Nahost-Korrespondent referiert
Düsteres Bild von der Lage im Orient

Gronau -

Der Nahost-Korrespondent Dr. Martin Gehlen zeichnet in einem Vortrag ein düsteres Bild von der Lage im Orient. Doch seine Frau, die Fotografin Katharina Eglau präsentiert aus eben jener Region hoffnungsfrohe Bilder. Wie das zusammenpasst, erfuhr das Publikum bei der gemeinsamen Semester-Eröffnung von FBS und VHS.

Donnerstag, 31.01.2019, 09:00 Uhr
Weite Teile Syriens sind zerstört. Regimekritische Rückkehrer müssen mit Repressalien rechnen.
Weite Teile Syriens sind zerstört. Regimekritische Rückkehrer müssen mit Repressalien rechnen. Foto: dpa

Der kulturelle Reichtum und die religiöse Vielfalt im Nahen Osten sind ernsthaft bedroht. Der Aufbruch des Arabischen Frühlings vor acht Jahren ist größtenteils gescheitert und damit die Hoffnung auf mehr Modernität, Freiheit und Pluralität: Ein düsteres Bild der Situation in Nordafrika und dem Nahen Osten zeichnete Dr. Martin Gehlen am Dienstagabend bei der Semestereröffnung von VHS und FBS . Wobei seine Darstellung zumindest teilweise im Kontrast zu den Aussagen der Fotografien von Katharina Eglau standen, die mit dem Korrespondenten im Orient unterwegs ist. Viele der Fotos zeigen neugierige, offene, freundliche Gesichter. „Katharina nimmt Kontakt auf mit der Seele und dem Herzen der anderen“, erklärte Gehlen, wie seine Partnerin diese Momente der Nähe schafft.

Dr. Martin Gehlen während seines Vortrags in der Familienbildungsstätte.

Dr. Martin Gehlen während seines Vortrags in der Familienbildungsstätte. Foto: Martin Borck

Doch seine Analyse der politischen und gesellschaftlichen Situation wirkte alles ander als freundlich: Die Fanatiker des islamischen Kalifats haben eine Spur der Verwüstung hinterlassen. „Ihre Untaten tilgten das kulturelle Gedächtnis einer ganzen Region.“

Die marode, arabische Staatenwelt tut ihr Übriges. Nirgendwo habe sich eine stabile Demokratie herausgebildet. Der Region fehlten fundamentale Voraussetzungen für offene und partizipatorische Gesellschaften. Autoritäres Machtgebaren und Korruption präge die Staaten. Das enorme Bevölkerungswachstum verstärke die politische und wirtschaftliche Krise, so Gehlen.

Am Zusammenbruch der nahöstlichen Ordnung habe auch die Einmischung ausländischer Mächte Schuld. Der religiöse Fundamentalismus, dessen Ursprünge und Ausdehnung Gehlen beleuchtete, sei eine weitere Dimension, die eine positive Entwicklung der muslimischen Welt bremse.

Was das alles für Deutschland und Europa bedeutet, machte Gehlen anhand von drei Aspekten deutlich.

► Die Zukunft der Flüchtlinge: Immer mehr Menschen flüchten aus der Region, vor allem aus dem zerstörten Syrien. Europa befindet sich in einer Zwickmühle. Soll dem Land wirtschaftlich geholfen werden – obwohl das Regime von Assad noch an der Macht ist, der keinen Platz für Kritiker zulässt? Für Deutschland bedeute das, dass Hunderttausende Syrer für viele Jahre bleiben werden. In dieses Syrien könnten sie und ihre Familien nicht zurück. „Politische Konsequenz müsste sein, den Familiennachzug zügiger und mit weniger bürokratischen Hürden zu regeln“, so Gehlen.

► Die Terrorgefahr ist weiterhin gegeben. Fanatiker, Rückkehrer aus den „Islamischen Kalifat“ und radikalisierte Personen bilden eine Gefahr.

► Die Mühen der Integration: Gehlen legte den Finger in die Wunde der fehlenden Schulbildung und Berufsqualifikation im Nahen und Mittleren Osten. Eine hohe Analphabetenquote, Lesekrise und Bildungsferne seien zu konstatieren. „Die meisten Menschen dort sind Produkte autoritärer Massenerziehung“, so Gehlen.

Katharina Eglau stellt in der FBS Fotos aus, die sie im Orient gemacht hat.

Katharina Eglau stellt in der FBS Fotos aus, die sie im Orient gemacht hat. Foto: Frank Zimmermann

Allerdings, so wurde in der anschließenden Diskussion deutlich, hänge Bildung auch vom Kontext ab: Gehlen nannte das Beispiel einer Familie, die – in Deutschland angekommen – über sich selbst hinausgewachsen sei. Die älteste Tochter sei die Beste in ihrer Schule, der Vater – der als Analphabet nach Deutschland kam – habe mittlerweile den Führerschein gemacht.

Auch wenn die Aussichten für eine schnelle Verbesserung der Lage nicht rosig seien, solle nicht verkannt werden, „dass die Menschen dort sich genauso nach einem erfüllten Leben sehnten wie wir alle hier in Deutschland auch.“ Die Fotoausstellung sei als Hommage an eine Weltregion zu verstehen, die seit Jahrzehnten ein Übermaß an Konflikten, Blutvergießen und Gewalt erlebt.

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