Colonia Dignidad
Ermittlungen wegen Beihilfe zum Mord

Gronau -

Die Staatsanwaltschaft Münster ermittelt gegen den 72 Jahre alten Gronauer Reinhard D. wegen des Verdachts der Entführung und der Beihilfe zum Mord. Das hat der Sprecher der Staatsanwaltschaft Münster, Oberstaatsanwalt Stefan Lechtape, gegenüber den WN bestätigt.

Montag, 15.10.2018, 20:18 Uhr
Veröffentlicht: Montag, 15.10.2018, 18:51 Uhr
Zuletzt bearbeitet: Montag, 15.10.2018, 20:18 Uhr
Das Haupttor der „Colonia Dignidad“ in Parral, knapp 400 Kilometer südlich von Santiago in Chile, aufgenommen 1988. 1961 gründete der in seiner deutschen Heimat unter Verdacht auf Kindesmissbrauch stehende Sekten-Prediger Paul Schäfer die Kolonie. Unter dem Mantel der Nächstenliebe sollen auf dem Gelände jahrzehntelang Gegner des Diktators Pinochet gefoltert worden sein. Die zum großen Teil aus Deutschland stammenden Bewohner der Kolonie wurden unterdrückt und misshandelt, Kinder sexuell missbraucht.
Das Haupttor der „Colonia Dignidad“ in Parral, knapp 400 Kilometer südlich von Santiago in Chile, aufgenommen 1988. 1961 gründete der in seiner deutschen Heimat unter Verdacht auf Kindesmissbrauch stehende Sekten-Prediger Paul Schäfer die Kolonie. Unter dem Mantel der Nächstenliebe sollen auf dem Gelände jahrzehntelang Gegner des Diktators Pinochet gefoltert worden sein. Die zum großen Teil aus Deutschland stammenden Bewohner der Kolonie wurden unterdrückt und misshandelt, Kinder sexuell missbraucht. Foto: dpa

Die Staatsanwaltschaft Münster ermittelt gegen den 72 Jahre alten Gronauer Reinhard D. wegen des Verdachts der Entführung und der Beihilfe zum Mord. Das hat der Sprecher der Staatsanwaltschaft Münster, Oberstaatsanwalt Stefan Lechtape, gegenüber den WN bestätigt. D. soll, so der Verdacht, 1976 die Ermordung von Gegnern der Pinochet-Diktatur auf dem Gelände der Colonia Dignidad in Chile unterstützt haben.

Internationaler Haftbefehl bereits 2005

Informationen der WN zufolge, hatte der zuständige Richter eines Gerichts in Santiago bereits im September 2005 einen internationalen Haftbefehl gegen D. wegen des Straftatbestandes der Entführung ausgestellt, der aber nicht vollstreckt wurde. Auf Ersuchen Chiles im Jahr 2016 hatte die Staatsanwaltschaft Münster wegen dieses Tatbestands Ermittlungen aufgenommen, so Lechtape. „Doch Entführung ist bei uns – offenbar im Gegensatz zum chilenischen Strafrecht – verjährt“, so der Oberstaatsanwalt.

Ermittlungen wegen Beihilfe zum Mord laufen

Die Ermittlungen wegen Beihilfe zum Mord laufen jedoch. Das European Center for Constitutional and Human Rights (ECCHR) hatte im April dieses Jahres Anzeige erstattet. D. soll der Organisation zufolge mit der Bewachung Gefangener und mit Fahrdiensten zu Erschießungsstätten die Tötungen von zwei chilenischen Regimegegnern erleichtert haben.

„Die Oppositionellen sind 1976 in Chile verschwunden“, so Lechtape. Die Ermittlungen in dieser Sache werden sich seiner Einschätzung nach sehr schwierig gestalten und langwierig sein. „Die Vorfälle sind schließlich 42 Jahre her, und wir werden auf Unterlagen aus Chile angewiesen sein.“

Die Vorfälle sind schließlich 42 Jahre her, und wir werden auf Unterlagen aus Chile angewiesen sein.

Oberstaatsanwalt Stefan Lechtape

Der 72-jährige D. war laut ECCHR Teil der Führungsriege der Colonia Dignidad. Die Sektensiedlung im Süden Chiles war jahrzehntelang Ort schwerster Menschenrechtsverletzungen. D. floh – wie andere Mitglieder des Führungskreises – nach Deutschland, als ihm 2004 in Chile der Prozess drohte. Er wohnt seit Jahren im Gronauer Stadtosten.

„Es ist höchste Zeit, dass jemand wie Reinhard D. zur Verantwortung gezogen wird. Doch die deutsche Justiz blockiert seit Jahrzehnten die Aufarbeitung der Verbrechen in der Colonia Dignidad“, sagt Andreas Schüller, Leiter des Programmbereichs „Völkerstraftaten und rechtliche Verantwortung“ beim ECCHR. „Die laufenden Ermittlungen der Staatsanwaltschaften in Krefeld und Münster müssen gebündelt und priorisiert werden.“

„Es ist höchste Zeit, dass jemand wie Reinhard D. zur Verantwortung gezogen wird. Doch die deutsche Justiz blockiert seit Jahrzehnten die Aufarbeitung der Verbrechen in der Colonia Dignidad.

Andreas Schüller, Leiter des Programmbereichs „Völkerstraftaten und rechtliche Verantwortung“ beim ECCHR

Gegen den ehemaligen Sektenarzt Hartmut H. stellte das ECCHR schon 2011 Strafanzeige wegen Beihilfe zum Mord, sexuellem Missbrauch und schwerer Körperverletzung. Der Sektenarzt, der als „rechte Hand“ von Sektengründer Schäfer galt, wurde in Chile wegen Beihilfe zum sexuellen Missbrauch von Minderjährigen verurteilt, floh vor dem Strafvollzug aber nach Deutschland. Einen Antrag der chilenischen Justiz zur Vollstreckung des Urteils in Deutschland lehnte das Oberlandesgericht Düsseldorf im September ab.

In der Colonia wurden auch viele aus Gronau stammende Menschen gequält, missbraucht und ausgebeutet, die Sektengründer Schäfer seit den 60er-Jahren dorthin gelockt hatte.

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