Saeed Moghtaderi über die Unruhen im Iran, Glauben und Leben als Flüchtling
„Wir sind doch Menschen“

Gronau -

Korruption, Vetternwirtschaft, Armut und Arbeitslosigkeit – das sind nur vier von vielen Gründen, die derzeit viele Menschen im Iran auf die Straße treiben. Die einen sprechen noch von Protest, andere schon von Aufstand oder Revolte, ja vom „Iranischen Frühling“. Doch das herrschende Regime wehrt sich, schickt auch seine Anhänger auf die Straße und versucht, den massiven Protest der vielen jungen Menschen brutal mit Knüppeln zu erschlagen. Die traurige Bilanz bisher: Zahlreiche Tote, viele Verletzte. Und in Teheran gärt es weiter – ein Ende der Revolte ist nicht in Sicht. Der „Iranische Frühling“ erst recht nicht.

Dienstag, 09.01.2018, 08:01 Uhr

Saeed Moghtaderi verfolgt die Nachrichten über die Ereignisse in seiner iranischen Heimat. Mit den WN sprach er über die Unruhen, über Glaubensfragen und seine persönliche Situation in Gronau.
Saeed Moghtaderi verfolgt die Nachrichten über die Ereignisse in seiner iranischen Heimat. Mit den WN sprach er über die Unruhen, über Glaubensfragen und seine persönliche Situation in Gronau. Foto: Klaus Wiedau

„Jetzt kann man verstehen, warum ich hier bin“, sagt Saeed Moghtaderi. Seit 2014 lebt er in Deutschland, hat einen Asylantrag gestellt. Irgendwann in den nächsten Wochen soll in einer mündlichen Verhandlung darüber entschieden werden, ob der bleiben darf oder nicht. „Mein letzter Versuch“, so der 28-Jährige Iraner, der heute in Gronau lebt. Die bisherige Zeit in Deutschland hat er genutzt, um Deutsch zu lernen. Mehr noch: Er hat hart für seinen Realschulabschluss gebüffelt. „Die Prüfungen habe ich alle hinter mir, ich warte auf die Ergebnisse.“ Er ist zuversichtlich, dass er es geschafft hat. Nächstes Ziel wäre – wenn er bleiben darf – das Abitur.

Welche Veränderungen am Ende die Revolution in seiner Heimat, in der noch Eltern, Geschwister und weitere Familienangehörige leben, schaffen wird, kann Saeed Moghtaderi nicht sagen. Dass das Mullah-Regime abgelöst wird, glaubt er indes nicht. „Der Staat hat viele Anhänger“, weiß er aus eigener Erfahrung. Drangsalierungen haben ihn dazu gebracht, das Land zu verlassen. „Es wird vielleicht kleine Veränderungen geben – aber das System bleibt. Das kann die Bevölkerung nicht verändern.“ Die Mullahs seien ganz sicher nicht bereit, freiwillig Platz zu machen für mehr Demokratie. „Die sind seit 40 Jahren an der Macht. Das gibt man nicht so leicht auf. Moghtaderi vergleicht das Regime mit einem Baum: „Der wird gepflanzt und wächst mit den Jahren. Und jetzt ist die Zeit der Ernte, da gibt man den Baum nicht einfach auf.“ Im Gegenteil: Die Staatsanhänger gingen jetzt ihrerseits auf die Straße, Moghtaderi glaubt, dass viele Aktionen – etwa der zunehmende Vandalismus – vom System gesteuert und provoziert werden, um dann mit aller Härte gegen die Aufständischen vorgehen zu können.

Dass sich ausländische Staaten und Staatsoberhäupter in die Geschehnisse in seinem Land einmischen, findet Moghtaderi falsch. „Diese Einmischung macht alles kaputt.“ Die Interventionen des Auslands seien für das Regime nur die Bestätigung, dass der Aufstand von außen angezettelt worden sei. Moghtaderi kritisiert aus diesem Grund die Provokationen etwa von US-Präsident Donald Trump. Im 80-Millionen-Land Iran gehe es um einen innerstaatlichen Konflikt, der auch nur innen gelöst werden könne: „Wer wirklich etwas ändern will, der sollte jetzt im Iran sein – oder den Mund halten.“

Der 28-Jährige nimmt auch in anderer Hinsicht kein Blatt vor den Mund – etwa, wenn es um die eigenen Landsleute geht. Vielen wirft er vor, wie „Fähnchen im Wind“ zu sein. Das gelte für die Iraner in der Heimat, aber auch für die in Deutschland lebenden Landsleute. Beispielhaft nennt Moghtaderi das Stichwort Religion. Dass mehrere seiner Landsleute sich in Deutschland vom islamischen Glauben abgewandt und dem christlichen Glauben zugewandt haben, kritisiert er nicht – auch wenn es häufig nur geschehen sei, um hier anerkannt zu werden. Aber: Dass sie sich inzwischen aus eben diesen christlichen Gemeinden zurückziehen, die sie aufgenommen haben, findet er nicht richtig. Mehr noch: „Ich schäme mich deshalb, weiter zur Kirche zu gehen – wenn ich denn hingehe . . .“

Die Abwendung seiner Landsleute von den Gemeinden erzeuge Enttäuschung bei den Deutschen, glaubt er. Durch solche Verhaltensweisen entstünden Abgrenzungen und Vorurteile. „Und das ist nicht gut für die Gemeinschaft“, sagt der 28-Jährige, der fest daran glaubt, dass das Zusammenleben von Menschen verschiedener Nationalitäten auf Dauer funktionieren kann. Er selbst ist kein Christ, hat sich bisher nicht taufen lassen. Dennoch geben ihm die evangelischen Gemeinden in Gronau und Epe etwas. „Christ sein ist für mich etwas ganz anderes, Religion ist mehr, als sich taufen zu lassen“, erklärt er, dass er die Gemeinschaft als eine Art Familie, als Bruderschaft wahrnimmt.

Seine persönliche Situation beschreibt der 28-Jährige als zwiespältig: Einerseits ist er dankbar, in Deutschland zu sein, mag seine Lehrer und die Menschen in den Kirchengemeinden, von denen er bisher viel Gutes erfahren hat. Von der Stadt indes zeigt er sich enttäuscht. Vor kurzem erst musste er innerhalb der Stadt umziehen. Seine Sachen seien in das „neue“ Zimmer gestellt worden, er habe nicht Gelegenheit gehabt, den verdreckten Raum vorher sauber zu machen, in dem nach seiner Darstellung der Vorbewohner gestorben sein soll. Auch das Problem mit dem Schimmel in seinem Raum werde nachhaltig ignoriert. „Obwohl der Tag für Tag wächst und ein Test nachgewiesen hat, dass es Schimmel ist.“ Da half es bisher auch nicht, dass er drei Mal die Bürgermeistersprechstunde aufsuchte. Ein Hausmeister habe ihm – ziemlich sauer – gesagt: „Dann geh doch zurück in dein Land. . .“ Solche Reaktionen machen Saeed Moghtaderi traurig – und ärgerlich zugleich: „Wir sind doch Menschen, haben auch vor unserer Flucht ein Leben gehabt und sind nicht aus einem Viehstall gekommen.“ Dass derzeit die Aggression gegen Flüchtlinge wie ihn – mit Duldungsstatus und wenig Rechten – zunehme, spürt er sehr genau. „Und ich bin kein Einzelfall“, sagt er. Zugleich ist er überzeugt, dass ein solcher Umgang mit anderen Menschen in einem fremden Land tiefe Spuren hinterlässt: „Das vergiftet das Klima für ein künftiges Zusammenleben.“

Anzeige
http://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/5410876?categorypath=%2F2%2F84%2F61%2F93%2F103%2F150%2F
20.000 Narren beim längsten Hiltruper Umzug
Prinz Leo I. gibt den Startschuss: 20.000 Narren beim längsten Hiltruper Umzug
Nachrichten-Ticker