Gronauer Arzt kritisiert Homöopathie
Nicht mehr als Placebo-Effekte

Gronau -

Viele Menschen schwören auf die Wirkung homöopathischer Mittel. Auch Freunde und Bekannte von Dr. Martin Isselstein und seiner Frau Susanne. „Da stürzt ein Kind mit dem Fahrrad, schrammt sich das Knie auf – und die ganze Familie ruft sofort nach Arnika“, schildert Susanne Isselstein ihre Erfahrungen. In homöopathischer Dosis soll das Mittel den Heilprozess bei kleinen Wunden in Gang bringen. „Überflüssig“, findet sie. „Kleine Schrammen heilen schließlich von selbst.“ Eine Linderung des akuten Schmerzes erreiche man genauso gut, wenn man das gestürzte Kind in den Arm nimmt, tröstet und über die Schramme pustet.

Samstag, 07.04.2018, 12:04 Uhr

Die sogenannten Globuli bestehen aus Milchzucker, der mit homöopathischen Substanzen benetzt wurde.
Die sogenannten Globuli bestehen aus Milchzucker, der mit homöopathischen Substanzen benetzt wurde. Foto: Carstens-Stiftung

Die Isselsteins stehen der Homöopathie kritisch gegenüber, ebenso wie der „Münsteraner Kreis“, eine Gruppe von Medizinern, Ethikern, Juristen und Philosophen. Sie bestreiten, dass es einen wissenschaftlichen Nachweis für die Wirksamkeit der Homoöpathie gibt, der über den sogenannten Placebo-Effekt hinausgeht. Placebos sind Scheinmedikamente, die keinen Wirkstoff enthalten, aber trotzdem im Körper messbare Veränderungen entfalten und sogar Nebenwirkungen erzeugen können. An jeder Heilung und Besserung ist der Placeboeffekt beteiligt, gleichgültig, welche Art von Medizin angewandt wird.

Memorandum des Münsteraner Kreises

Der Münsteraner Kreis hat ein Memorandum veröffentlicht. Darin heißt es: „Auch wenn Homöopathie im Wissenschaftsbetrieb präsent ist, ist sie nicht wissenschaftlich fundiert. Ihre Grundlagen Potenzieren und Simile-Prinzip widersprechen sicheren wissenschaftlichen Erkenntnissen, die Ho­möopathie ist demnach der Esoterik zuzurechnen. Auch sieht die internationale Wissenschaftlergemeinschaft in klinischen Studien keine ausreichenden Belege für eine Wirksamkeit der Homöopathie. Einer esoterischen Heilslehre mit einer Zusatzbezeichnung einen scheinbar seriösen Anstrich zu geben, widerspricht dem Anspruch der Ärzteschaft auf eine wissenschaftliche fundierte Versorgung, und schwächt durch eine Verwischung der Grenzen zwischen Wissenschaft und Glauben das Ansehen der wissenschaftlich begründeten Medizin. Defizite der wissenschaftlichen Medizin sind intern zu lösen und können nicht auf unwissenschaftliche Heilslehren abgewälzt werden.“

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„Ich könnte es mir einfach machen"

Hals-Nasen-Ohren-Arzt Martin Isselstein hat das Thema Homöopathie bislang relativ gelassen gesehen. Doch durch die kritiklose Akzeptanz der Homöopathie werden Erwartungen an die Schulmediziner gestellt, die er nicht erfüllen will. „Ich könnte es mir einfach machen: Wenn ein Patient mit Schwindel zu mir kommt, könnte ich ein Rezept für Vertigoheel ausschreiben und ich hätte meine Ruhe. Mehr noch: Ich gälte dann als ,guter Doktor‘, weil ich ja ein homöopathisches Mittel verschreibe.“ Doch das würde seinen Überzeugungen widersprechen. Er will seinen Patienten gegenüber redlich sein.

Hals-Nasen-Ohren-Arzt Martin Isselstein aus Gronau

Hals-Nasen-Ohren-Arzt Martin Isselstein aus Gronau Foto: Martin Borck

Homöopathie bringt finanzielle Vorteile

Wenn er Homöopathie anwenden würde, stellte er sich finanziell besser. Denn Ärzte mit der Zusatzbezeichnung Homöopathie können mehr Leistungen abrechnen: „Die meisten Krankenkassen zahlen für die homöopathische Erstanamnese 90 Euro, für jedes Zweitgespräch weitere 45 Euro. Zusätzlich zu den 35 Euro, die sie pro Quartal als Pauschale für den Patienten bekommen. Außerdem gibt es für jedes homöopathische Mittel, das sie heraussuchen, noch mal 20 Euro.“

Nicht besser als eine Zuckerpille

Dabei ist sich Isselstein sicher, dass die homöopathischen Globuli und Tropfen nicht besser wirken als eine Zuckerpille. Denn wegen der sogenannten Potenzierung ist in den Mitteln kein Wirkstoff mehr vorhanden – höchstens ein verirrtes Molekül. Er gibt ein Beispiel: „Das ist ungefähr so, als ob man zwei Kamillenblüten in das Wasser des Drilandsees wirft, kräftig umrührt und von der Mischung fünf Tropfen einnimmt. Was soll da noch an Kamille drin sein?“ Angeblich geht die „Idee“ des Wirkstoffs ins Wasser über. Das aber widerspricht den Ergebnissen jeglicher ernstzunehmender wissenschaftlicher Studie, kritisiert auch der Münsteraner Kreis.

Viele dieser Kollegen sind gewissenhafte Mediziner, nehmen sich viel Zeit für die Erstanamnese. Nur: Zuwendung und Empathie ist kein Monopol des Homöopathen.

Martin Isselstein
Potenzierung

Beim Potenzieren (auch Dynamisieren genannt) wird die Ursprungssubstanz schrittweise mit Wasser oder Alkohol „verschüttelt“ und dabei teilweise extrem verdünnt. Dezimalpotenzen werden in Zehnerschritten verdünnt: Zu einem Teil des Ausgangsstoffs werden neun Teile Lösungsmittel gefügt, Das Gemisch wird nach bestimmten Vorgaben „verschüttelt“, bis sich die Ingredienzien gemischt haben. Man spricht von „D1“. Von dieser Mischung wird wieder ein Teil in einem neuen Gefäß mit neun Teilen Lösungsflüssigkeit gemischt und so weiter.  „D6“ bedeutet also, dass rein rechnerisch auf einen Teil Ursubstanz eine Million Teile Lösungsmittel kommen. Bei der C-Potenzierung wird pro Schritt nicht nur zehnfach verdünnt, sondern hundertfach. Laut Hahnemann ist eine Tinktur umso wirksamer, je höher die Potenzierung ist. Bei D 24 bzw. C 12 ist die Ursubstanz so verdünnt, dass in dem Produkt praktisch kein einziges Molekül der ursprünglichen Substanz enthalten sein kann. Dafür enthalten die Verdünnungsmittel immer Spuren anderer Stoffe, von denen nach dem Potenzieren mehr im Mittel erhalten sind als von der Ursubstanz. 

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Unterschiedliche Substanzen bei denselben Symptomen

Eigentlich wäre es also egal, welches Mittelchen verschrieben wird. Doch die Homöopathen lassen sich vom Ähnlichkeitsprinzip leiten. Samuel Hahnemann, der vor über 200 Jahren die Homöopathie entwickelte, hat es eingeführt: „Wähle eine Arznei, die ein ähnliches Leiden erregen kann, wie sie heilen soll.“ Doch in der Praxis, so Isselstein, empfehlen unterschiedliche Homöopathen bei denselben Symptomen oft völlig unterschiedliche Substanzen. „Einige Homöopathen stellen sogar eigene Mittel her.“

Auf der anderen Seite wird ein- und dieselbe Substanz bei unzähligen Symptomen verwendetet. „Reines Kochsalz – in entsprechender Verdünnung – wird bei über 1000 Symptomen eingesetzt.“ Eindeutige Diagnosen und Ursachenbeschreibungen dagegen fehlen oft, so die Kritik der Homöopathie-Gegner. Das könne gefährlich werden, wenn schwerwiegende Krankheiten nicht erkannt würden oder wirksame Therapien versäumt werden.

Vertrauen in die wissenschaftliche Medizin wird untergraben

Bei aller Kritik geht es den Isselsteins nicht darum, Ärzte, die Homöopathie anwenden, pauschal zu verurteilen. „Viele dieser Kollegen sind gewissenhafte Mediziner, nehmen sich viel Zeit für die Erstanamnese. Nur: Zuwendung und Empathie ist kein Monopol des Homöopathen“, so Isselstein. Das böten die Schulmediziner genauso erfolgreich. Die Homöopathie stelle sich allerdings unverdrossen als bessere und „natürlichere“ Alternative dar. Die vorwiegend unkritische Darstellung der Homöopathie präge ein Zerrbild. „Der sanfte Homöopath steht als netter Mensch da, während der Schulmediziner als Scharlatan dargestellt wird. Mittlerweile geht das so weit, dass Patienten gar keinen festen Halt mehr haben.“ Eine Aussage, die der Münsteraner Kreis ähnlich formuliert: „Das Vertrauen der Patienten in die wissenschaftliche Medizin wird untergraben.“

Wieso dürfen Homöopathen überhaupt Werbung für ihre Mittel machen? Ich als Arzt darf das nicht.

Martin Isselstein

Die Isselsteins besuchten kürzlich den Vortrag eines Homöopathen, den der Gronauer Kneipp-Verein eingeladen hatte. Der Referent pries Mittel gegen Befindlichkeitsstörungen und Krankheiten an – kritische Fragen wimmelte er jedoch ab. „Wieso dürfen Homöopathen überhaupt Werbung für ihre Mittel machen? Ich als Arzt darf das nicht“, so Isselstein.

Dass Bienengift – ebenfalls Ausgangssubstanz für Tropfen und Globuli – gewonnen wird, indem das ganze Tier geschreddert wird, dürften nur wenige Anwender wissen. Isselstein sprach den Referenten darauf an – einer Diskussion wich der Referent aber aus.

Nicht nur natürliche Substanzen

Arnika wird auch in der Schulmedizin zur Wundbehandlung eingesetzt (allerdings nicht in homöopathischen Dosen). „Gegen Naturheilmittel habe ich überhaupt nichts einzuwenden, im Gegenteil“, sagt der Gronauer Arzt. Auch an Hahnemanns Idee, Ähnliches mit Ähnlichem zu bekämpfen, sei erstmal gar nichts auszusetzen. „Schließlich wird dieses Verfahren bei der Entwicklung von Impfseren oder der Hyposensibilisierung ja auch angewendet.“ Doch wie weit soll dieses Konzept gehen? Soll man übermäßige Ohrenschmalzproduktion mit der Verabreichung homöopathischer Dosen von Ohrenschmalz bekämpfen? „Es gibt tatsächlich eine Firma, die individuelle Homöopathiemittel herstellt: aus Ohrenschmalz, aus Schweiß, aus Rotz, aus Erbrochenem.“

Die Homöopathie nutzt zudem Substanzen, die in höherer Dosis hoch giftig sind: Quecksilber, Schwefel, Blei, Schierling. Viele heute empfohlene Präparate werden zudem chemisch hergestellt, wie zum Beispiel Kalium Sulfuricum, das Kaliumsalz der Schwefelsäure. „Das ist ein Abfallprodukt bei der Herstellung von Kunstdünger. Dabei glauben viele Patienten, sie bekommen ausschließlich natürliche Substanzen.“

Schon Kinder auf Medikamenteneinnahme konditioniert

Auch wenn wegen der starken Verdünnung keine unmittelbare Gefahr von den Giften ausgeht – Susanne Isselstein sieht im fast reflexartigen Verabreichen von Tropfen oder Globuli bei jeder kleinen Schramme durchaus ein Risiko: Schon Kinder würden dadurch auf eine Medikamenteneinnahme konditioniert.

Die Isselsteins würden sich wünschen, wenn die Homöopathie-Gläubigen dieselben kritischen Maßstäbe an die alternative Heilmethode anlegten, mit denen sie die Schulmedizin messen.

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