Leben mit Morbus Crohn
Die Toilette ist der beste Freund

epe -

Alexandra Hummrich nimmt kein Blatt vor den Mund, wenn es um ihre Krankheit geht. Seit 27 Jahren ist sie an Morbus Crohn erkrankt – und führt seitdem ein Leben mit Einschränkungen und Hindernissen, mit ständigen Krankenhausaufenthalten und ohne Aussicht auf Besserung.

Samstag, 06.01.2018, 07:01 Uhr

Das Laptop ist für Alexandra Hummrich eine zuverlässige Verbindung zur Außenwelt. Wenn sie akute Entzündungsschübe hat, kann sie ihre Wohnung oft nicht verlassen.
Das Laptop ist für Alexandra Hummrich eine zuverlässige Verbindung zur Außenwelt. Wenn sie akute Entzündungsschübe hat, kann sie ihre Wohnung oft nicht verlassen. Foto: Susanne Menzel

„Es ist schwer, soziale Kontakte oder gar eine Beziehung aufzubauen, wenn die Toilette dein bester Freund ist.“ Alexandra Hummrich nimmt kein Blatt vor den Mund, wenn es um ihre Krankheit geht. Seit 27 Jahren ist sie an Morbus Crohn erkrankt – und führt seitdem ein Leben mit Einschränkungen und Hindernissen, mit ständigen Krankenhausaufenthalten und ohne Aussicht auf Besserung.

„Zum ersten Mal kam ich mit elf Jahren wegen massiver Bauchschmerzen in die Klinik“, blickt die gebürtige Berlinerin auf die Anfänge zurück. Damals wurde zunächst Verdacht auf Blinddarmentzündung geäußert, der Wurmfortsatz herausgenommen. „Er war aber okay“, stellte sich dann heraus. Alexandra Hummrich wurde entlassen. „Die Ärzte konnten nichts feststellen“, sagt sie. Die Symptome aber blieben ihr ständiger Begleiter:

Magenkrämpfe, Durchfall, Gewichtsabnahme, Lebensmittelunverträglichkeit. Immer wieder mussten ihre Eltern sie ins Krankenhaus bringen. „Mit zwölf Jahren landete ich in der Charite, wurde auf der Geburtsstation untergebracht. Die Mediziner vermuteten bei mir eine illegale Abtreibung. Mit zwölf Jahren!“, schüttelt sie noch heute den Kopf über diese Fehleinschätzung.

Fehleinschätzungen der Ärzte

Trotz aller körperlichen Einschränkungen legte Alexandra Hummrich einen guten Realschul-Abschluss hin, begann eine Lehre als Glas- und Gebäudereinigerin. Inzwischen hatte ein Arzt den Morbus erkannt: „Ich erhielt entsprechend Medikamente. Die allerdings setzten mir so zu, dass ich immer wieder einen Krankenschein nehmen musste, weil die Wechselwirkung der verordneten Tabletten und Spritzen sich heftigst auf meinen Körper niederschlug“, sagt die heute 38-Jährige.

Mit 17 Jahren erlitt sie dadurch einen Schlaganfall. „Ich war komplett linksseitig gelähmt und musste mich mühsam zurück ins Leben kämpfen“, setzt sich ihre Leidensgeschichte fort. Nach eineinhalb Jahren hatte sie es geschafft. „Ich habe versucht, die Ausbildung zu beenden, mein Körper aber war einfach zu schwach.“

Die Familie ist ein großer Halt

Die Rentenkasse schlug ihr als Alternative eine Ausbildung zur Bürokauffrau vor, die Alexandra Hummrich in verkürzter Zeit durch enormes Engagement durchlaufen hat. Es folgten dann allerdings immer nur kurzzeitige Jobs. „Wer will schon jemand, der ständig krank feiert“, sagt sie ein wenig sarkastisch. „Da steht man bei Kündigungen immer ganz vorne in der Reihe.“

Infoaustausch der „Crohn-Krieger

Morbus Crohn, eine Entzündung des Magen-Darm-Traktes, kann vom Mund bis zum After auftreten und alle Schichten der Darmwand befallen.

Zuckerhaltige, fette oder blähende Speisen, Kaffee, Zitrusfrüchte (Alexandra Hummrich: „Also alles, was schmeckt.“) können akute Entzündungsschübe auslösen. Die Therapie beschränkt sich oft auf Medikamente. Die können den Körper durch ihre Wechselwirkung weiter schädigen. Alexandra Hummrich erlitt bereits einen Schlaganfall und einen Niereninfarkt. Betroffene tauschen sich auf Facebook unter „Crohn Krieger“ aus.

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Inzwischen hatte sie einen 50-prozentigen Behindertenausweis erhalten (Heute sind es bereits 80 Prozent). „Renten- und Krankenkasse haben dann irgendwann entschieden, dass ich aufgrund der Fehlzeiten nicht mehr voll einsatzfähig bin und haben mir empfohlen, mich verrenten zu lassen.“

Vor sieben Jahren ist die gesamte Familie – Eltern und Brüder – von Berlin nach Epe gezogen. „Grund war meine Krankheit. Hier haben wir ein Haus gefunden, in dem wir alle wohnen können“, erklärt Alexandra Hummerich den Hintergrund. „Ohnehin ist meine Familie mein fester Halt. Sie sind immer für mich da. Tag und Nacht“, sagt sie emotional berührt.

Tränen kämpfen sich in ihre Augen. Sie schluckt sie mühsam runter. „Was meine Mutter für mich tut, ist schon einzigartig. Eigentlich ist es ja so, dass die Kinder irgendwann ihre Eltern pflegen. Bei mir als 38-Jährige ist meine Mutter immer noch um mich besorgt und kümmert sich. Ich würde es ihr gerne mit einer besonderen Geste danken. Leider ist das aber bei der geringen Rente, die mir zur Verfügung steht, nicht möglich.“ Vorsorgen konnte Alexandra Hummrich aufgrund der kurzen Berufstätigkeit nicht.

Verzicht auf Vieles zum Wohle Anderer

Nicht nur in diesem Punkt steht ihr die Krankheit im Weg. Auch bei ihren Sozialkontakten bleibt sie dadurch auf der Strecke: „Ich kann ja kaum irgendwo hin. Jeder Weg, jede Verabredung ist so geplant, dass eine Toilette in der Nähe ist. Wenn ich muss, dann innerhalb von zehn Sekunden“, schildert sie. Und selbst die reichen manchmal nicht aus: „Es passiert schon, dass ich mir dann in die Hose mache. Und das ist trotz der Windelvorlagen, die ich als Schutz trage, kein Vergnügen.“

Auf eine Beziehung, auf eine eigene Familie, hat sie bewusst verzichtet: „Wer will schon eine Partnerin mit solchen Einschränkungen?“, fragt sie. Und: „Ich kann auch einem Kind keine Mutter mit dieser Krankheit zumuten.“

Dennoch: Ganz ausschließen will sie sich nicht. „Ich habe einen 450-Euro-Job bei einer Tankstelle im Ort. Mit einem sehr verständnisvollen Arbeitgeber.“ Und wenn sie einkaufen fährt, „nutze ich die Geschäfte, die das „nette Toilette“-Zeichen im Schaufenster haben.“

Jeden Tag ein Lächeln

Ihr ist es vor allem ein Anliegen, „mit meiner Geschichte zu sensibilisieren. Immer noch reagieren Geschäftsleute abweisend, wenn jemand darum bittet, das Klo benutzen zu dürfen. Manche Menschen haben keine Ahnung und kein Verständnis für das, was Morbus Crohn-Erkrankte auf sich nehmen müssen. Da wäre ein wenig mehr Nachdenken schon hilfreich.“

Darüber zu verzagen, das ist allerdings nicht Alexandra Hummrichs Ding: „Morbus Crohn reagiert auf jeden Stress, ob positiv oder negativ. Wenn‘s danach geht, müsste ich alle Gefühle abstellen. Will ich aber nicht. Ich will mich auch freuen dürfen. Trotz aller depressiven Phasen stehe ich jeden Morgen mit einem Lächeln auf. Das vergeht vielleicht mal im Laufe des Tages, der Humor weicht dem Sarkasmus – aber auch das ist eine Gefühlsregung, die ich mir erlaube. Morbus Crohn zum Trotz.“

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