Schäden
Mit dem Brückenprüfer unter die B 54

Gronau -

Nein, ich war noch niemals in New York. Ich bin auch noch nicht in zerrissenen Jeans durch San Francisco gelaufen. Aber über die Golden Gate Bridge bin ich jetzt marschiert. Und zwar ohne dafür über den großen Teich fliegen zu müssen.

Mittwoch, 28.02.2018, 08:02 Uhr

Der Ausleger kündigt es an: Hier sind die Prüfer am Werk, die die Brückenbauwerke auf mögliche Risse hin untersuchen. Ein „stets kalter und zugiger Arbeitsplatz“, wie die Mitarbeiter erklären.
Der Ausleger kündigt es an: Hier sind die Prüfer am Werk, die die Brückenbauwerke auf mögliche Risse hin untersuchen. Ein „stets kalter und zugiger Arbeitsplatz“, wie die Mitarbeiter erklären. Foto: Susanne Menzel

Also: Bei der „Golden Gate Bridge“ handelt es sich schlicht und ergreifend um die Dinkelbrücke. Und die liegt leider nicht in den USA, sondern an der B 54 auf Gronauer Stadtgebiet.

Es ist kalt draußen, gerade einmal zwei Grad. „Unser Arbeitsplatz ist auch im Sommer stets luftig und zugig“, lächelt Thorsten Ziolek , Ingenieur für Bauwerksprüfung, unter seiner Thermo-Mütze und dem gelben Schutzhelm. In dicke Sicherheitskleidung eingemummelt und mit eben solchen Handschuhen ausgestattet, steht er auf dem fahrbaren Brücken-Untersichts-Gerät, kurz BUG genannt.

  Foto: Susanne Menzel

Ein wackeliges Unterfangen. Das BUG fährt langsam, Meter für Meter, das Unterteil des Bauwerks ab. „Hier unten ist es verdammt schmutzig“, stellt einer von Zioleks Kollegen nach dem Rundum-Blick fest. Müll liegt herum, an dem Betonträger haben sich etliche Graffiti-Künstler (und solche, die es noch werden wollen) verewigt. In allen Farben und Tags. Bunte Hingucker auf grauem Grund. „Was sollen die Kids auch sonst machen?“, wirft einer der Mitarbeiter ein. Thorsten Ziolek lenkt kurz seinen Blick drauf: „Im Ruhrgebiet sieht‘s an vielen Stellen noch schlimmer aus“, wirft er trocken ein und widmet sich wieder dem Beton über seinem Kopf.

  Foto: Susanne Menzel

Mit einem Stahlhammer klopft er immer wieder die verschiedenen Stellen ab, horcht dem nach Klang und sucht mit den Augen die Oberfläche nach Rissen ab. „Gutes Sehen ist hier eine wesentliche Voraussetzung“, erklärt er, denn selbst kleinste Haarrisse sollten dokumentiert werden.

Alle sechs Jahre detaillierte Prüfung

Alle sechs Jahre steht für die Brücken eine detaillierte Hauptprüfung an. „Wir suchen dann nach möglichen Schäden“, sagt der Ingenieur. „Es ist eine visuell-optische Überprüfung. Jeden Tag donnern hier etliche Autos über die Brücke. Die normalen Pkw allerdings sind nicht so schlimm. Der Lkw-Verkehr macht es aus.“

Die entdeckten Schäden werden aufgelistet und regelmäßig fortgeschrieben. „Wir können dann bei jeder neuen Prüfung feststellen, was zuvor erkannt wurde und nachsehen, wie sich der Schaden über die Jahre weiterentwickelt hat. Durch diese Fortschreibung müssen wir nicht jedes Mal wieder bei Null anfangen“, erklärt der Experte.

Prüfer haben Brücken, Tunnel und Lärmschutzwände im Blick

Es ist nicht nur die „Golden Gate Brücke“, sorry, die Dinkelbrücke, die der Landesbetrieb Straßen NRW betreut. Insgesamt 985 Brücken an Bundes- und Landstraßen gibt es allein im Münsterland, die ebenfalls in Obhut der Behörde sind.

Wobei zu Brücken all jene Bauwerke gehören, die laut Definition „zwischen den beiden Stützpfeilern mehr als zwei Meter Abstand haben.“ Das, so Pressesprecher Josef Brinkhaus, „ist wichtig im Sinne der Prüfintervalle.“

Darüber hinaus haben die Prüfer im Auftrag von Straßen NRW 164 Lärmschutzwände im Blick. 36 000 laufende Meter mit einer Fläche von 91 000 Quadratmetern müssen regelmäßig auf Haltbarkeit und Standfestigkeit überwacht werden.

„Weiterhin sind wir auch zuständig für Stützbauwerke“, listet Josef Bringhaus auf. Die Stützwände – zumeist an kleineren Hängen – belaufen sich auf 82 Stück mit einer Länge von rund 6735 Metern.

Ebenso auf der Prüfliste stehen noch sogenannte Trogbauwerke. Dabei handelt es sich um Straßen, die unter einer Bahngleise herführen. Auch hiervor sind 16 aufgelistet.

Außerdem hat Straßen NRW einen Tunnel (in Bocholt) zu begutachten.

Und nicht zuletzt 27 Schilder- oder Verkehrszeichenbrücken, von denen 27 über Bundes- und fünf über Landstraßen führen.

...

Die Dinkelbrücke mit Baujahr 2002 ist noch relativ jung, „die Schäden daher eigentlich noch minimal“, versichert Thorsten Ziolek. Der Beton sei in gutem Zustand. „Oben greift das Tausalz das Material allerdings schon eher mal an. Die Unterseite ist gut in Schuss, hier fahren nur landwirtschaftliche Fahrzeuge drunter her. Und das recht selten. Da passiert kaum etwas.“

Enormer Lärmpegel

Der Lärmpegel ist enorm hoch unter den beiden Fahrbahnen. Über den Kopf donnern Lkw nach Lkw hinweg. Sobald sie über die Fahrbahnnähte kommen, merkt man deutlich die Erschütterungen, die sie auslösen. Oft im Sekundentakt. „Wenn diese 40-Tonner dann mal bremsen müssen – und das passiert oft nicht nur bei einem, sondern auch bei den nachfolgenden Lkw –, dann wirken schon enorme Kräfte auf solch eine Brücke ein“, sagt Josef Brinkhaus , zuständig für die Presse- und Öffentlichkeitsarbeit beim Landesbetrieb Straßen NRW. „Vor allem die Menge und die Masse machen es in diesem Fall.“

Teure Folgen des Lkw-Verkehrs

„Speziell die Brücken aus den 50er-, 60er- und 70er-Jahren werden jetzt langsam anfällig“, meint Ingenieur Thorsten Ziolek: „Damals wurde bei deren Bau Thomasstahl verwandt, der auf Dauer für die Statik nachteilig ist.“

Als in den 60er-, 70er-Jahren der Brückenbau in Deutschland so richtig vorangetrieben wurde, waren die Planer auch noch nicht von einem Verkehrsaufkommen ausgegangen, wie es sich bis heute entwickelt hat. Die Lastkraftwagen von einst waren kleiner und leichter. Von den Riesen der Landstraße wagte da garantiert noch keiner zu träumen. „Diese Entwicklung hat bestimmt niemand vorausgesehen“, ist sich Ziolek sicher. Die Konsequenzen seien jetzt aber dennoch zu tragen. Allein auf der Autobahn 1 müssen alle sechs Brücken erneuert werden. „Das geht in die Zig Millionen“, vermutet Thorsten Ziolek.

Kleine Risse im Beton

So schlimm ist es an der „Golden Gate“ nicht. Einzelne, kleine Risse sind bei ganz genauem Hinschauen im Beton zu erkennen. Mit einer vorgefertigten Schablone messen die Mitarbeiter deren Millimeter-Breite sowie die Länge.

Die Arbeiten gehen zügig voran. „Die 200 bis 220 Meter hier schaffen wir an einem Tag“, versichert Thorsten Ziolek. Bei der Kälte ist ohnehin niemandem nach einer langen Mittagspause. Der Wind pfeift zugig unter den Pfeilern her. Eine Frau, die mit ihrem Hund spazieren geht, schaut neugierig in die Höhe. „Ist es was Schlimmes an der Brücke“, will sie wissen und tritt langsam näher an das BUG heran. Dem Hund ist dieses schwankende „Ungetüm“ aus Lichtgitter nicht ganz Geheuer. Ihm sträuben sich die Nackenhaare. Seine Besitzerin macht einen Schritt rückwärts. „Nein, alles Routine, alles okay“, beruhigt sie Thorsten Ziolek. Nimmt seinen Hammer und klopft mal hier, mal da.

– Nun, San Francisco ist vielleicht brückenmäßig doch eine nachdenkenswerte Alternative.

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