Pfarrerehepaar geht von Epe nach Japan
„Wir gehen mit klopfenden Herzen“

Epe -

Koffer sind noch keine gepackt, der Seecontainer mit Möbeln und Hausrat ist noch nicht auf dem Weg nach Tokio. Aber das Abschiednehmen hat längst begonnen.

Freitag, 06.07.2018, 11:00 Uhr

Das Pfarrerehepaar in der Evangelischen Kirche Epe.
Das Pfarrerehepaar in der Evangelischen Kirche Epe. Foto: Klaus Wiedau

Die Gedanken von Pfarrerin Bettina Roth-Tyburski und ihrem Mann Marcus Tyburski schweifen in diesen Tagen oft zwischen dem Ende des Aufenthalts in Epe und dem Neubeginn in der deutschen Ev. Kirchengemeinde in Tokio hin- und her. So, wie sie das im Gespräch mit den WN unter dem Baum im Garten vor der Ev. Kirche in Epe tun.

Mit der offiziellen Verabschiedung durch die Gemeinde erfolgt am Sonntag ein weiterer Schritt auf dem Weg zum neuen Lebensabschnitt. Gottesdienst und Festakt werden in und rund um die St.-Agatha-Kirche stattfinden. Evangelische Pfarrer verabschieden sich in der katholischen Kirche? „Wir hatten immer ein tolles Miteinander“, sagt Bettina Roth-Tyburski lachend auf diese Frage. Und: „Mit dem Gottesdienst in der katholischen Kirche wollten wir bewusst ein ökumenisches Zeichen setzen.“

Dass die Verabschiedung jetzt komplett in der Agatha-Kirche stattfindet, ist eine Raumfrage: Mehr als 400 Gäste werden erwartet – Zeichen für die Verbundenheit der Menschen in Gronau und Epe mit den Tyburskis. Auch viele katholische Christen haben den Seelsorgern in den letzten Tagen gesagt: „Wir finden es schade, dass ihr geht.“

Dass das Kapitel Epe zu Ende geht, haben die Tyburskis selbst oft gespürt in den vergangenen Wochen. „Da gab es immer mal so einzelne Punkte, an denen ich gedacht habe, das mache ich jetzt hier zum letzten Mal – ob beim Treffen mit Freunden oder den Konfi-Teamern. Es ist ein schleichender Abschied“, so Bettina Roth-Tyburski. Der fällt schwer, „aber es ist gut, dass sich das nicht so schlagartig vollzieht“, räumt sie ein.

Obwohl sie nach einem neuntägigen Vorbereitungstreffen für den Auslandsaufenthalt im Mai eine große Aufbruchstimmung gehabt habe, wie sie bekennt. Teilnehmer waren rund 30 Personen, Pfarrer, ihre Partner und Familien, die demnächst in 13 Länder der Welt – von Washington bis Pretoria – gehen. „Das hat gut getan“, sagen die Tyburskis. Auch Sohn Lasse (13), der sie nach Japan begleiten wird. „Allein schon, um festzustellen, dass es noch andere in der gleichen Situation gibt.“

Die Tyburskis vor dem Eingang der Ev. Kirche in Epe.

Die Tyburskis vor dem Eingang der Ev. Kirche in Epe. Foto: Klaus Wiedau

Der Abschied hat aber auch andere Gesichter und Geschichten: Neulich abends sind sie spontan losgeradelt, erzählt Marcus Tyburski. „Abends den Sommer riechen“, nennt er es. Mit dem Rad zum Drilandsee. Der Vollmond stand schon am Himmel, feuchtes Gras, der Geruch von Sommer in der Luft. „Da hab’ ich gespürt: das ist jetzt eines der letzten Male, dass ich bewusst hier entlangradle, diese Landschaft fühle.“

Was bleibt nach 14 Jahren in Epe haften? „Die guten menschlichen Beziehungen. Viele nette Menschen, die einem wohlwollend begegnen, Verbindungen, die einem guttun“, kommt ohne Umschweife die Antwort von Bettina Roth-Tyburski. „Das macht deutlich, wie verwurzelt wir hier sind.“ Ihr Mann räumt ein, dass er – gebürtig aus dem Ruhrgebiet – anfangs schon unsicher war, wie das auf dem platten Land werden würde. Das Hineinwachsen in diesen Sozialraum beschreibt er in der Rückschau als „schönen Prozess“. Und er erinnert an einen kurzen Text, den er zu Beginn über die Münsterländer gelesen hat: „Die Menschen hier sind nicht einfach. Man muss sie kennenlernen, dann lernt man sie lieben.“ Beide Tyburskis denken gern daran, „wie offen wir hier aufgenommen worden sind“. Oft wurde ihnen in den Jahren des Aufenthalts gesagt: „Ihr passt gut hier her.“ Marcus Tyburski gibt dieses Kompliment zurück: „Den Eindruck hatten wir auch.“ Und seine Frau erinnert sich an Kleinigkeiten, die diese Verbundenheit im Alltag zum Ausdruck gebracht haben. Etwa, wenn sie beim Schützenfest im überwiegend katholischen Epe als „unsere Pfarrerin“ begrüßt wurde.

Die Ökumene war ihnen stets ein wichtiges Anlege: Das Bild zeigt Bettina Roth-Tyburskl und Marcus Tyburski mit dem katholischen Amtskollegen Günther Lube.

Die Ökumene war ihnen stets ein wichtiges Anlege: Das Bild zeigt Bettina Roth-Tyburskl und Marcus Tyburski mit dem katholischen Amtskollegen Günther Lube. Foto: emk

„Wir haber aber hier auch viel lernen dürfen – Schwieriges wie Positives“, zieht das Pfarrer-Ehepaar Bilanz der Arbeit. Dabei „sind uns nie Steine in den Weg gelegt worden, wir konnten uns ausprobieren in unserem Tun“. Epe wird daher auch als „gemeinsames Lernfeld“ in Erinnerung bleiben. Bettina Roth-Tyburski: „Das ist ein Reichtum, der bleibt. Und eine gewisse Gelassenheit für die neue Aufgabe spüren lässt.“

Für beide war es nach eigenen Worten „ein Geschenk, in dieser Gemeinde zu sein“, die für sie immer auch ein Lebensraum gewesen sei, in dem Arbeit und familiäre Strukturen ineinander übergingen. „Biografisch arbeiten“, nennen sie die Möglichkeiten, die es beispielsweise zuließen, Kinder- und Jugendarbeit aus dem Erleben in der eigenen Familie zu gestalten. Diese Arbeit, aber auch die Studienreisen nach Israel zur Pflege der christlich-jüdischen Beziehungen und das 100-jährige Bestehen der Kirche in Epe werden ihnen unter anderem als Besonderheiten der Arbeit in Erinnerung bleiben.

Das sehr gute Miteinander der Konfessionen vor Ort hat bei Marcus Tyburski auch das ökumenischen Erleben verändert, wie er betont: „Das Verständnis für den katholischen Weg ist durch die gemeinsamen Gottesdienste größer geworden, vieles ist besser zu verstehen.“

An diese gelebte Ökumene wollen sie in Tokio anknüpfen. Erste Begegnungen mit der katholischen Gemeinde dort hat es gegeben, die Weichen sind gestellt. Bis hin zum Angebot, dass Tochter Lea, die Musik studiert, in der katholischen Kirche in Tokio die Orgel für Übungsstunden nutzen darf. Denn: Die Orgel in der Ev. Kirche der neuen Gemeinde ist – wie die in der Gronauer Kirche – abgebaut, weil es eine neue geben soll. Manche Themen werden die Tyburskis also aus dem Münsterland ins Land der aufgehenden Sonne begleiten.

Mit Tipps für mögliche Nachfolger in der Arbeit in Epe halten sie sich bewusst zurück. Eine Grundeinstellung aber sei sicher wichtig: „Menschen lieben und mit ihnen in Beziehung treten zu wollen. Wenn das mitgebracht wird, ist die Basis gelegt.“

Mit vielen Menschen, die sie lieben, werden die Tyburskis künftig auf andere Weise als bisher in Kontakt bleiben müssen – etwa mit Eltern und Schwiegereltern. Auch da gab es Freude über den Neuanfang, aber auch viele Fragen, die Sorge um das künftige Miteinander. Ein Prozess, der von allen Beteiligten ein Umdenken erfordert.

Zwei Wochen Sprachkurs in Bochum liegen ab Mitte Juli vor dem Pfarrerehepaar. Dann geht es Anfang August nach Osaka und Kobe, wo zwei weitere Wochen Sprachtraining absolviert werden. Angst vor der unbekannten Sprache? Tyburskis sehen es entspannt. Für die Arbeit in der deutschen Gemeinde ist die japanische Sprache kein Muss, das Lernen für das Alltagsleben deshalb eine Art Kür. Aber eine spannende, wie Bettina Roth-Tyburski mit Blick auf die japanischen Schriftzeichen sagt: „Das Schreiben hat was sinnlich-meditatives. Das macht wirklich Spaß.“ Und ein Anfang ist gemacht: „48 Zeichen kennen wir jetzt.“ Bleiben noch etwas mehr als 49 000 . . .

Dieser Text hat rund 7000 Zeichen und könnte noch um viele ergänzt werden. Aber er endet mit einer Art Schlusswort der Tyburskis, auch wenn sie es am Ende des Treffens im Garten der Eper Kirche nicht so nennen: „Wir gehen mit tiefer Dankbarkeit für die geschenkten Jahre, in denen wir hier leben und arbeiten durften. Und wir haben uns hier tierisch wohlgefühlt“, sagt Bettina Roth-Tyburski.

Auch in diesem Moment wird spürbar, was in ihr und ihrem Mann vorgeht. Marcus Tyburski: „Da ist einerseits die Freude auf das Neue, andererseits lassen wir ein Stück Heimat zurück.“ Und dann beschreibt er ein Bild, das beide Gefühle beinhaltet: „Wir gehen mit klopfenden Herzen.“

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