Debatte „Pflege ist mehr als ein Beruf“
Kollektive Depression ist wenig hilfreich

Gronau -

Fragen, Wünsche, Kritik: Zwei Stunden lang stand Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) am Donnerstagabend in Dues­mann´s Spinnerei Rede und Antwort. Im rund 100-köpfigen Publikum zahlreiche Fachkräfte aus den Bereichen Alten- und Krankenpflege. Und genau darum ging es: „Pflege – mehr als ein Beruf“, hatte die CDU den von Rainer Doetkotte moderierten Abend betitelt.

Samstag, 09.02.2019, 07:45 Uhr aktualisiert: 09.02.2019, 08:00 Uhr
„Pflege – mehr als ein Beruf“. Unter diesem Motto diskutierten am Donnerstagabend zahlreiche Gäste in Duesmann‘s Spinnerei mit Bundesgesundheitsminister Jens Spahn. Mit auf der Bühne: Renate Peters und Ellen Sundrup.
„Pflege – mehr als ein Beruf“. Unter diesem Motto diskutierten am Donnerstagabend zahlreiche Gäste in Duesmann‘s Spinnerei mit Bundesgesundheitsminister Jens Spahn. Mit auf der Bühne: Renate Peters und Ellen Sundrup. Foto: Klaus Wiedau

Spahn betonte, dass es bei allen bereits auf den Weg gebrachten und noch anstehenden Maßnahmen darum gehe, „nicht das Paradies zu versprechen, sondern die Pflege Schritt für Schritt besser zu machen“. Teil des Prozesses müsse aber auch sein, Vertrauen in den Beruf und das Image des Berufsstandes zurückzugewinnen. Dafür seien Pflegekräfte, Arbeitgeber, Gesellschaft und Politik gleichermaßen gefordert. Er habe indes oft den Eindruck, dass alle Beteiligten beim Thema Pflege automatisch „in eine kollektive Depression“ verfallen. Anhand von Beispielen zeigte Spahn auf, welchen Spagat der Bundesgesundheitsminister zwischen den Wünschen unterschiedlicher beteiligter Gruppen, Patientenerwartungen, politischen Mehrheiten und finanzieller Machbarkeit absolvieren muss.

Die examinierten Krankenschwestern Renate Peters (City-Wohnpark) und Ellen Sundrup (chirurgische Ambulanz des St.-Antonius-Hospitals) berichteten über ihren Berufsalltag. „Zeit für die Bewohner zu haben, ist das Schönste“, so Peters. Die fehle allerdings oft. Genau dafür aber habe sie den Beruf gewählt, um Menschen mit Respekt und Wertschätzung zu begegnen, ihnen Lebensqualität zu bieten und sie gegebenenfalls in ihrer Demenz abzuholen. Peters‘ Wunsch: Ein höherer Personalschlüssel, der mehr Zeit für Patienten und Auszubildende lasse. In Sachen Imagepflege des Berufsbildes gab sie Spahn recht: „Wenn wir uns nicht hinstellen uns sagen: Ich bin stolz, Altenpflegerin zu sein – wer soll es denn dann tun?“

Die hohe Belastung im Beruf betonte auch Ellen Sundrup. Dabei spiele die zunehmende Bürokratie eine große Rolle. Immer häufiger würden Patienten aber auch die Notfall-Ambulanz für Lappalien in Anspruch nehmen, weil sie an anderer Stelle nicht oder unzureichend versorgt würden. Hinzu komme eine steigende Erwartungshaltung der Patienten; gestiegen sei zudem die Gewaltbereitschaft gegenüber Krankenhauspersonal und Rettungsdienst. Sundrups Wünsche: „Mehr Zeit für die Patienten zu haben und weniger Organisationsarbeit leisten zu müssen.“

In der Debatte ging es dann um viele Facetten von Pflege und Pflegeberufen. Spahn brachte unter anderem die Überlegung ein, in der Pflege zwischen qualifizierten und weniger qualifizierten Tätigkeiten zu unterscheiden. „Die Ressource Qualifikation ist nicht unbegrenzt verfügbar“, so Spahn, der damit die Frage verband: „Wie viele Fachkräfte müssen sein?“ Er sieht in unterschiedlichen Berufsbildern die Chance, den Beruf wieder attraktiver zu machen – eine Aussage, die im Kreis der Zuhörer auch auf Widerspruch stieß: Stärkung der Pflegeberufe, statt sie von unten auszuhöhlen, so die Gegenmeinung. Unterschiedliche Auffassungen wurden auch mit Blick auf die inzwischen beschlossene generalisierte Ausbildung von Alten-, Kranken- und Kinderkrankenpflegern deutlich. Die einen mahnten das dafür fehlende Handwerkszeug an. Andere – wie etwa Reinhard van Loh (Bethesda-Seniorenzentrum) befürchten, dass hier die weniger attraktive Altenpflege auf der Strecke bleiben könne. Spahn teilt diese Sorge, votierte aber dafür, das Modell nach 15-jähriger Debatte jetzt nicht in Frage zu stellen. Die Umsetzung werde in der Anfangsphase ohnehin „holprig“ verlaufen.

Das Stichwort „Bürokratisierung“ zog sich mehrfach durch die Diskussion: „Warum schreiben wir uns eigentlich dumm und dusselig?“, so Wolfgang Averbeck. Leiter des St.-Antonius-Stifts. Seine Forderung: „Weg von den Qualitätskontrollen, die sich überwiegend aufs Papier konzentrieren.“ Spahn betonte, dass genau dieser Schritt im Laufe des Jahres durch die neuen Richtlinien zum Pflege-TÜV kommen soll.

Weitere Stichworte waren Digitalisierung (Spahn: „Da sind wir noch völlig am Anfang dessen, was da zu nutzen ist“), Bezahlung oder die oft unzureichende Bildungsqualität der zu jungen Nachwuchskräfte. „Wie helfen wir denen, die es mit dem Schulabschluss noch nicht bis zur Ausbildungsreife geschafft haben“, formulierte der Minister die Kritik in einen Arbeitsauftrag um.

Beim Thema Anwerbung von Pflegekräften hielt sich Spahn mit Blick auf die Nennung konkreter Länder bedeckt. „Weil dieses Thema in den jeweiligen Ländern sofort etwas auslöst“, so seine Erfahrung aus einer früheren Nennung des Kosovo. Es gebe Kontakte mit mehreren Ländern, für ein solches Modell müssten aber verschiedene Rahmenbedingungen (junge Bevölkerung, Ausbildungsstand, kulturelle Verbindungen) erfüllt sein.

Spahn betonte am Ende, an vielen Entwicklungen und Verbesserungen dran zu bleiben: „Wir haben nicht die Zeit zu warten, bis sich der letzte bewegt hat“, will er – wo möglich – Druck machen.

Die Pflegebranche, auch das machte er deutlich, müsse aber ihre Entwicklung zum Teil auch stärker noch in die eigene Hand nehmen, „Ihr seid schlecht organisiert“, so der Minister mit Blick auf die gewerkschaftliche Vertretung. Und: „Pflege muss noch stärker verstehen, dass jeder von Ihnen ein Diamant ist.“

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