Gronauer Jobcenter geht neue Wege
Aufbruchstimmung im Fachdienst

Gronau -

Michael Pierk ist seit Anfang 2017 Fachdienstleiter des Jobcenters. In dieser Funktion berichtet er regelmäßig im Sozialausschuss über den „Stand der Zielerreichung im SGB II“. Dahinter verbirgt sich die Integration von SGB-II-Empfängern in den Arbeitsmarkt (siehe Info-Kasten).

Samstag, 13.10.2018, 10:00 Uhr
Veröffentlicht: Samstag, 13.10.2018, 10:00 Uhr
Das Schild am Eingang des Jobcenters im Souterrain des Rathauses könnte mal aufgefrischt werden. Die Beratungskonzepte sind es schon . . .
Das Schild am Eingang des Jobcenters im Souterrain des Rathauses könnte mal aufgefrischt werden. Die Beratungskonzepte sind es schon . . . Foto: Frank Zimmermann

In Sachen SGB-II-Empfänger ist Gronau die Kommune, die im Kreis Borken stets die schlechtesten Werte aufweist. Um die „rote Laterne“ loszuwerden, hat in der jüngsten Sitzung des Sozialausschusses ein Politiker die Idee an Michael Pierk herangetragen, das Jobcenter solle doch mehr Kunden in Schulungen schicken. Diese würden somit aus der Statistik herausfallen, und die Zahlen würden besser. Die Reaktion von Pierk darauf war bemerkenswert: Einerseits, sagte er, sei er kein Freund geschönter Statistiken, und andererseits habe er diese auch gar nicht nötig, denn das Jobcenter könne auch jetzt schon gute Erfolge vorweisen. WN-Redakteur Frank Zimmermann hat bei Michael Pierk und der Ersten Beigeordneten Sandra Cichon nachgehakt, was es mit dieser Geschichte auf sich hat.

Herr Pierk, welche Erfolge sind das genau, auf die Sie in der Ausschusssitzung verwiesen haben?

Michael Pierk: Wir haben momentan eine gute Konjunktur – sowohl in Deutschland wie auch in Gronau – und diese Konjunktur spielt uns in die Karten. Dazu folgende Zahlen: Wir hatten im August 2017 1882 Bedarfsgemeinschaften. Im August 2018 waren es nur noch 1655, eine Verringerung von 227 Bedarfsgemeinschaften, das ist eine Verbesserung um 12,1 Prozent. Bei den erwerbsfähigen Leistungsbeziehern – das sind Personen über 15 Jahre – hatten wir im August 2017 2860 Personen und im August 2018 waren es 2353 Personen, das ist ein Minus von 327 Personen, also eine Verbesserung um 12,2 Prozent. Daran wird deutlich, dass wir gute Arbeit geleistet haben. Das sind Zahlen, mit denen wir uns durchaus sehen lassen können.

Jetzt sagen Sie selbst - und so steht es auch in der Verwaltungsvorlage für den Sozialausschuss – dass ein wesentlicher Grund für diese Entwicklung die gute Wirtschaftslage ist. Heißt das im Umkehrschluss: Wenn die Wirtschaft wieder abflaut, dann gehen die Zahlen automatisch wieder hoch? Oder haben Sie ein Instrumentarium an der Hand, um dem gegenzusteuern?

Pierk: Wir sind das letzte Glied in der Kette. Viele Möglichkeiten, da etwas aufzufangen, haben wir nicht.

Das heißt aber auch, um die Sorge des Politikers wieder aufzugreifen, die „rote Laterne“ wird Gronau so schnell nicht los, weil ja auch die anderen Kommunen im Kreis von der guten Wirtschaftslage profitieren?

Pierk: Das wäre zwar schön, aber das können wir als Jobcenter alleine nicht beeinflussen. Da muss man die wirtschaftliche Entwicklung in Gronau betrachten und auch, wie Gronau sozial aufgestellt ist. Wir haben zum Beispiel einen hohen Anteil von Menschen mit Migrationshintergrund und sind eine Grenzstadt.

Aber es hat doch in den Fachdiensten Jobcenter und Soziales einen Strukturwandel gegeben. Sie, Frau Cichon, haben in der Ausschusssitzung sogar von Aufbruchsstimmung gesprochen . . .

Sandra Cichon: Dieser Strukturwandel bahnt sich schon recht lange an. Wir haben schon im Jahr 2013 mit einem externen Berater unsere Strukturen im sozialen Bereich untersucht und haben auch damals schon beschlossen, etwas zu ändern. Wir sind aber jetzt erst dazu gekommen alle Leitungsstellen zu besetzen. In der Vergangenheit war es so, dass wir als einzige Kommune im Kreis für das Jobcenter zwei Fachdienste hatten. Wir hatten in Gronau den Fachdienst Leistungsgewährung und in Epe einen eigenen Fachdienst Eingliederung und Vermittlung. Beide Fachbereiche haben zwar mit der gleichen Klientel gearbeitet, aber eben unter zwei verschiedenen Fachdienstleitungen. Wir haben jetzt beide Fachdienste organisatorisch zusammengeführt und wollen mit dem Kopf des Jobcenters diesen Fachdienst in eine Richtung führen. Die Stelle des Fachdienstleiters Jobcenter konnten wir mit Herrn Pierk schon zu Beginn des Jahres 2017 besetzen und in diesem Sommer auch die des Fachdienstes Soziales. Außerdem konnten wir im Laufe des Jahres zwei Sachgebietsleitungsstellen im Jobcenter besetzen. Jetzt sind also die Führungspositionen gut besetzt. Und das hat eben ein Stück weit Aufbruchsstimmung ausgelöst. Dazu haben wir jüngst gemeinsam mit dem Berater sowohl Beratungskonzeptionen wie auch die konkrete Arbeit in den Sachgebieten umstrukturiert. Und das setzen wir seit Sommer dieses Jahres um.

Pierk: Ich würde gerne auf den aktivierenden Bereich eingehen: Wir haben das klassische System ein bisschen aufgebrochen. Früher hatten wir den Fallmanager und den Vermittler – und zwar nach Buchstaben sortiert. Dazu haben wir uns mit der Beratungsfirma und auch unter Einbezug der Kollegen ein ganz neues System überlegt. Zum 1. August, also relativ frisch, haben wir diese Ideen umgesetzt. Jetzt arbeiten wir mit Teams, die systemisch beraten. Wir haben zwei Teams, die nur noch aus Fallmanagern bestehen. Diese Teams übernehmen die Zugangssteuerung selber, das heißt sie sind nicht mehr nach Buchstaben sortiert, sondern achten darauf, wo welche Kapazitäten frei sind, sodass jeder in etwa den gleichen Fallbestand hat. Es wird aber auch nach Fachkenntnissen sortiert. Es gibt zum Beispiel Kollegen, die sind auf alleinerziehende Mütter spezialisiert oder auch auf Menschen mit Vermittlungshemmnissen. Die Kollegen können also selber überlegen, welcher Kunde könnte mir liegen und was ist für den Kunden sinnvoll. Dazu gibt es in den Teams Fallberatung. Jetzt betrachtet man zum Beispiel nicht nur den einzelnen Kunden, sondern die ganze Bedarfsgemeinschaft. Mit diesem Ansatz arbeiten nur wenige Jobcenter. Neben den beiden Fallmanager-Teams haben wir ein Team „Flüchtlinge“. Dessen vorrangige Aufgabe ist es, die Kunden in Integrations- und Alphabetisierungskurse zu vermitteln. Daneben haben wir ein weiteres Team, das nennt sich SJA-Team. Das ist zuständig für Sofortvermittlung, den „Jobclub“ und Akquise. Ein Neukunde wird nach dem Erstgespräch beim Mitarbeiter aus dem Bereich Leistungsgewährung persönlich zur Sofortvermittlung gebracht. Dort beginnt sofort die Aktivierung des Kunden, denn wir wollen keine Zeit verlieren, sondern versuchen, den Kunden direkt wieder in Arbeit zu bringen. Das kann zum Beispiel durch Kontaktvermittlung geschehen, denn die Kollegen in der Sofortvermittlung wissen natürlich, wo gerade welche Stellen offen sind. Im besten Fall kommt es so gar nicht erst zu einer Antragstellung des Kunden. Davon würden beide Seiten profitieren.

Wie werde ich Mitglied im „Jobclub“?

Pierk: Der „Jobclub“ ist eine Maßnahme in Eigenregie. Dabei geht es darum, die Bewerberkompetenzen eines Kunden durch intensive Betreuung zu verbessern. Der Jobclub dauert in der Regel sechs Wochen; daran nehmen im Schnitt zwölf Personen teil.

Cichon: Bezüglich der Umstrukturierung der Beratung möchte ich den systemischen Ansatz betonen. In der Vergangenheit wurde zum Beispiel eine Familie von verschiedenen Sachbearbeitern betreut, weil für Menschen über 25 Jahre andere zuständig waren als für jüngere Menschen. Wenn also in der Familie junge Erwachsene lebten, die auch keine Arbeit hatten, dann wurden die einzelnen Familienmitglieder von verschiedenen Sachbearbeitern betreut. Das haben wir jetzt zusammengeführt, um zum Beispiel beurteilen zu können, welche Person aus dieser Bedarfsgemeinschaft diejenige sein könnte, die man in Sachen Beruf am besten auf den Weg bringen könnte. Es muss ja nicht immer der Mann arbeiten gehen, wenn zum Beispiel die Frau besser qualifiziert ist . . .

Dann starren Sie ja doch nicht nur auf die Wirtschaftslage, sondern haben durchaus einige Maßnahmen in petto…

Pierk: Ja, natürlich! Nichtsdestotrotz ist es die Wirtschaftslage, die uns die Kunden zuführt. Aber natürlich wollen wir den Kunden etwas Gutes tun und sie nach Möglichkeit in Arbeit vermitteln.

Anzeige
https://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/6118472?categorypath=%2F2%2F84%2F61%2F93%2F103%2F150%2F
Alleinunfall: Motorradfahrer erleidet schwerste Verletzungen
29-Jähriger zwischen Lengerich und Tecklenburg-Leeden verunglückt: Alleinunfall: Motorradfahrer erleidet schwerste Verletzungen
Nachrichten-Ticker