Aktionstage „Sucht hat immer eine Geschichte“
Zocken zur Entspannung

Gronau -

20 Pfennige kostete ein Spiel, als die mittlerweile 54-jährige Gronauerin vor 29 Jahren erstmals mit den Groschengräbern – der Begriff passte damals noch – in Berührung kam. „Ich konnte entspannen, dem Alltag entfliegen“, erinnert sie sich.

Mittwoch, 07.11.2018, 09:00 Uhr
Veröffentlicht: Mittwoch, 07.11.2018, 08:55 Uhr
Zuletzt bearbeitet: Mittwoch, 07.11.2018, 09:00 Uhr
Eine junge Frau sitzt an einem Geldspielautomaten. Ein solches Foto hätte man seinerzeit auch von der heute 56-jährigen Gronauerin machen können, als sie vor 29 Jahren mit den sogenannten Groschengräbern in Berührung kam.
Eine junge Frau sitzt an einem Geldspielautomaten. Ein solches Foto hätte man seinerzeit auch von der heute 56-jährigen Gronauerin machen können, als sie vor 29 Jahren mit den sogenannten Groschengräbern in Berührung kam. Foto: Marijan Murat/dpa

Ihr ehemaliger Mann hatte in ihr eine Leidenschaft erweckt, die zur Sucht wurde. Mit Geschichten wie der von ihrem Lebensweg beschäftigen sich die Aktionstage „Sucht hat immer eine Geschichte“, die vom 7. bis 16. November in Gronau stattfinden.

Weil er mehr verzockte als er monatlich verdiente, geriet der „Ex“ auf die schiefe Bahn, landete im Knast. Keine einfachen Zeiten für die Mutter, die mit wenig Geld über die Runden kommen musste – und das auch noch in die Spielhallen der Stadt trug. War das Geld richtig knapp, dann waren die Automaten oft die letzte Hoffnung. Da lieh sie sich von Freunden und Verwandten schon mal Geld, um für die Kinder Lebensmittel zu kaufen – und der Rest wurde Abend für Abend in die Automaten gesteckt. „Ich hab da auch mal richtig viel Geld gewonnen“, verweist sie auf einen weiteren Grund, ihr Glück am Automaten zu suchen. „Ich habe auch 2000 oder 3000 Euro aus ihnen herausgeholt.“ Aber das war eher die Ausnahme.

Auch wenn das Problem alt und bekannt ist – gelöst ist es bis heute nicht. Seit über 20 Jahren hat die Gronauerin einen neuen Partner. „Am Anfang wusste er das nicht.“ Sie fand in der neuen Beziehung ein positives Umfeld, Geborgenheit. Schaffte es zeitweise sogar, ihr familiäres Umfeld und die eigene Kindheit zu verdrängen, die sie als Ursache für ihre Spielsucht ausgemacht hatte.

Das Verhältnis zu ihrer Mutter spielt dabei eine große Rolle. „Ich habe mir immer Liebe und Zuneigung gewünscht.“ Doch statt dessen wurde sie vom Stiefvater missbraucht, die eigene Mutter sah darüber hinweg.

Auch diese hat eine Suchtkarriere hinter sich. „Nach dem Alkohol-Tod meiner Schwester hat sie eine Entziehung gemacht“, so die Tochter. „Aber bösartig ist sie trotzdem geblieben.“

Seit 20 Jahren steht sie in Kontakt mit der Suchtberatungsstelle in Gronau, hat sich auch in einigen Spielhallen sperren lassen und war bereits vier Mal in Therapie. „Es gab auch Phasen, da habe ich ein oder zwei Jahre lang nicht gespielt“, verweist sie auf wechselhafte Entwicklungen. Jetzt stehe bei ihr erneut eine Traumatherapie an, die in Lengerich durchgeführt werde. Denn nicht nur die Spielsucht plagt sie. Auch eine schwere Borderline-Erkrankung hat sie lange beeinträchtigt. „Das habe ich aber gut im Griff.“

Für Krisenfälle hat sie immer einen Notfallkoffer parat. Pfefferminzbonbons, Gummibänder und Zitronen befinden sich beispielsweise darin. Dinge, mit denen sie sich geringfügige Beeinträchtigungen zuziehen kann – denn die sind besser als das Ritzen, das sie früher als schmerzhaften Kanal für sich und ihre Probleme gefunden hatte.

„Ich werde wohl immer Spielen“, klingt es resigniert, wenn sie an ihre eigene Zukunft denkt. Im Gegensatz zu früher hat sie heute keine wirtschaftlichen Ängste mehr. Als Haushalt mit gutem Einkommen, Eigenheim und zwei Pkw droht kein ökonomischer Totalschaden, wenn rund 1000 Euro im Monat verspielt werden. „Und wenn ich dann mal etwas gewinne, dann will ich anderen damit eine Freude machen“, beschreibt sie ihren Umgang mit dem Spiel, das schon lange keins mehr ist. Und dann ist da immer noch die Sehnsucht nach dem, was sie als Normalität bezeichnet. Denn nach dem Tod ihrer Tante, die für sie eine Mutterfunktion übernommen hatte, gab es einen Selbstmordversuch, und sie verbrachte mehrere Monate in einer psychosomatischen Therapie.

Auch geht die Suchtgeschichte in der Familie weiter. Ihr Sohn ist ebenfalls spielsüchtig und Drogen zugeneigt. Der Enkel begibt sich nach starkem Cannabis-Konsum jetzt in eine Therapie.

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