährliche Volkstrauertag dient der Erinnerung. Dass aber irgendwann auch einmal ein Schlussstrich gezogen werden müsste, ist immer wieder zu hören. Pfarrerin Bettina Roth-Tyburski, Rednerin während der Gedenkfeier am Sonntag in der Aula des Gymnasiums, ist mit solchen Ansichten ebenfalls schon konfrontiert worden. Natürlich sei es wichtig nach vorn zu schauen, so Roth-Tyburski, gleichzeitig sei „ein Blick zurück immer wichtig und hilfreich, um zum einen Vergangenes nicht zu vergessen und zum anderen Konsequenzen daraus für die Zukunft zu ziehen, ja daraus zu lernen.“

Montag, 20.11.2017, 06:11 Uhr

Die Stadtkapelle führte den Gang zum Ehrenmal an.
Die Stadtkapelle führte den Gang zum Ehrenmal an. Foto: Sigrid Winkler-Borck

Ähnlich drückte es Bürgermeisterin Sonja Jürgens aus, indem sie darauf hinwies, dass sich Vergangenes zwar nicht ändern ließe. „Wer aber vor der Vergangenheit die Augen verschließt, wird blind für die Gegenwart.“

Genaues Hinsehen und genaues Zuhören mahnte Bürgermeister Jean Paul Gebben aus Losser an. Er schilderte eine bewegende Begegnung mit einer alten Dame aus Arnheim, die aus nächster Nähe die „Schlacht um Arnheim“ erlebt hatte. Verletzte englische Soldaten seien gepflegt und versorgt worden, deutsche aber nicht. Sie jedoch habe nur daran denken können, dass diese deutschen Soldaten, noch fast Kinder, doch auch Eltern und Geschwister hätten, nicht kämpfen wollten und lieber in Freiheit hätten leben wollen.

„Meine Beurteilung der alliierten Kriegsopfer im Vergleich zu meiner Beurteilung der deutschen Kriegsopfer ist seit jenem Gespräch weitaus differenzierter“, sagte Gebben. Es seien solche persönlichen Geschichten, „die dafür sorgen, dass wir Gleichgültigkeit nie wieder zulassen dürfen“, sagte Gebben und betonte: „Solidarität ist das Rückgrat unserer Freiheit.“ „Solidarität“, so der Niederländer weiter, „ist aber auch ein Maßstab bei der Frage, ob wir unsere eigene Freiheit in Europa noch wirklich zu schätzen wissen“.

Für Sonja Jürgens gibt der Volkstrauertag Anlass, „demütig zu betrauern: dass es keine endgültig errungene moralische Vollkommenheit gibt – für niemanden und kein Land“.

Pfarrerin Roth-Tyburski sieht die Bedeutung des Volkstrauertages auch darin, uns zu mahnen, „damit wir uns für Frieden und Versöhnung, für die Wahrung der Menschenrechte, die Würde des Menschen einsetzen, damit Krieg und Gewalt, Flucht und Vertreibung wirksam bekämpft werden können“. Vor diesem Hintergrund hat der Volkstrauertag nach wie vor seine Berechtigung.

Dass der Volkstrauertag einst Heldengedenktag hieß, darauf wiesen drei Mitglieder des Förderkreises Alte Synagoge (Heinz Krabbe, Norbert Diekmann und Bettina Roth-Tyburski) hin. Sie erinnerten daran, dass jüdische Mitbürger aus Gronau und Epe während des Ersten Weltkriegs als Soldaten für Deutschland gekämpft hatten.

Namentlich genannt wurde der Metzgersohn Hermann Poppert, der bereits 1914 an den Folgen einer Verwundung gestorben ist. Zwei überlebende Soldaten jüdischen Glaubens, Max Steinmann und Bernhard Weyl, seien, so Heinz Krabbe, noch 1935 mit dem „Ehrenkreuz für Frontkämpfer“ ausgezeichnet worden. Dass auch Juden unter den Frontsoldaten gewesen seien, hätten sich die damals regierenden Nationalsozialisten in ihrem Rassenwahn wohl nicht mehr vorstellen können, meinte Norbert Diekmann.

Die musikalische Gestaltung der Gedenkfeier übernahmen das Bläserensemble Just Brass und der Gronauer Männerchor von 1877. Den Gang zum Ehrenmal, an dem auch Mitglieder der türkisch-islamischen Gemeinde einen Kranz niederlegten, führte die Stadtkapelle an.

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