Blickpunkt der Woche
Die Mutter aller Lösungen

Die Zahl der ankommenden Flüchtlinge ist deutlich gesunden, nichtsdestotrotz müssen wir uns – als Staat und als Zivilgesellschaft – um die Menschen kümmern, die in unserer Mitte leben, also faktisch ein Teil unserer Gesellschaft sind.

Samstag, 15.09.2018, 09:00 Uhr
Veröffentlicht: Samstag, 15.09.2018, 08:38 Uhr
Zuletzt bearbeitet: Samstag, 15.09.2018, 09:00 Uhr
Ja, auch das deutsche Mülltrennungssystem ist Inhalt der Flüchtlingsbetreuung. Das ging aus der Debatte im jüngsten Sozialausschuss hervor. Obwohl, wie viele Deutsche bekommen das auch nicht auf die Kette . . .
Ja, auch das deutsche Mülltrennungssystem ist Inhalt der Flüchtlingsbetreuung. Das ging aus der Debatte im jüngsten Sozialausschuss hervor. Obwohl, wie viele Deutsche bekommen das auch nicht auf die Kette . . . Foto: Heinrich Schwarze-Blanke

Als vor drei Jahren Flüchtlinge busseweise nach Gronau kamen, als Turnhallen zu Notunterkünften umfunktioniert wurden, da war die Betreuung und Versorgung dieser Menschen in der Stadt sicht- und greifbar. Eine Welle der Hilfsbereitschaft ging seinerzeit durch die Stadt: angefangen bei vielen Freiwilligen, die mit anpackten, um die Turnhallen umzurüsten, bis hin zum Schützenverein, der in der Unterkunft eine Nikolaus-Bescherung organisierte. Das haben die Gronauer und Eperaner wirklich gut gemacht!

Inzwischen ist die Zahl der Neuankömmlinge in der Stadt deutlich gesunken. Dementsprechend geht es nicht mehr darum, schnell Betten, Essen und Kleidung zu organisieren. Indes: Rund 260 Personen leben zurzeit noch in städtischen Unterkünften. Aber nur eine Minderheit von ihnen – und das trifft auch auf die aktuellen Neuankömmlinge zu – hat eine gute Bleibeperspektive. Nichtsdestotrotz müssen wir uns – als Staat und als Zivilgesellschaft – um die Menschen kümmern, die in unserer Mitte leben, also faktisch ein Teil unserer Gesellschaft sind. Dabei hängt es vom Einzelfall ab, wie dieses Kümmern aussehen sollte: Die einen brauchen nur einen Crashkurs Deutschland – inklusive Einführung in das System der Mülltrennung – und finden sich dann gut allein zurecht. Andere brauchen mehr Unterstützung, um in ihrer neuen Heimat richtig anzukommen, manchmal auch, um schreckliche Erlebnisse, die sie in der alten Heimat hatten, zu verarbeiten. Und dann sind da noch die, die darauf vorbereitet werden müssen, dass sie das Land wieder verlassen müssen. Es wäre nämlich zu kurz gesprungen zu sagen, das lohnt sich nicht. Denn einerseits sind es häufig die Perspektivlosen, die Probleme verursachen, weil sie ja eh nichts zu verlieren haben, und andererseits werden sie immer wieder versuchen, vor der ausweglosen Situation in ihren Heimatländern zu fliehen, wenn wir ihnen keine Auswege in Aussicht stellen.

Nun könnte man – zu recht – das Klagelied auf „die da oben“ anstimmen, die von der Migrationsfrage als „Mutter aller Probleme“ schwadronieren und ganz viel Energie darauf verschwenden, Europa abzuschotten und möglichst viele der Flüchtlinge in unserem Land wieder loszuwerden. Allein: Lamentieren bringt uns vor Ort kein Stück weiter. Also müssen wir die Dinge unter den gegebenen Umständen selbst in die Hand nehmen. Dazu bedarf es auch weiterhin des Engagements Ehrenamtlicher – und davon gibt es ja in der Dinkelstadt zum Glück viele, die sich zum Beispiel in Vereinen oder Kirchengemeinden auch um Geflüchtete kümmern. Dazu bedarf es aber auch der Arbeit von Profis, die von den Kommunen, dem Land oder dem Bund bezahlt werden.

E bendiese professionelle Hilfe war Thema in der jüngsten Sitzung des Sozialausschusses. Doch leider stand am Ende einer kontroversen Diskussion nur eine Kenntnisnahme, obwohl schon bald die Haushaltsberatungen beginnen, in denen die Weichen über die Finanzierung auch der Flüchtlingsbetreuung gestellt werden. Hier am Ball zu bleiben, bestehende Angebote dem veränderten Bedarf anzupassen und zu verstetigen, ist zwar nicht die Mutter aller Lösungen. Aber ein wichtiger Teil eines ganzen Bündels von Maßnahmen, die genauso facettenreich sein muss, wie die komplexen Probleme in unserer globalisierten Lebensrealität.

 

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