Wasserleitung aus der Schieferkuhle war die Rettung
Van Delden lechzte nach Wasser

Gronau -

Die Überschrift in der Zeitung brachte es auf den Punkt: „Der DDR geht die Milch aus – und einem Gronauer Textilbetrieb das Wasser“. Das Jahr 1959 bescherte der Region einen heißen Sommer, der allerdings nicht als Jahrhundertsommer in der Wetterstatik aufgeführt ist.

Dienstag, 07.08.2018, 17:50 Uhr

Das Verlegen der Kunststoffrohre machte wesentlich weniger Arbeit als der Leitungsbau mit Metallrohren, der auch kurz in Erwägung gezogen worden war. Ein Mann konnte bequem ein Kunststoffrohr von zwölf Meter Länge tragen.
Das Verlegen der Kunststoffrohre machte wesentlich weniger Arbeit als der Leitungsbau mit Metallrohren, der auch kurz in Erwägung gezogen worden war. Ein Mann konnte bequem ein Kunststoffrohr von zwölf Meter Länge tragen. Foto: Sammlung Georg Frieler

Die Überschrift in der Zeitung brachte es auf den Punkt: „Der DDR geht die Milch aus – und einem Gronauer Textilbetrieb das Wasser“. Das Jahr 1959 bescherte der Region einen heißen Sommer, der allerdings nicht als Jahrhundertsommer in der Wetterstatik aufgeführt ist. In jenem Jahr wurde das Eper Freibad eröffnet. Es verzeichnete gleich einen großen Andrang. Im Ruhrgebiet wurde das Trinkwasser rationiert, und der Regierungspräsident von Münster verbot Rasensprengen und Autowaschen.

„Eine unheimliche Trockenheit lässt die Böden erstarren. Ziehen Pflug und Egge über die Felder, steigen Staubwolken auf. Diese werden zur Steppe. Im Wald stehen durstig die Bäume. Die alten Jahrgänge haben nicht mehr die Kraft mit ihren Wurzeln den sinkenden Grundwasserspiegel zu folgen. Die Bauern warten sehnsüchtig auf Regen um das Feld zu bestellen, um das Wintergetreide auszusäen zu können. In den wasserärmsten Gebieten fehlt das Trinkwasser. Die Flüsse ziehen träge, ihre von kahlen Ufern umsäumten Wege, und wo Stauwehre sie aufhalten wird das Flussbett zur Dunggrube.“ So leitet die Frankfurter Allgemeine ihren Artikel zur Wassernot im Sommer 1959 ein.

Ähnlich Empfindungen beschäftigten auch in Gronau die Verantwortlichen bei der Firma M.van Delden im Rückblick zum trockensten Sommer seit Bestehen der Textilindustrie. „Dieser Sommer brachte so viel Not, als das Wasser für unseren Betrieb ausging. Unser Betrieb (gemeint ist M. van Delden; Anmerkung der Redaktion), der so viel Wasser brauchte, das er immer aus der Dinkel bezog. War es nicht leichtsinnig, sich auf die einzige Quelle als Wasserversorgungsgrundlage zu verlassen?“ So leitet Betriebsingenieur C.W. Elbers seine Nachbetrachtungen zum wasserarmen Sommer 1959 ein.

Für die Dinkel gab es keine Wassermengenkurven, die die Mittelwassermenge, also die Menge, die mindestens die Hälfte des Jahres zur Verfügung steht, angibt. Bemühungen zur Tiefenbohrung für eine eigene Wasserversorgung wurden nicht genehmigt. In der Regel reichte die Tiefenwassermenge der Dinkel aus um den Betrieb zu versorgen. Täglich wurden rund 10 000 Kubikmeter Wasser benötigt. Die Wasserentnahme erfolgte an der Wolberschen Mühle (neben der St.-Antonius-Kirche). Die Stauhöhe hier ist nicht sehr hoch, da sie bereits vorher wesentlich durch den freien Überfall zur Umflut in Freibadnähe beeinflusst wird. In der Regel wechseln sich Hochwasser und Niedrigwasser im Laufe der Jahreszeiten ab. Aber was tun wenn der Wasserstrom ausbleibt? Im Jahre 1959 war die Niederschlagsmenge bis Oktober nur 406 Millimeter im Vergleich zum Jahresmittel von 836 Millimeter. Der letzte Regen fiel am 6. Juni. Somit blieb die Wassermenge weit unter der Menge, die der Textilbetrieb zur störungsfreien Produktion benötigte. Eine Textilveredlung ohne Wasser? Unmöglich. Es gab zwei Alternativen: Die Produktion einstellen oder Wasser aus einer anderen Quelle besorgen.

„Holt doch Wasser aus der Schieferkuhle!“, lautete in jenem Jahr eine der Ideen. Bedenken, das Wasser sei zu hart und zu salzig, wurden zurückgestellt. Besonders große Kopfschmerzen bereite die Beschaffung der benötigten Rohre. Viele Anfragen verliefen ergebnislos. Doch dann gab es einen Hinweis zu Dr. Keller in Zwolle. Der kannte alle Leute, die mit Wasserbau zu tun hatten. Von ihm kam der Tipp, es bei den Wavin-Werken in Rhyler-Twist zu versuchen. Und tatsächlich: Die Firma erklärte sich bereit, sofort mit der Produktion der benötigten Kunststoffrohren zu beginnen. Gleichzeitig wurden aus allen Ecken der Bundesrepublik Eisenrohre angeboten. Doch Kunststoffrohre hatten den Vorzug, dass sie leicht und einfach zu verlegen waren.

Damit war die Materialfrage geklärt endlich geklärt: Rohre, Pumpe, Kabel, Transformator und diverses anderes Zubehör rollte allmählich an und die Arbeiten an dem Projekt konnten beginnen. Die Verlegung erfolgte mit eigenen Handwerkern des Unternehmens van Delden, für die dieses Projekt Neuland war.

Die Rohrleitung wurde entlang der Schieferkuhle und der Königstraße, unter der Losserstraße, durch das Gelände der Kläranlage, den Spechtholtshook, entlang des Betriebs Westfälische Garnveredlung und schließlich im Flussbett der Dinkel bis zur Filteranlage am Mühlenwehr verlegt. Die Leitungslänge betrug gut 2,5 Kilometer. Am 4. September 1959 – es war ein Freitag – schoss das erste Wasser um 17.25 Uhr aus der Schieferkuhle in den Betrieb.

Die Oberfläche der Gerdemannschen Kuhle (Schieferkuhle) beträgt rund 20 000 Quadratmeter. Bei einer Nutzungstiefe von zehn bis 20 Metern standen rund 250 000 Kubikmeter Wasser zur Verfügung. Bei äußerster Wassersparsamkeit reichte eine stündliche Wassermenge von 200 Kubikmetern zusätzlich zum Dinkelwasser. Die damals eingesetzte Pumpe in der Schieferkuhle hatte eine Nennleistung von 600 Kubikmeter und eine Förderhöhe von 70 Meter. Sechs Wochen wurde gepumpt. Dann endlich kam der Regen. Im Schnitt wurde jede Woche 30 000 Kubikmeter Wasser in den Betrieb befördert und dadurch der Wasserspiegel der Schieferkuhle um 8,90 Meter gesenkt.

Auch über einen gefährlichen Nebeneffekt der Aktion berichteten in jenen Tagen die Lokalzeitung: „Zentnerbombe und Munition in der Schieferkuhle gefunden“. Diese Hinterlassenschaften des Krieges wurden durch das Absenken des Wasserspiegels freigelegt. Ein Feuerwerker aus Münster kam, um eine Bombe, eine Handgranate und diverse Munitionsteile zu entschärfen oder zu entfernen.

Das Wasserbecken und die Filteranlage der Firma van Delden am Dinkelwehr sind bis heute noch vorhandene Zeugen der Gronauer TextilÄra. Das Unternehmen aber ist Geschichte. Würde die Dinkel heute beim derzeitigen extrem Wetter austrocknen, würde das keinen Gronauer Betrieb mehr beeinträchtigen.

Mit Extrem-Wetter und Wasserknappheit hat Gronau übrigens auch im Sommer 2003 Erfahrungen gemacht. Dieser Sommer, der als Laga-Sommer in die Stadtgeschichte eingegangen und vielen noch in Erinnerung ist, war ein sogenannter Jahrhundert-Sommer. Er hat der Stadt neben Wasserknappheit vor allem viel Freude und über eine Millionen Besucher der Landesgartenschau gebracht.

Übrigens: Der DDR ging im Sommer 1959 die Milch doch nicht aus. Das kam durch ganz besondere „Grenzgänger“: 2000 Milchkühe wurden dafür von West nach Ost getrieben. Zwei Jahre später (1961) wurde die Mauer gebaut.

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