Abbruch des Kastanienhofes hat begonnen
Kettenbagger knabbert Kult-Kneipe an

Epe -

Wenn die Balken und Wände reden könnten – sie hätten sicher viel zu erzählen: In Epe hat jetzt der Abbruch des Kastanienhofs Welmes begonnen. Damit verschwindet ein Stück Eper Kneipenkultur aus dem Stadtbild. Und es endet eine weit mehr als 100-jährige Gastronomie­geschichte.

Donnerstag, 14.03.2019, 07:00 Uhr aktualisiert: 14.03.2019, 08:19 Uhr
Der Saal ist schon fast weg: Die Abbrucharbeiten am Kastanienhof Welmes in Epe haben begonnen.
Der Saal ist schon fast weg: Die Abbrucharbeiten am Kastanienhof Welmes in Epe haben begonnen. Foto: Klaus Wiedau/privat

Rudi Nacke hat in einem „wirtschafts“-geschichtlichen Beitrag für den WN die Historie des Gaststättenbetriebes beschrieben. Der Kastanienhof an der Steinfurter Straße 23 hat bewegte Zeiten über- und erlebt: Die Gründung und den Niedergang des Kaiserreiches, die Weimarer Republik, die Nazizeit und die Britische Zone, die alte und die neue Bundesrepublik. Über vier Generationen haben Mitglieder der Familie Welmes ihre Gaststätte täglich geöffnet und manchmal spät (oder eben sehr früh am nächsten Morgen) wieder geschlossen. Gaststätte, Schankwirtschaft, Kneipe, Hotel, Restaurant, Kegelhof, Konditorei, Café, Terrasse und Biergarten – vielseitig waren die Angebote der Gastlichkeit.

Genau so vielfältig waren im Volksmund Namen und Bezeichnungen für die Traditionsgaststätte. Kastanienhof, Welmes und Siems waren als Namen gebräuchlich, „bei Willi“ passte ebenfalls schon immer, aber auch Spitznamen wie „letzter Streichelzoo vor dem Friedhof“ – eine Anspielung auf die dort mehr als 130 Jahre belegten Tanzveranstaltungen sowie die räumliche Nähe zum Friedhof – zeigten die Bekanntheit in Epe . Und die Bekanntheit reichte weit über Epe hinaus. Sogar auf der Reeperbahn in Hamburg in Udo Lindenbergs „Panik City“ sind Bilder aus dem Kastanienhof zu sehen.

Während Vereine wie der Musikverein Epe, die Jagdhornbläser oder die Dinkelmusikanten regelmäßig Welmes für Übungen, Proben oder Konzerte nutzten, war Welmes auch manchem Gelegenheitsgast ein fester Begriff. Auch bei Betriebsfeiern, Hochzeiten, Beerdigungen, Geburtstagen und anderen Familienfeiern wurden gerne die Angebote des Kastanienhofes genutzt, zumal andere Traditionsgaststätten wie Lammerding, Leefken, Brefeld, Richters, Nacke und andere in den letzten Jahrzehnten verschwanden.

Für zahlreichen Kegelclubs, etwa „Gut Holz 1896“ oder die „Gärstenseftler“, die zum letzten Kegeln in Trauerkleidung erschienen, für Stammtische wie die „Rolinck-Brothers“ und andere behielt das Haus Welmes natürlich den Platz Nummer 1. Was heute eher unüblich geworden ist, Frühschoppen, Bürgermeisterstunde, Dämmerschoppen, Lohntütenball, Nachbarschaftsversammlungen – all das hat die Kneipe erlebt.

Mit Kriegsbeginn 1939 begann die Einquartierung von Soldaten in den Räumen der Gaststätte. Schließlich diente die Kegelbahn sogar als Lager für französische Kriegsgefangene. Das war später kein Hindernis, Claude Fleury, einen Koch aus Paris, regelmäßig für die Zubereitung französischer Spezialitäten einzuladen. Sohn Willi pflegte mit ihm ein freundschaftliches Verhältnis.

1959 wurde der Gasthof mit Konditorei an den heute noch vielen Eperanern bekannten Konditormeister Wilhelm-Bernard (Willi) übergeben, der ihn mit seiner Frau Sefi weiterführte, bevor Sohn Wilhelm ihn übernahm. Wilhelm hatte zuvor sowohl eine Kochausbildung im Schwarzwald als auch eine Konditorlehre im Café Roth gemacht.

Was künftig nach dem Rückbau auf dem Areal passiert, ist zumindest nach Angaben der Stadt noch unklar. „Zur Nachnutzung des Geländes liegt noch nichts vor“, sagt Stadtpressesprecher Raimund Weber auf WN-Anfrage. Einen Bebauungsplan gibt es für diesen Bereich an der Steinfurter Straße nicht. Deshalb richtet sich die Zulässigkeit vor Bauvorhaben nach Paragraf 34 des Baugesetzbuches. Ein Objekt muss sich demnach „nach Art und Maß der baulichen Nutzung“ ins Umfeld einfügen.

https://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/6468942?categorypath=%2F2%2F84%2F61%2F93%2F103%2F150%2F
Ratsanträge: Autos sollen Bussen weichen
An der Weseler Straße gibt es bereits eine Park-and-Ride-Station. Zahlreiche sollen jetzt hinzukommen.
Nachrichten-Ticker