Feuerwerkskatastrophe 2000 in Enschede
Whistleblower-Bericht erhebt Vorwürfe gegen Behörde

Enschede -

Die Vorwürfe gegenüber den Ermittlungsbehörden wiegen schwer: Sie sollen die Untersuchungen zur Feuerwerkskatastrophe von Enschede manipuliert haben. Ziel sei es dabei gewesen, die Behörden aus der Schusslinie zu bringen und die Schuld auf die Betriebsleitung der explodierten Feuerwerksfirma und/oder einen Brandstifter abzuwälzen. 

Samstag, 19.01.2019, 05:48 Uhr aktualisiert: 19.01.2019, 10:12 Uhr
Die Überreste der Katastrophe im heutigen Wohngebiet Rombeek.
Die Überreste der Katastrophe im heutigen Wohngebiet Rombeek. Foto: dpa

Der Whistleblower Paul van Buitenen hat einen fast 1200 Seiten starken Bericht zusammengestellt und dem Parlament in Den Haag zur Verfügung gestellt. Der Parlamentsausschuss für Justiz und Sicherheit wird in der kommenden Woche aller Voraussicht nach beschließen, diesen Bericht dem Untersuchungsrat für Sicherheit vorzulegen. Bei der Katastrophe am 13. Mai 2000 waren 23 Menschen getötet und beinahe 1000 verletzt worden. Ein ganzes Stadtviertel lag in Schutt und Asche.

„Die Untersuchungen von van Buitenen sind sehr umfassend und beinhalten viel technische Informationen. Bei vielen Mitgliedern des Parlaments besteht das Bedürfnis, dass sich unabhängige Fachleute diese umfangreiche Untersuchung anschauen“, schreiben Parlamentarier von drei Fraktionen in einem Brief an den Ausschuss.

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Das Archivbild vom 13.05.2000 zeigt einen Blick auf einen zerstörten Straßenzug nach der Explosionskatastrophe. Foto: dpa

Bei dem Untersuchungsrat (Onderzoeksraad voor Veiligheid, OVV) handelt es sich um eine unabhängige niederländische Untersuchungsbehörde für Zwischenfälle, Unfälle und Katastrophen aller Art. Die Erkenntnisse ihrer Arbeit sollen dazu dienen, Gefahren abzuwenden und somit die Sicherheit der Bevölkerung zu erhöhen.

„Alarmierende“ Missstände

Ausschussmitglied Ronald van Raak sagte dem Twentsche Courant Tubantia, der OVV solle nicht in der Sache selbst neu ermitteln; in dem Van-Buitenen-Bericht würden aber etliche Missstände der damaligen Untersuchungen benannt. „Alarmierend“, so van Raak. „Wir wollen wissen: Ist da etwas dran?“

Van Buitenen hatte am 6. Dezember in einer nicht-öffentlichen Sitzung vor etlichen Parlamentariern über die Ergebnisse seiner Nachforschungen berichtet. Van Raak nannte diese Präsentation beeindruckend.

Bewusste Irreführung der Richter?

Van Buitenen ist der Ansicht, dass die Ursachen für die Katastrophe in unzureichenden Regelungen und schlechter Kontrolle durch die Behörden lagen. Die Staatsanwaltschaft habe die Richter bewusst irregeführt, und auch die staatlichen Ermittler, das Forensische Institut und das involvierte Institut für angewandte naturwissenschaftliche Forschung (TNO) hätten eine ungute Rolle gespielt. Dem TNO wirft van Buitenen gar wissenschaftlichen Betrug vor.

Paul van Buitenen wurde in den 90er-Jahren als Whistleblower bekannt. Er hatte als EU-Beamter in Brüssel einen Betrug aufgedeckt. Van Buitenen gründete eine eigene Partei, die bei den Wahlen zum Europäischen Parlament 2004 zwei Sitze eroberte.

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