Aktionswoche „Sucht hat immer eine Geschichte"
Imagewandel und Aufklärung

Abhängig zu werden, ist nicht schwer – süchtig zu sein dagegen sehr. Der Grad zur Abhängigkeit ist schmal. Nicht jeder, der ein paar Bier trinkt, wird gleich ein Alkoholiker. Nicht jeder, der mal einen Joint geraucht hat, steigt auf harte Drogen um. Andererseits: Jeder Alkoholiker hat mit einem Bier angefangen. Und bei jedem Spielsüchtigen gab es ein erstes Mal, dass er eine Münze in einen Automaten warf.

Samstag, 10.11.2018, 08:59 Uhr
Legale und illegale Drogen, nicht-stoffgebundene Abhängigkeiten: Betroffene sind einem hohen Leidensdruck ausgesetzt. Doch sollten sie den Mut nicht aufgeben. Es gibt Möglichkeiten, sich aus dem Teufelskreis zu befreien.
Legale und illegale Drogen, nicht-stoffgebundene Abhängigkeiten: Betroffene sind einem hohen Leidensdruck ausgesetzt. Doch sollten sie den Mut nicht aufgeben. Es gibt Möglichkeiten, sich aus dem Teufelskreis zu befreien. Foto: Heinrich Schwarze-Blanke

Soll man wegen der potenziellen Suchtgefahr zum Beispiel Alkohol ganz verbieten? Das hat man versucht – und ist kläglich gescheitert. Während der Prohibition in den USA trieb der Alkoholschmuggel fröhliche Urständ, und Spelunken mit illegalem Schnapsausschank florierten.

Der Wunsch, sich zu berauschen, ist menschlich. Doch im Rausch liegt eben auch die Gefahr. Wie stark ist sie für den Einzelnen? Das ist schwer vorherzusagen. Menschen sind Individuen. Nicht jeder reagiert auf dieselbe Weise auf Stimulanzen. Selbst bei ausgeglichenen Zeitgenossen können Schicksalsschläge Suchtverhalten auslösen. Umso mehr gehört es zu den Aufgaben der Gesellschaft, sensibel zu sein und Betroffene nicht allein zu lassen. Sie vielmehr zu ermutigen, professionelle Hilfe und Selbsthilfegruppen in Anspruch zu nehmen. Denn Abhängige stehen unter einem gewaltigen Leidensdruck und kommen aus dem Teufelskreis der Sucht oft nicht alleine heraus.

Strikte Verbote – siehe Prohibition – bieten offensichtlich keine hundertprozentige Sicherheit vor Sucht. Drogen grundsätzlich zu verteufeln, kann sogar kontraproduktiv sein. Verbote üben auf viele Jugendliche einen fast unwiderstehlichen Reiz aus. Andererseits: Eine Verharmlosung auch von legalen Drogen nach dem Motto „Kein Alkohol ist auch keine Lösung“ ist ebenso wenig angebracht.

Wie aber kann Suchtvorbeugung dann wirken? Am geeignetsten scheint mir ehrliche Aufklärung, so wie sie während der derzeit laufenden Aktionstage erfolgt. Hilfreich kann meines Erachtens zudem sein, einen Imagewandel zu fördern.

Erinnern Sie sich an die Zigarettenwerbung früherer Jahrzehnte? An die Fotos und Werbefilmchen, in denen ein wohliges Lebensgefühl, Freiheit, Abenteuer oder auch Gemütlichkeit im Freundeskreis vermittelt wurden? Natürlich hatten die netten Protagonisten allesamt lässig eine Kippe in der Hand. Als Jugendlicher war ich für diese Art der Werbung durchaus empfänglich. Die Folge: Ich bin selbst früh angefangen mit der Qualmerei, habe zum Glück nach ein paar Jahren aber wieder aufgehört.

Bei Tabakprodukten hat sich mittlerweile ein Imagewandel vollzogen. Maßnahmen wie Rauch- und Werbeverbote und die Warnhinweise auf Verpackungen zeitigen Wirkung. Rauchen gilt schon längst nicht mehr als so cool wie früher.

In dieser Woche machte die Meldung die Runde, dass die Zahl der jungen Leute, die sich bis zur Bewusstlosigkeit betrinken, sinkt. Eine positive Nachricht. Doch ist es noch zu früh, Entwarnung zu geben. Gerade unter jungen Leuten gilt es immer noch als schick, einen ordentlichen Schluck aus der Pulle zu vertragen. Es gehört schon eine ganze Menge Selbstbewusstsein dazu, sich dem Gruppenzwang zu widersetzen. Wer seine Kinder in diesem Sinne stark macht, hat schon viel erreicht.

Doch es gibt weiterhin bedenkliche Tendenzen: In zu vielen Vereinen gehört der Griff zur Flasche und zur Zigarette zum normalen Freizeitverhalten. Selbst in Sportvereinen, deren Zweck es doch sein sollte, die Gesundheit der Mitglieder zu fördern, trinken auch Jugendliche Alkohol, wie mir aus zuverlässiger Quelle zugetragen wurde. Von Jungschützen ganz zu schweigen, deren Mitglieder schon deutlich vorgeglüht bei den Veranstaltungen ihrer Vereine erscheinen. Und was ist davon zu halten, dass eine 16-Jährige beim Oktoberfest in Gronau Bierkönigin wird? Was für ein Image wird dadurch vermittelt?

Wie bei Tabakwaren könnte ein Imagewandel helfen, auch Alkohol uninteressanter zu machen. Um es mal deutlich zu machen: Wie hätten Sie es gefunden, wenn beim Oktoberfest ein Wettbewerb stattgefunden hätte, wer am schnellsten ein Päckchen Zigaretten wegqualmt?

Das Imperium schlägt derweil zurück: Die Präsenz legaler Drogen im Fernsehen zum Beispiel ist laut einer Studie der Uni Würzburg wieder enorm: In sechs von zehn TV-Sendungen ist Alkohol zu sehen, in vier von zehn wird er konsumiert. Auch Tabakwaren treten laut der Studie in fast jeder vierten Sendung auf. Muss das sein?

Sucht ist ein weites Feld – und dieser Blickpunkt reicht bei weitem nicht aus, alle Aspekte zu beleuchten. Die Abhängigkeit von illegalen Stoffen wie Cannabis nimmt zu, ebenso die Fälle von nicht-stoffgebundenen Abhängigkeiten, wie der Chefarzt der Psychiatrie am Lukas-Krankenhaus in dieser Woche sagte. Auch die (Online-)Spielsucht birgt Gefahren. Für Glücksspiel- und Internetsucht sind möglicherweise eher Einzelgänger anfällig, bei denen es kaum auffällt, dass sie sich immer weiter aus der Gesellschaft zurückziehen.

Aus dem Teufelskreis Sucht herauszukommen, kann gelingen. Beispiele dafür sind zahlreich. Die Abhängigen brauchen allerdings Mut – und Vertrauen zu den Menschen, die ihnen helfen wollen. Der Weg aus der Sucht ist nicht einfach – doch er lohnt sich. Er befreit vom Leidensdruck.

 

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