Chrash Kurs NRW
Unfälle passieren nicht einfach

Gronau -

Eineinhalb Stunden haben Werner-von-Siemens-Gymnasiasten Fotos und Videosequenzen von Unfallorten angeschaut, an denen junge Menschen im Kreisgebiet, zum Teil in ihrer Nachbarschaft, ums Leben gekommen sind. Haben den Schilderungen von Feuerwehrleuten, Polizisten, Sanitätern und Notfallseelsorgern zugehört, die darüber berichtet haben, was diese Einsätze auch mit ihnen persönlich machen. Starker Tobak für 90 Minuten.

Mittwoch, 31.01.2018, 06:01 Uhr

Seelsorger Franz-Josef (Foto oben) musste bei diesem tödlichen Verkehrsunfall 13 Angehörigen und Freunden des Opfers die Todesnachricht überbringen.
Seelsorger Franz-Josef (Foto oben) musste bei diesem tödlichen Verkehrsunfall 13 Angehörigen und Freunden des Opfers die Todesnachricht überbringen. Foto: Susanne Menzel

„Partymusik zu Szenen, in denen Leichen abtransportiert werden? Das geht doch gar nicht! Das ist respektlos! Das ist Mist!“ Es sind nicht Wut oder Aggressionen, die diesen emotionalen Ausbruch bei den Schülern verursachen. Es ist eher die Hilflosigkeit, der Schock und der Versuch, das gerade Gesehene zu realisieren und zu verarbeiten, die sich hier ihren Weg bahnen.

Eineinhalb Stunden haben die Werner-von-Siemens-Gymnasiasten Fotos und Videosequenzen von Unfallorten angeschaut, an denen junge Menschen im Kreisgebiet, zum Teil in ihrer Nachbarschaft, ums Leben gekommen sind. Haben den Schilderungen von Feuerwehrleuten, Polizisten, Sanitätern und Notfallseelsorgern zugehört, die darüber berichtet haben, was diese Einsätze auch mit ihnen persönlich machen. Starker Tobak für 90 Minuten. „Die Realität ist nicht weichgespült, sie ist hart“, sagt Hauptkommissar Andreas Rudde , der den „Crash Kurs NRW“, die Präventionskampagne des Landes für mehr Verkehrssicherheit an diesem Morgen moderiert.

Es sind nicht viele Worte, die Rudde gebrauchen muss. Vieles von dem, was seine Kollegen oder die Ersthelfer erzählen, spricht für sich. „Unfälle passieren nicht einfach“, sagt Rudde in Richtung der jungen Menschen, viele von ihnen gerade frisch im Besitz des Führerscheins. „Unfälle haben Ursachen: Drogen, Alkohol, zu hohe Geschwindigkeit, das Abgelenkt sein durchs Handy.“

Iris Röckinghausen, seit 24 Jahren im Polizeidienst, erinnert sich an ein Erlebnis vor 17 Jahren: Ein schöner Augusttag, sie hat Spätdienst, wird in Dinslaken zu einem schweren Unfall auf der Bundesstraße 8 gerufen. Zusammenprall zwischen Auto und Motorrad. Als sie und die Kollegen ankommen, sind die Rettungssanitäter schon vor Ort: „Ich sah, wie ein Helfer um einen Menschen unter einem weißen Tuch bemüht war. Er pumpte und pumpte.“ Es war die 28-jährige Kradfahrerin, die auf dem Heimweg von einem 21-jährigen Autofahrer frontal und ungebremst umgefahren worden war. „Der Autofahrer stand auf der Straße. Neben seinem Wagen. Er war total bekifft, hat gar nicht realisiert, dass er jemanden tot gefahren hat“, ist Iris Röckinghausen noch heute wütend. Sie habe nach dem Unfalleinsatz weiter funktionieren müssen. Bis zum Ende ihrer Schicht. „Dann bin ich heulend zusammengebrochen. Da konnte ich nicht mehr funktionieren. Und die Bilder der Frau auf der Straße, der pumpende Sanitäter, die haben sich in meinem Kopf eingebrannt.“

Martin Bültmann , seit 38 Jahren bei der Feuerwehr , dachte immer, „dass meine Kleidung Schutz bietet gegen Wind und Kälte, gegen Feuer und Wasser. Das tut sie auch. Aber etwas lässt sie durch: Gefühle.“ So wie bei dem tödlichen Unfall einer 15-Jährigen vor zehn Jahren. Direkt vor der Gronauer Wache. „Wir haben einen dumpfen Knall gehört und sind raus. Ein Mädchen lag auf der Straße.“ Schnell reagierten die Wehrleute, alarmierten Rettungsdienst, Polizei und Notarzt. Ein Schuh auf der Straße schreckte Bültmann auf: „So einen hatte auch meine Tochter.“ Es war allerdings ein fremdes Mädchen, „ihr Schicksal aber deshalb nicht weniger schlimm.“ Später kam die Mutter auf der Suche nach der Tochter an die Unfallstelle. Ein Fremder brachte den Hund, den die Jugendliche vorher an der Leine geführt hatte. Der Vater, die Familie, Freunde – sie alle waren da. Der Unfallfahrer war alkoholisiert. Martin Bültmann: „Bis heute erinnern Blumen und Kerzen vor der Wache an diesen furchtbaren Tag. Auch mir bleibt das Schicksal dieser jungen Frau für immer im Gedächtnis.“

Oder der Notfallseelsorger, der sich als Franz-Josef vorstellte und seit 18 Jahren im Kreis Borken tätig ist. Er musste bei einem schweren Verkehrsunfall am Ostersonntag vor zwei Jahren 13 Menschen die Nachricht über den Verkehrstod einer jungen Frau überbringen.

Oder die Schilderungen von Sanitäter Kevin, der vom Einsatz beim tödlichen Unfall dreier junger Menschen erzählt, der für viele der Helfer vor Ort weit über die emotionale Belastungsgrenze hinaus ging.

Die Gymnasiasten sind sichtbar erschüttert. Es ist still geworden in der Aula. Vier Schüler gehen raus. Weinend. Sie werden in einem separaten Raum von einer Psychologin betreut, die auch anschließend die erzählenden Protagonisten noch einmal zum Teamgespräch bittet: „Es nimmt jeden von uns immer wieder aufs Neue mit.“

Andreas Rudde findet gegen Ende der Veranstaltung noch einmal Zeit für einen freundlichen Abschied von den Schülern, bittet sie um Verständnis, „wenn vielleicht Polizisten mal nicht so freundlich reagieren, wie man es erwarten sollte. Vielleicht kommen sie gerade von einem wie den gezeigten Einsätzen zurück.“ Und er greift zu einem Ballon, gespickt mit Karten zu Lebensträumen der Schüler: Ein Handy. Heiraten. Kinder kriegen. Ein schöner Beruf. – All das steht unter anderem darauf geschrieben.

Der laute Knall, mit dem Andreas Rudde den Ballon unerwartet zum Platzen bringt, schreckt die Anwesenden nicht nur wie vorher visuell, sondern auch akustisch auf. Für einige war das zu viel des Guten. Sie brauchen frische Luft. Raum, um das Gesehene und Gehörte zu verarbeiten. „Gut, dass ich meinen Führerschein erst in zwei Jahren mache“, murmelt ein Mädchen.

Anzeige
Anzeige
http://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/5470603?categorypath=%2F2%2F84%2F61%2F93%2F103%2F150%2F
Wilsberg-Dreh am Freitag in Münster
Nach Bielefeld nun auch in Münster: Heinrich Schafmeister und Leonard Lansink im Innenhof des Alten Rathauses in Bielefeld am roten Volvo, der in den ersten Wilsberg-Jahren eine Rolle spielte und nun für eine Folge zurückkehrt.
Nachrichten-Ticker