Sommerkrimi, Folge neun
Schatten am Torfstecherdenkmal

Jo Krafft-Zich schaut sich um. Der Leiter des Gronauer Planungsamtes ist allein in dem Großraumbüro. Er öffnet die Schublade seines Schreibtischs. „Geheime Gesprächsnotiz Pfeifer“, steht auf dem Din-A-4-Blatt. Er muss den Zettel unbedingt loswerden. Als Pfeifer noch lebte, da hätte er sein geheimes Wissen bei passender Gelegenheit gegen seinen Chef verwenden können. Aber jetzt könnte er in Verdacht geraten, dass er irgendwas mit dem Mord zu tun hat. Von allem, was irgendwie mit Pfeifer zu tun hat, sollte er besser die Finger lassen. Auch ihm hatte Pfeifer mit dem Ackerbürgerhaus in den Ohren gelegen. Obwohl das gar nicht sein Ressort ist. Er hatte schon genug mit Parkhäusern und Schulbauten zu tun. Aber auch da hatte Pfeifer sich immer eingemischt. Als ehemaliger Lehrer konnte er wohl nicht mehr aus seiner Haut . . .

Dienstag, 14.08.2018, 21:00 Uhr

Ganz schön viel los in der Nähe des Tatorts: Drei Männer kann Martin Burgs Nichte identifizieren – außerdem hat sie einen Schatte am Torfstecherdenkmal bemerkt. Derweil versucht Jo Krafft-Zich, das Geheimpapier loszuwerden.
Ganz schön viel los in der Nähe des Tatorts: Drei Männer kann Martin Burgs Nichte identifizieren – außerdem hat sie einen Schatte am Torfstecherdenkmal bemerkt. Derweil versucht Jo Krafft-Zich, das Geheimpapier loszuwerden. Foto: Heinrich Schwarze-Blanke

Krafft-Zich schleicht zum Schredder, als plötzlich Anja Blinker den Raum betritt und sich an ihren Schreibtisch setzt. Verflixt, jetzt kann er den Ausdruck nicht vernichten. Wo sich Blinker doch immer so aufregt, wenn ihre Kollegen etwas ausdrucken. „Papierverschwendung! Wir haben Computer, wir brauchen nichts zu drucken“, sagt sie bei jeder sich bietenden Gelegenheit. Blinker würde bestimmt auffallen, wenn er ein Papier schreddert, und wissen wollen, was das denn sei. Er geht unauffällig an seinen Schreibtisch zurück und lässt den Bogen, unbemerkt von seiner Kollegin, wieder in seine Schreibtischschublade gleiten . . .

Jetzt sag schon: Wen hast du gesehen?“, fragt Burg ungeduldig. Er hat sich zu Anneke in die Küche gesetzt. „Da war zuerst der Patrick Bördy. Der Vize-Vorsitzende der Gregori-Gilde. Der wohnt ja an der Ecke. Der war auch beim Jungschützenfest gewesen und schwankte schon ein bisschen. Hat wohl zu tief ins Glas geschaut. Er musste ganz schön lange suchen, bis er das Schlüsselloch gefunden hatte, hihi“. – „Gut, der war also wieder von der Straße weg. Wer war noch da?“ – „Jo Krafft-Zich. Der arbeitet bei der Stadt irgendwo beim Bau- oder Planungsamt, glaube ich. Der lief vom Amtsweg herüber in Richtung Antonius­straße. Ich habe ihn erkannt, als er unter der Straßenlaterne herlief.“ – „Hat er dich auch gesehen?“ – „Ich glaube nicht. Ich war im Schatten der Häuser.“ – „Und wer war der dritte?“ – „Dein Namensvetter: Martin Durst. Der Architekt. Der kam mir kurz danach auf dem Fahrrad entgegen aus Richtung Nienborger Straße. Er schien es eilig zu haben.“ – „War ja noch richtig was los um diese nachtschlafende Zeit.“ – „Schützenfestzeit eben. Und ein Stück weiter die Straße runter war noch ein Fahrradfahrer unterwegs. Ich hab das Vorderlicht gesehen. Aber wer das war, konnte ich nicht erkennen.“ – „War das vielleicht Pfeifer?“ – „Keine Ahnung!“ – „Der müsste ja um die Zeit in der Gegend aufgetaucht sein.“ – „Warte mal“ , runzelt Anneke die Stirn. „Wenn ich so richtig darüber nachdenke: Ich hatte den Eindruck, dass sich irgendjemand am Torfstecher-Denkmal herumgetrieben hat. Ich meine, da einen Schatten gesehen zu haben. Aber ich habe nicht nachgeschaut. Bin schnell nach Hause gelaufen . . . “ – „Vernünftig. Trotzdem schade, dass du den nicht erkannt hast.“ – Frag doch einfach Bördy, Durst und Krafft-Zich. Vielleicht haben die ja mehr gesehen.“

Die beiden Kommissare verlassen das Mühlengelände. „Pfeifer war doch beim Heimatverein aktiv“, sagt Frühling. „Vielleicht wissen die Mitglieder ja, ob jemand sauer auf Pfeifer war.“ – „Gute Idee, Manni. Lass uns zum Heimathaus fahren.“ – „Okay, aber jetzt trittst du mal in die Pedale. Ich bin doch nicht dein Sklave.“ – „Nee, lass mal. Ich bitte Petra, mir mein Auto zu bringen. Dann hat diese Herumschleicherei auf dem Fahrrad ein Ende.“ Fünf Minuten später biegt Blösings Frau elegant mit dem chromblitzenden Horch auf den Festplatz im Eper Park ein. Frühling ist beeindruckt: „Das ist echt ein schnittiges Gefährt“, sagt er anerkennend. – „So sprichst du aber nicht von meiner Frau“, mahnt Blösing. – „Ich meine das Auto, Bert-Bodo, das Auto! Hallo, Petra“, begrüßt er Blösings Frau. „Ich bin froh, dass du kommst. Die Gurkerei mit Bert-Bodo auf dem Gepäckträger wurde langsam echt anstrengend. Er bringt ja doch einige Kilos auf die Waage.“ – „Pass auf, was du sagst!“, warnt Blösing. – „Ist ja schon gut, Bert-Bodo“, besänftigt Frühling. Um wieder gut Wetter zu machen, ergänzt er: „Petra, du hast wirklich einen ganz stattlichen Gatten.“ – „Ja“, bestätigt die. „Besonders in der Körpermitte!“ – „Jetzt fängst du auch noch an!“, schimpft Blösing. „Ich bin nicht zu dick.“ – „Da kann man geteilter Meinung sein“, sagt Petra schnippisch. – Blösing ist beleidigt: „Pff. Ich fahr jetzt. Da hast du meine Fahrkarte, Petra. Der nächste Bus fährt in zehn Minuten vom Amtshaus. Wenn du dich beeilst, kriegste den noch.“ – „Du willst mich doch nicht einfach so stehen lassen! Du musst doch sowieso zum Heimathaus, da kannst du mich doch mitnehmen“, empört sich Petra. – „Nee, erst wenn du dich entschuldigst.“ Blösing steigt in sein Auto, knallt die Tür zu und startet mit quietschenden Reifen in Richtung Ortsmitte. Seine Frau und Frühling bleiben mit offenen Mündern zurück. „Mein Gott, ist der empfindlich geworden“, sagt Frühling schließlich. „Komm, Petra, ich begleite dich zur Bushaltestelle.“ Sein Fahrrad neben sich her schiebend, trottet er los. „Was macht das Rockmuseum“, will er wissen. Der örtliche Musentempel, in dem Petra arbeitet, ist wegen Umbauarbeiten geschlossen. Schon viel länger als geplant. „Woran liegt’s denn?“, will Frühling wissen. – „Wenn du’s nicht verrätst, sag ich‘s dir“, sagt Petra, während sie über die Dinkelbrücke in den Park laufen. „Es gibt Probleme mit dem Hologramm von Udo Rindenzwerg. Der soll ja die Gäste begrüßen. Doch irgendwas ist mit der Synchronisierung schief gelaufen. Sobald man das Hologramm anschaltet, erscheint zwar das Bild von Udo – aber als Ton kommt immer das „holleratihü“ von Otto Woolkes. Die Programmierer kriegen den Fehler einfach nicht weg.“ – „Gibt’s doch gar nicht!“, ist Frühling baff. Die beiden passieren plaudernd die preisgekrönte Eisdiele d’Ampezzo („Gefroren.Geschmack.Gänsehaut“), wo sich angesichts des wieder ungetrübten Sonnenscheins eine lange Schlange Eishungriger gebildet hat. Sie biegen in die kleine Gasse Richtung Gräfte ein, als ihnen Jo Krafft-Zich entgegenkommt. Als er Frühling erblickt, erschrickt er sichtlich, macht kehrt und läuft in Richtung Alte Post davon. „Was hat der denn?“, fragt Petra. „Wenn das nicht das personifizierte schlechte Gewissen ist . . .“ 

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