Gerhard Petersen verfolgt den Abriss seiner Arbeitsstätte
Der lange Abschied

Gronau -

Der Anblick könnte herzzerreißend sein: Vor dem geöffneten Fenster breitet sich ein Trümmerfeld aus, in den aufgebrochenen Räumen, die noch an der letzten Fassade kleben, baumeln Rohrenden, Leitungen, die nirgends mehr hin führen und letzte Fetzen von Tapeten. Aber Gerhard Petersen, dessen lebenslange Arbeitsstätte mit dem Hertie-Gebäude abgerissen wird, nimmt es gelassen.

Freitag, 12.10.2018, 07:00 Uhr
Veröffentlicht: Freitag, 12.10.2018, 07:00 Uhr
Gerhard Petersen kann nur noch ungefähr sagen, wo in den Trümmern welche Räume des Kaufhauses waren.
Gerhard Petersen kann nur noch ungefähr sagen, wo in den Trümmern welche Räume des Kaufhauses waren. Foto: Christiane Nitsche

Der Anblick könnte herzzerreißend sein: Vor dem geöffneten Fenster breitet sich ein Trümmerfeld aus, in den aufgebrochenen Räumen, die noch an der letzten Fassade kleben, baumeln Rohrenden, Leitungen, die nirgends mehr hin führen und letzte Fetzen von Tapeten. Gerhard Petersen versucht, sich zu orientieren. „Wenn Sie mich jetzt fragen, welche Wände das da waren“, überlegt er, während er hinüber deutet, „komme ich nicht klar.“ Die ungewohnte Perspektive hinein in den aufgerissenen Kern seiner lebenslangen Arbeitsstätte macht es ihm schwer. Und damit sei er nicht allein, wie er erzählt. „Ich habe einen ehemaligen Kollegen getroffen, der steht auch vor einem Rätsel.“

Aber Gerhard Petersen nimmt es gelassen. „Man konnte sich lange vorbereiten und hatte lange Abstand“, sagt er angesichts des Trümmerfelds, das sich vor seinen Augen bietet. Der 76-Jährige hat im Grunde schon 2002 Abschied genommen von seiner Lebensarbeitsstätte. Damals ging er in Rente. 31 Jahre arbeitete der Gronauer in dem Gebäude, das nun keines mehr ist – lange bevor aus Karstadt Hertie und aus Hertie eine Ruine wurde, die seit dem Abriss der letzten Fassadeteile entlang der Konrad-Adenauer-Straße am Donnerstag endgültig Vergangenheit ist.

Petersen erinnert sich noch gut an den Tag der Eröffnung im August 1971. „Mit großem Pomp“ sei das vonstatten gegangen damals. „800 bis 1000 Leute standen da.“ Sogar ein Tagfeuerwerk gab es. „Sowas kannte ich bis dahin gar nicht.“

Sieben Jahre lang hatte er schon in Schleswig für die damals noch prosperierende Kaufhauskette gearbeitet, bevor er nach Gronau zur brandneuen Filiale wechselte. Angefangen in der Plakatmalerei und Dekorationsabteilung, stieg er bald zum leitenden Dekorateur auf. Später arbeitete er im Warenversand und in der Warenannahme. „Wechselkasse habe ich auch gemacht.“ Seine letzte Station: die Elektroabteilung. Da habe er noch drei Jahre im Verkauf gearbeitet. „Das war ein bisschen neu und fremd damals“, erinnert er sich. „Aber ich denke, ich habe das gut hingekriegt.“

Das Kaufhaus im Herzen Gronaus – das war zumindest auch indirekt eine Herzenssache für Gerhard Petersen. Seine Frau und seine Tochter arbeiteten ebenfalls bei Karstadt und später bei Hertie. „Sogar meine Schwägerin war hier.“

Auch sonst war und ist ihm das Gebäude immer nah gewesen. „Zuerst habe ich in der Neustraße gewohnt“, erklärt er. „Aber dann bin ich immer näher ran gezogen.“

Heute wohnt er am Kurt-Schumacher-Platz – quasi mit Logenplatz, wenn es darum geht, die Abrissarbeiten zu beobachten. Seine Tochter mache ständig Videoaufnahmen, erzählt er. Dann entdeckt er doch noch etwas Bekanntes. „Das ist ein Zeichentisch“, ruft er aus. Ungefähr dort muss seine erste Wirkungsstätte bei Karstadt in Gronau gewesen sein. „Rechts davon stand ein Rechner.“

Von dem ist keine Spur mehr vorhanden. Dass überhaupt noch ein komplett erhaltenes Stück Möbel im Gebäuderest zu erkennen ist, grenzt an ein Wunder. „Es ist eigentlich schade um das Bauwerk“, überlegt Gerhard Petersen. „Man sieht ja jetzt, wie stabil das ist.“

Dabei steht Gerhard Petersen den geplanten Neuerungen der Innenstadt-Entwicklung durchaus offen gegenüber. „Ich habe mir die Drio-Pläne angeguckt und finde die eigentlich ganz schön“, sagt er.

Er habe bloß Bedenken wegen der Kosten. „Wenn man die umrechnet, werden die Mieten nachher entsprechend hoch sein“, überlegt er. „Es wäre auf jeden Fall zu wünschen, dass das alles hinhaut – dass das hundertprozentig gut wird.“ Und wenn nicht? „Sonst wäre Gronau in ein paar Jahren eine Geisterstadt.“

Dass er aber womöglich die falsche Entscheidung getroffen habe, als er in jungen Jahren von Karstadt in Schleswig nach Gronau wechselte, davon kann keine Rede sein. Petersen schmunzelt ein wenig schief. „Das Haus in Schleswig wird jetzt auch abgerissen.“

Dann holt er noch ein Päckchen hervor – in Zeitungspapier eingewickelte Reliefs, aus Zeiten, als es noch keinen Digitalsatz gab: Embleme für den Prägedruck mit einer damals noch schmucken Gebäude-Silhouette und dem Versprechen: „Einkaufen, wo es Freude macht.“

Dass das irgendwann wieder so sein werde im Herzen Gronaus, das wünscht sich Gerhard Petermann. Dann verabschiedet er sich mit einem fröhlichen: „Ich werd‘s beobachten.“

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