Grenzüberschreitende Drogenkriminalität
Zollfahndung schlägt zu: zwölf Festnahmen

Gronau -

Den Ermittlungsbehörden ist ein empfindlicher Schlag gegen die grenzüberschreitende Drogenkriminalität gelungen. Unter anderem in Gronau haben Einsatzkräfte am Freitag insgesamt zwölf Verdächtige festgenommen bzw. verhaftet. Einer der Einsatzorte war ein Wohn- und Geschäftshaus am Kreisverkehr Enscheder Straße/Königstraße.

Freitag, 01.02.2019, 11:32 Uhr aktualisiert: 01.02.2019, 16:28 Uhr
Mit der Drehleiter holte die Feuerwehr einen Verdächtigen vom Balkon des Hauses
Mit der Drehleiter holte die Feuerwehr einen Verdächtigen vom Balkon des Hauses am Kreisverkehr Enscheder Straße/Königstraße. Foto: Martin Borck

Gegen 10.45 Uhr hatte eine Zeugin beobachtet, dass ein mit einer Sturmhaube maskierter Beamter über den Platz vor dem Gebäude rannte. Wenig später muss – unbestätigten Aussagen zufolge – der Verdächtige wohl versucht haben, über den Balkon seiner Wohnung im Obergeschoss aufs Dach zu fliehen.

Fakt ist, dass wenige Minuten später die Drehleiter der Feuerwehr vor dem Gebäude ankam. Auf dem Balkon befanden sich zu dem Zeitpunkt mehrere Menschen. Im Korb der Drehleiter wurde der mit einem Anorak bekleidete Verdächtige gemeinsam mit einem Zollbeamten nach unten befördert. Von dort wurde er zu einem Einsatzwagen gebracht. Kurz darauf begann die Durchsuchung der Wohnung.

Zwölf Festnahmen

Insgesamt wurden neun Wohn- und Geschäftsräume, durchsucht, davon zwei in Gronau und sieben in den Niederlanden. Wie die Staatsanwaltschaft Münster und das Zollfahndungsamt Essen mitteilten, wurden neun Haftbefehle vollstreckt, drei weitere Personen vorläufig festgenommen. Fünf Beschuldigte sollen unmittelbar dem Haftrichter in Deutschland vorgeführt werden, der über die Anordnung der Untersuchungshaft entscheiden wird. Für die vier in den Niederlanden festgenommen Beschuldigten wird die Staatsanwaltschaft Münster die Auslieferung beantragen. Eine größere Menge Betäubungsmittel, darunter 40 Kilogramm Amphetamin und ein Kilogramm Ecstasy-Tabletten, sowie Bargeld wurden bereits sichergestellt.

Im Auftrag der Staatsanwaltschaft Münster ermitteln seit September 2018 Fahnder des Zollfahndungsamtes Essen gegen eine international agierende 13-köpfige Tätergruppe aus den Niederlanden, die im Dark­net Drogen angeboten, die bestellten Drogen nach Deutschland eingeführt und per Post verschickt haben soll. Nach den bisherigen Ermittlungen sollen drei festgenommene Hauptbeschuldigte die Bestellung und den Versand organisiert haben.

Bei diesem Trio handelt es sich um einen 31-jährigen in Enschede wohnenden afghanischen Staatsangehörigen, dessen 27 Jahre alten in Gronau wohnhaften Bruder sowie einen 33-jährigen Niederländer aus Enschede. Die Ermittlungen gingen vom Zollfahndungsamtes Essen am Dienstsitz Nordhorn aus.

Geldwäscheaktivitäten & Drogengeschäfte

Der illegale Postversand von Drogen aus dem weltweiten Netz ist an der niederländischen Grenze seit Jahren keine unbekannte Größe . Die Auswertung von Ermittlungsverfahren, enge Zusammenarbeit mit den Kontrolleinheiten Verkehrswege der grenznahen Hauptzollämter, ein intensiver Erfahrungsaustausch mit den niederländischen Behörden sowie Hinweise aus der Bevölkerung führten die Nordhorner Ermittler zu der mutmaßlichen Tätergruppierung.

Bereits während der verdeckten Phase der sehr intensiven Ermittlungen wurden Drogensendungen in Briefen und Päckchen für weltweite Empfänger sichergestellt. Darunter fast 25 Kilogramm Amphetamin, 1,6 Kilogramm reines MDMA, 1,1 Kilogramm Ecstasy-Tabletten, 170 Gramm Kokain sowie 145 Gramm Heroin mit einem Straßenverkaufswert von mehr als 400 000 Euro.

Um neben den erfolgreichen Sicherstellungen auch die Drahtzieher der grenzüberschreitend tätigen Bande und damit verbundene Geldwäscheaktivitäten ermitteln zu können, schlossen die Staatsanwaltschaften Münster und Zwolle unter Einbeziehung der EU-Agentur für justizielle Zusammenarbeit Eurojust und der europäischen Polizeibehörde Europol im November 2018 eine Vereinbarung zur Gründung eines „Joint Investigation Teams (JIT)“, heißt es in der Mitteilung der Behörden. Die deutsch-niederländisch besetzte Ermittlungsgruppe erlaubt es, die Erhebung und den Austausch von Informationen und Beweismitteln gerichtsverwertbar, unter Wahrung sämtlicher nationaler strafprozessualer Vorgaben zu beschleunigen.

Bezahlungen in Kryptowährung

Die Ermittlungsbehörden gehen nach den bislang gewonnenen Erkenntnissen davon aus, dass die im Dark­net bestellten Drogen online bestellt, in Kryptowährung bezahlt und auf Geheiß der Hauptbeschuldigten von weiteren Tatverdächtigen postfertig verpackt wurden. Die mutmaßliche Bande soll für ihre Lager- und Verpackungsaktivitäten eigens hierfür in Twente und im Kreis Borken angemietete Wohnungen genutzt haben.

Die Drogen bzw. diese als bereits fertig gepackte, etikettierte und frankierte Versandtaschen und Päckchen sollen von den ebenfalls festgenommenen Unterstützern und Kurieren nahezu täglich per Pkw über die Grenze transportiert worden sein, um anschließend von Deutschland aus weltweit verschickt zu werden. Zum Versand sollen Briefkästen und Postannahmestellen im grenznahen Raum von Bad Bentheim bis ins Ruhrgebiet genutzt worden sein.

Das in den Niederlanden zugelassene und ebenfalls sichergestellte Kurierfahrzeug wurde offensichtlich bewusst für den Schmuggel umgerüstet und ein Drogenversteck im Bereich der Reserveradabdeckung eingebaut.

Europäischer Gemeinschaftserfolg

Bei den Durchsuchungen wurden ferner zahlreiche schriftliche Unterlagen, Computer und Mobiltelefone vorgefunden. Auf niederländischer Seite ermittelt der FIOD (Fiscale inlichtingen und opsporingsdienst), als Betrugbekämpfungsbehörde im Auftrag der Staatsanwaltschaft Zwolle im JIT wegen des Verdachts der Geldwäsche.

Die gelungenen Ermittlungen und durchgeführten Maßnahmen wurden von Eurojust als europäischer Unterstützungs- und Koordinierungsbehörde zur Verfolgung schwerer, grenzüberschreitender Kriminalität mitgetragen und abgestimmt. Eurojust versteht sich insbesondere auf justizieller Ebene als Partner der Ermittler. Bei einer Verurteilung drohen den Beschuldigten sowohl auf deutscher und als auch auf niederländischer Seite hohe Haftstrafen. Die Ermittlungen sowie erste Auswertungen der Beweismittel dauern an.

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