Blickpunkt der Woche: Urteil gegen einen 25-Jährigen, der seinen Sohn tödlich verletzt hat
Das System funktioniert

Gronau -

Ein 25-jähriger Mann hat seinen elf Monate alten Sohn so heftig geschüttelt, dass dieser zwei Tage später an den Folgen gestorben ist. Dafür wurde der Mann zu dreieinhalb Jahren Haft verurteilt. Für viele Menschen, die sich in sozialen Netzwerken zu dem Fall geäußert haben, war die Sache klar: Die Strafe ist viel zu gering ausgefallen.

Samstag, 12.01.2019, 07:00 Uhr
Wenn wütende Bürger Justitia zu heftig angehen, gerät ihre Waage aus dem Gleichgewicht.
Wenn wütende Bürger Justitia zu heftig angehen, gerät ihre Waage aus dem Gleichgewicht. Foto: Heinrich Schwarze-Blanke

Ein 25-jähriger Mann hat seinen elf Monate alten Sohn so heftig geschüttelt, dass dieser zwei Tage später an den Folgen gestorben ist. Eine schreckliche Tat! Der Mann hat große Schuld auf sich geladen, keine Frage. Von der Zweiten großen Strafkammer am Landgericht Münster – die setzt sich aus drei Berufsrichtern und zwei Laienrichtern (Schöffen) zusammen – wurde er dafür zu dreieinhalb Jahren Haft verurteilt.

Für viele Menschen, die sich in sozialen Netzwerken zu dem Fall geäußert haben, war die Sache klar: Die Strafe ist viel zu gering ausgefallen. „Für immer wegsperren“, war noch eine der harmloseren Forderungen. Besonders viele solcher Kommentare fanden sich unter einem sehr reißerischen Bericht. Viele Fakten waren da nicht zu erfahren. Trotzdem hatten die Kommentatoren keinerlei Zweifel: In dem Urteil spiegele sich Justizversagen. Dementsprechend werden auch Rufe nach drakonischen Strafen wie Amputationen (Sie können sich denken welcher Körperteile) und Todesstrafe laut – wenn nötig auch durch Laien.

Doch auf der Anklagebank saß am Dienstag kein Monster, kein Kindermörder, sondern ein gebrochener Mensch, der offensichtlich schwer an seiner Situation zu tragen hatte. Und auch der Frage, ob das vielleicht nur gespielt sein könnte, ist das Gericht mittels eines Gutachtens nachgegangen. Die Trauer des Angeklagten sei authentisch, lautete ein Ergebnis dieses Gutachtens. Nach allem, was auch von Zeugen beschrieben wurde, hat der Mann seinen Sohn geliebt und leidet selbst furchtbar unter dessen Tod – obwohl er ihn selbst verursacht hat oder gerade deshalb umso mehr. Für einen kurzen Moment ist hier einem Menschen sein Leben entglitten – mit tragischen Folgen für seinen kleinen Sohn, seine Familie und für ihn selbst.

Auch die fünf Richter haben sicher nach bestem Wissen und Gewissen geurteilt. Keine leichte Aufgabe bei einem Fall, der emotional so aufgeladen ist. Aber es ist gerade ihre Aufgabe, sich von Emotionen frei zu machen. Darum haben sie im Rahmen der Beweisaufnahme auch Zeugen und Experten befragt – Mediziner und Polizisten zum Beispiel. Schließlich haben sie gegenübergestellt, was für und was gegen den Angeklagten sprach. Ganz so wie Justitia mit ihrer Waage.

Es ist auch ein Indiz für das Funktionieren unserer Justiz, dass der Staatsanwalt eine andere Vorstellung vom Strafmaß hatte als die Richter und die Verteidiger. Deshalb hat er inzwischen auch Revision eingelegt. Es kann also gut sein, dass in der Sache das letzte Wort noch nicht gesprochen ist. Und auch die Verteidiger, die eine Bewährungsstrafe für ihren Mandanten im Sinn hatten, hätten die Möglichkeit gehabt, in Revision zu gehen. Eben weil in Deutschland die Richter nicht willkürlich und unkontrolliert ihre Vorstellung von Gerechtigkeit durchsetzen können.

Deshalb sind die Gerichtsverhandlungen auch in aller Regel öffentlich, sodass auch ich als Pressevertreter – sozusagen als Stellvertreter der Öffentlichkeit – mir ein eigenes Bild von dem Verfahren machen und anschließend frei darüber berichten kann. In dieser Rolle, so verstehe ich die freie Presse als vierte Säule der Demokratie – ist es auch für mich wichtig, möglichst neutral zu berichten. Denn auch die Presse bewegt sich im Rahmen eines (zum Teil selbst auferlegten) Regelwerks. Wer sich nicht an die Regeln hält, bekommt es mit dem Presserat oder der Justiz zu tun.

Nichtsdestotrotz sind alle Beteiligten im Verfahren Menschen, sodass es bei gleichen Sachverhalten durchaus zu unterschiedlichen Meinungen, Presseberichten und Urteilen kommen kann. Deshalb aber am System zu zweifeln, wie das die Kommentatoren tun, halte ich für falsch. Von dem Ton und der Sprache, mit dem das geschieht, ganz zu schweigen. Vielleicht sollten die Kommentatoren mal darüber nachdenken, dass sie nach einer Justiz schreien, die im Zweifelsfall auch mit ihnen selbst kurzen Prozess machen würde. Denn das erste, was in autoritären Staaten zugunsten des Machterhalts eingeschränkt wird, ist die Presse- und Meinungsfreiheit. Das lässt sich aktuell leider in vielen Staaten auf der Welt – auch in Europa – beobachten.

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