Blickpunkt der Woche: Reform der Übermittagsbetreuung an Grundschulen
Komplexe Materie

Gronau -

Die Übermittagsbetreuung an den Grundschulen wird von Vereinen organisiert. An manchen Schulen schon seit Jahrzehnten. Jetzt will die Stadt über eine Satzung erheblich in die Gebührengestaltung und die Beitragserhebung eingreifen. In den Vereinen formiert sich Widerstand.

Samstag, 09.12.2017, 10:00 Uhr
Veröffentlicht: Samstag, 09.12.2017, 10:00 Uhr
Über den Weg in die Übermittagsbetreuung wird derzeit gestritten. Während Politik und Verwaltung eine achtstufige Differenzierung nach dem Einkommen der Eltern favorisieren, möchten die Träger-Vereine an einem einheitlichen Beitrag festhalten.
Über den Weg in die Übermittagsbetreuung wird derzeit gestritten. Während Politik und Verwaltung eine achtstufige Differenzierung nach dem Einkommen der Eltern favorisieren, möchten die Träger-Vereine an einem einheitlichen Beitrag festhalten. Foto: Heinrich Schwarze-Blanke

Die Übermittagsbetreuung (Ümi) an Grundschulen (verlässliche Betreuung von acht bis eins) ist ein wichtiger Baustein für Eltern, die Familie und Beruf unter einen Hut bekommen wollen – oder müssen. Denn es gibt wohl kaum eine Arbeit, die man spontan unterbrechen kann, weil das Kind früher aus der Schule kommt als erwartet.

Deshalb ist es ausgesprochen lobenswert, dass an vielen Gronauer Grundschulen Eltern die Initiative ergriffen und die Ümi über entsprechende Vereine organisiert haben. An der Viktoriaschule zum Beispiel existiert seit ziemlich genau 20 Jahren der „Schülerbetreuung Viktoriaschule e.V.“

Dementsprechend kann ich auch nachvollziehen, dass in den Vereinen jetzt Unruhe aufkommt, weil die Stadt erheblich in die Arbeit der Vereine eingreifen will. Zumal in den Vereinen anscheinend die Meinung vorherrscht, dass dieser Eingriff das Ende ihrer erfolgreichen Arbeit einläutet.

Andererseits kann weder den Politikern noch der Stadtverwaltung daran gelegen sein, dieses stabil laufende Angebot vor die Wand zu fahren. Deshalb glaube ich auch nicht, dass die maximalen Befürchtungen der Vereine begründet sind. Von den Vorständen heißt es nämlich, durch die Reform der Gebührensätze werde die Ümi für die Mehrheit der Eltern zu teuer, sie würden ihre Kinder abmelden. Damit werde die Finanzierung einbrechen und die Ümi binnen eines Jahres zerstört.

Es ist nicht von der Hand zu weisen, dass mit den veränderten Beiträgen – so sie denn kommen – einige Bewegung in die Ümi kommen wird. Allerdings umfasst die Reform deutlich mehr als nur eine Staffelung der Beiträge nach dem Einkommen der Eltern. Sie bezieht die Ümi – anders als bisher – nämlich auch in die Beitragsbefreiung von Geschwisterkindern ein. Deshalb müssen alle Eltern mehrerer Kinder erstmal überschlagen, ob die Ümi für sie tatsächlich teurer wird. Denn schon ein zweites Kind im Kindergarten würde dazu führen, dass sie die Ümi quasi geschenkt bekämen.

Auch die Tatsache, dass die Entscheidung für die Reform im Jugendhilfeausschuss (JHA) einstimmig war (bei zwei Enthaltungen aus den Reihen der fraktionslosen Trägervertreter), spricht meines Erachtens nicht dafür, dass hier der Niedergang der Ümi beschlossen wurde. Das Gremium ist viel zu heterogen besetzt, als dass in diesem Fall nicht einige Mitglieder quergeschossen hätten. Und selbst wenn, gibt es noch drei weitere politische Gremien, die diese Scharte auswetzen könnten (der Schulausschuss, der Haupt- und Finanzausschuss sowie der Stadtrat befassen sich noch mit dem Thema).

Dass die Wogen der Diskussion nun hochschlagen, hat für mich andere wesentliche Gründe.

Erstens: Dass die Stadt für die Ümi eine Satzung beschließen muss, basiert auf einer Prüfung der Gemeindeprüfungsanstalt im Februar. Die Verwaltung wusste also seit neun Monaten, dass diese Reform ansteht. Als das Thema aber bei einer gemeinsamen Sitzung des Jugendhilfe- und des Schulausschusses am 23. November auf der Tagesordnung stand, wurde es vertagt, weil man es bis dahin offenbar versäumt hatte, mit den Betroffenen zu sprechen. Ein solches Gespräch hat dann zwar stattgefunden, allerdings erst am Tag der nächsten JHA-Sitzung (28. November). Da war natürlich schon ordentlich Druck auf dem Kessel . . . Mir ist bewusst, dass die Verwaltung jede Menge Arbeit hat. Aber in diesem Fall hätte eine frühzeitige Einbeziehung der Ümi-Vorstände wirken könne wie das Bocholter Modell: Hätte man sich rechtzeitig Zeit für Gespräche genommen, hätte man sich die jetzige, hitzige Diskussion ersparen können.

Zweitens: In der Reform der Ümi-Beiträge und auch deren Erhebung (zentral durch ein städtisches „Familienbüro“) kommt ein politischer Gestaltungswille zum Ausdruck. Dadurch kann es zwar dazu kommen, dass sich einige Eltern dieses Angebot nicht mehr leisten wollen, aber auch dazu, dass andere es sich zum ersten Mal leisten können. Dass das den bisherigen Nutznießern nicht passt, ist nachvollziehbar, wird aber nicht offen benannt. Unter der Hand war aber zu hören, dass sich zum Beispiel einige Eltern, die es sich leisten können, einen Ümi-Platz für ihr Kind in Anspruch nehmen, obwohl sie ihn nur sporadisch brauchen. Weil er aber preiswert ist und an einigen Grundschulen auch eine Ferienbetreuung beinhaltet, ist er für diese Eltern trotzdem attraktiv.

Drittens: Viele Menschen informieren sich nur sehr rudimentär, diskutieren aber – bevorzugt auf Facebook, dem digitalen Stammtisch – trotzdem lautstark mit. So kommen scheinbar einfache Erklärungen für tatsächlich komplexe Sachverhalte in die Welt, die von anderen Menschen gerne übernommen werden. Ein konstruktiver Austausch von Argumenten bleibt dabei auf der Strecke.

 

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