Gewerkschaften sehen sich als Partner für Grenzpendler
„Wir gehen auf individuelle Belange ein“

Gronau -

Was braucht ein Arbeitnehmer, der wegen Blitzeis zu spät zur Arbeit kommt, am dringendsten? Rechtssicherheit! Die Gewerkschaften hierzulande können ein Lied davon singen, sagt Gewerkschaftssekretär Volker Nicolai-Koß vom DGB in der Region Münsterland. „Auskünfte dieser Art zu geben, gehört zu unseren klassischen Aufgaben“. Niederländer gehen wesentlich lockerer mit so einem Thema um. „Da ruft man den Chef an und sagt, dass es ein bisschen später wird. Da wird kein großes Bohei drum gemacht“, schildert Hans Hupkes vom Gewerkschaftsbund FNV in Twente. Alles locker also im Staate Niederlande? „Nun“, schränkt Hupkes ein, „wenn der Chef in solch einem Fall Fünfe gerade sein lässt, erwartet er im Gegenzug dieselbe Flexibilität von seinen Mitarbeitern und eine höhere Verantwortung für das Unternehmen.“ Auch dass man mitdenkt und seine Meinung sagt, ist in Betrieben jenseits der Grenze durchaus üblich. Diese Freiheiten haben ihren Preis: „Bei uns werden deutlich mehr unbezahlte Überstunden geleistet als in Deutschland“, sagt Hupkes.

Mittwoch, 06.12.2017, 10:12 Uhr

Volker Nicolai-Koß (l.) und Hans Hupkes sehen in den Gewerkschaften wichtige Partner für Grenzpendler.
Volker Nicolai-Koß (l.) und Hans Hupkes sehen in den Gewerkschaften wichtige Partner für Grenzpendler. Foto: Frans Nikkels

Grenzpendler müssen sich auf derartige kulturelle Unterschiede am Arbeitsplatz einstellen. Es sind nicht nur die Sozialversicherungen und Steuergesetze, die immer noch lästige Hürden aufwerfen. Die sind allerdings überwindbar. Die Beratungsangebote des Grenz-Info-Punkts der Euregio in Gronau bieten Lösungen für quasi jedes Problem.

„Der Grenz-Info-Punkt macht wirklich gute Arbeit“, bestätigt Hupkes . „Doch wir Gewerkschaften gehen weiter. Wir brauchen schließlich nicht objektiv zu sein. Wir können konkreter auf die individuellen Belange des Arbeitnehmers eingehen. Zum Beispiel: Ist ein Minijob was für den Arbeitsuchenden? Wo sind die Haken bei einem befristeten Arbeitsvertrag? Wie sehen die Tarifverträge aus?“ In diese Richtung wird der FNV vom kommenden Sommer an seine grenzüberschreitende Beratung ausbauen.

„Wir sind im Münsterland noch nicht so weit“, gibt Nicolai-Koß zu. In Kleve gibt es bereits eine gewerkschaftliche Beratung für Grenzpendler, die gut angenommen werde. Mitglieder des FNV und der DGB-Gewerkschaften profitieren zudem von einem Vertrag über gegenseitige Rechtshilfe bei grenzüberschreitender Ar­beit. „Eine grenznahe Beratung bräuchten wir hier auch“, sagt Nicolai-Koß. Man könnte sie an die vorhandene Infrastruktur in Gronau andocken. Doch die Realisierung hängt davon ab, ob die dem DGB angeschlossenen Gewerkschaften bereit sind, eine Stelle mit einem hauptamtlichen Mitarbeiter zu finanzieren. „Wir müssen sie vom Nutzen und der Notwendigkeit überzeugen.“ Ein Nutzen wäre ein Zuwachs an Mitgliedern. Im Münsterland sind rund 110 000 Arbeitnehmer in den DGB-Gewerkschaften organisiert – verhältnismäßig wenig. Das liegt an der Struktur mit vielen kleineren und mittleren Handwerksfirmen, in denen es wenig Betriebsräte und Gewerkschaftsmitglieder gibt. „Doch auch deren Arbeitnehmer profitieren von der Mitbestimmung“, wirbt Nicolai-Koß.

DGB und FNV verstehen sich auch als Lobbyisten für Grenzpendler und als Interessenvertreter für Arbeitnehmer auf europäischer Ebene. „Ohne Gewerkschaften laufen Arbeitnehmer Gefahr, dass ihre Errungenschaften wieder abgeschafft werden“, sagt Nicolai-Koß.

Mindestlohn ist so eine Errungenschaft, die in den Niederlanden schon vor vielen Jahren eingeführt wurde. Nicolai-Koß nennt auch die Allgemeinverbindlichkeit von Tarifverträgen, die im Nachbarland wesentlich ausgeprägter ist als hierzulande.

Unterschiede zeigen sich auch bei Tarifverhandlungen. „In Deutschland kommen beide Seiten immer mit Maximalforderungen, heraus kommen Minimallösungen, mit denen oft keiner so richtig zufrieden ist.“ In den Niederlanden dagegen setze man sich in dem Bewusstsein an den Tisch, gemeinsam zu einvernehmlichen Lösungen zu kommen, von der beide Seiten profitieren. Diese Art des Verhandelns liegt den Niederländern in den Genen. Konsens war dort schon immer erforderlich, um Deiche zu bauen und zu sichern, um dem Meer Land abzutrotzen (die Polder – daher der Name Poldermodell). Das Poldern macht die Wirtschaft schlagkräftiger; die Flexibilisierung der Arbeit und Teilzeitarbeit geht aber auf Kosten der Arbeitnehmer. Jüngere erhalten immer seltener unbefristete Verträge.

Von den jeweiligen Erfahrungen der anderen Seite können und wollen die Gewerkschaften lernen, sagt Nicolai-Koß. Schon jetzt kommen DGB und FNV im interregionalen Gewerkschaftsrat Rhein-Ijssel zusammen. Die Gestaltung des grenzüberschreitenden Arbeitsmarkts wollen sie schließlich nicht allein den Arbeitgeber- und Wirtschaftsverbänden überlassen.

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