Gronaus erste Benzinpumpe
Erst 1925 floss Sprit aus Zapfsäule

Gronau -

In Gronau mussten die Autofahrer bis 1925 warten, um an einer neuzeitlichen Benzinpumpe ihr Fahrzeug betanken zu können. Damals hatte die Deutsch-Amerikanische Petroleum Gesellschaft (DAPG) vor dem Hotel „Zum Engel“ eine „Dapolin-Zapfsäule“ aufstellen lassen.

Samstag, 03.02.2018, 08:02 Uhr

Ein Luftbild vom Hotel „Zum Engel“ mit Avia-Tankstelle am Paßweg (um 1965).
Ein Luftbild vom Hotel „Zum Engel“ mit Avia-Tankstelle am Paßweg (um 1965). Foto: Sammlung Eckhard Bohn

Die Pioniere des Automobils konkurrierten anfänglich mit den beiden Antriebsarten Elektro- und Verbrennungsmotor, in der Frühzeit vor 1900 dominierten sogar kurzzeitig die Fahrzeuge mit Elektroantrieb das bescheidene Verkehrsaufkommen. Bereits 1899 durchbrach ein Elektroauto als erstes Fahrzeug die magische Geschwindigkeitsgrenze von 100 km/h. Wegen eines geringen Aktionsradius von rund 80 Kilometern und der unausgereiften Batterietechnik konnte das Elektroauto dem Verbrennungsmotor jedoch nicht standhalten. Der Siegeszug des Automobils, angetrieben von Otto- oder Dieselmotoren, war bald nicht mehr aufzuhalten. Allerdings konnte sich nur die wohlhabende Oberschicht dieses neuzeitliche Luxusgefährt leisten.

Das erste Auto, das ab 1902 in Gronau über das holprige Pflaster der Stadt ratterte, war mit großer Wahrscheinlichkeit ein Benzinstinker. Es gehörte dem Kohlenhändler Gerhard Costers von der Burgstraße (heute Gildehauser Straße!) Die beantragte Zulassung für sein Kraftfahrzeug erhielt er zum 4. Januar 1902 vom Bürgermeister August Hahn , der gleichzeitig Leiter der örtlichen Polizeiverwaltung war. Für die Erlaubnis zum Führen des Autos auf öffentlichen Straßen, Wegen und Plätzen wurde behördlicherseits die Erkennungsnummer „1“ zugeteilt.

Wie aber hatten Costers und seine bald folgenden Automobilisten zur damaligen Zeit die Kraftstofffrage gelöst? Das war sicher nicht immer ganz einfach, denn Benzin oder und andere Treibstoffe wie Petroleum gab es damals nur in Apotheken, Drogerien und gegebenenfalls auch in Fahrradhandlungen. Diese hatten natürlich noch keine Zapfsäulen, sondern verkauften die begehrten Treibstoffe in Kannen, Kanistern oder sogar fassweise.

Wegen fehlender Sicherheitsvorschriften und als Folge des laxen Umgangs waren folglich immer wieder schwere Unfälle durch Entzündung des Treibstoffes zu verzeichnen.

Ging es mit dem Automobil also auf längere Reisen, war die Mitnahme eines ausreichenden Kanistervorrates mit einzuplanen. Hilfreich war da sicher ein Tankstellenverzeichnis, das bereits 1909 rund 2500 Verkaufsstellen für das Kaiserreich auflistete. Mit Zunahme des motorisierten Verkehrs entstanden jedoch schon bald die ersten Zapfstellen, häufig sinnvoll gepaart mit Autowerkstätten, die sich wiederum oft aus einer Schmiede oder Schlosserei entwickelt hatten. In den ersten Jahrzehnten handelte es sich jedoch bei diesen „Tankstellen“ noch um zumeist einfache Fasspumpen. Erst später kamen Handpumpen-Säulen mit unter der Straßen- oder Bürgersteigdecke eingelassenen Benzintanks auf. Mit der heutigen Tankstelle mit mehreren Zapfsäulen und Überdachung hatten diese Tankanlagen nicht viel gemeinsam.

In Gronau mussten die Autofahrer bis 1925 warten, um an einer neuzeitlichen Benzinpumpe ihr Fahrzeug betanken zu können. Damals hatte die Deutsch-Amerikanische Petroleum Gesellschaft (DAPG) vor dem Hotel „Zum Engel“ eine „Dapolin-Zapfsäule“ aufstellen lassen. Der Sprit musste literweise durch Hin- und Herbewegen eines Pumphebels aus dem im Erdreich befindlichen Tank hochgepumpt werden. Strategisch war der Standort wohl überlegt, handelte es sich bei dieser belebten innerstädtischen Durchgangsstraße um den direkten Weg von Münster in die Niederlande. Es ist bezeichnend für die damalige Zeit, an welch unmöglichen Stellen diese im Volksmund als Bürgersteigpumpen“ deklarierten Tanksäulen installiert wurden. Offenbar bestand ursprünglich der aberwitzige Trend, Zapfsäulen trotz der Hemmnisse für den fließenden Verkehr möglichst nahe an der Fahrbahn aufzustellen.

Die erste Benzinpumpe Gronaus (links) vor dem Hotel „Zum Engel“. Dass es bereits um 1927 einen Tankstellenbedarf in Gronau gab, zeigen die beiden geparkten Automobile vor der 1919 eröffneten „Engel-Apotheke“ von Dr. Halbey.

Die erste Benzinpumpe Gronaus (links) vor dem Hotel „Zum Engel“. Dass es bereits um 1927 einen Tankstellenbedarf in Gronau gab, zeigen die beiden geparkten Automobile vor der 1919 eröffneten „Engel-Apotheke“ von Dr. Halbey. Foto: Sammlung Eckhard Bohn

Das „Tankstellenmonopol“ am Hotel „Zum Engel“ sollte für die DAPG nicht von Dauer sein. Denn bereits kurze Zeit später beantragte die Gasolin AG, die in Deutschland eine eigene Tankstellenkette unterhielt, für zwei Standorte – vor den Gasthäusern Lindenhof und Lambertihof – ebenfalls die Einrichtung von Zapfsäulen. In beiden Fällen versagte der Gronauer Magistrat jedoch unter fadenscheinigen Begründungen die baurechtliche Genehmigung. Schließlich kam es aber an der Enscheder Straße (gegenüber der ehemaligen Schmiede Silderhuis) zum Bau einer weiteren Tankstelle, der weitere folgen sollten. Es handelte sich hier um die Firma Schulten mit angegliederter Autowerkstatt und eigner Fahrschule. Des weiteren eröffnete die Firma Lembeck an der ehemaligen Burgstraße eine Reparaturwerkstatt und Tankstelle sowie eine Autovermietung.

Der historische Standort von Gronaus erster Tankstelle erlebte übrigens Ende der 1950er Jahre nochmals eine Neuauflage. Im hinteren Bereich des Hotels „Zum Engel“ entstand damals auf Betreiben der Geschäftsleitung eine moderne „AVIA“ Tank- und Pflegestation. Als besonderen Service bot der Autoexperte Wolfgang Fandrich einen 24-Stunden-Service für die motorisierten Kunden an. Damals erledigte der Tankwart noch das Betanken oder Reinigen der Windschutzscheibe. Doch mit dem Aufkommen der ersten SB-Tankstellen in den 1970er Jahren verlor der bislang geschätzte Service allmählich an Bedeutung.

Zeitgleich hatte das Wachstum bei den Tankstellen seinen Zenit überschritten; es setzte ein allmähliches Tankstellensterben ein. Gab es 1965 in der damaligen Bundesrepublik noch rund 41000 Tankstellenbetriebe, so verschwanden zwischen 1970 und 1980 rund 20 000 davon, das Netz wurde praktisch halbiert und 44 Prozent aller Tankstellen boten 1980 bereits nur noch Selbstbedienung an. Neuster Trend heute ist übrigens die „TankenApp“ mit Benzinpreistrend, um zum optimalen Zeitpunkt an der günstigsten Tankstelle vorzufahren. Das Smartphone hilft somit dem preisbewussten Autofahrer, vor dem Tanken Preise zu vergleichen und bares Geld zu sparen.

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