Hermann Lütkebohmert schrieb ein Buch über seine Kindheit
Zwei Bombenabwürfe miterlebt

Gronau/Appelhülsen -

Was Hermann Lütkebohmert mit Udo Lindenberg gemeinsam hat? Beide sind in Gronau geboren, und der beliebte Schützenhof war das Stammlokal ihrer Jugendzeit. Während Hermann Lütkebohmert dort mit seinen Fußballkameraden nach dem Training dem Gerstensaft frönte, probte der acht Jahre jüngere Udo nebenan mit seiner Band.

Freitag, 29.03.2019, 08:00 Uhr aktualisiert: 30.03.2019, 01:26 Uhr
Hermann Lütkebohmert hat ein Buch über seinen Kindheit geschrieben.
Hermann Lütkebohmert hat ein Buch über seinen Kindheit geschrieben. Foto: Ulla Wolanewitz

Beide können auf ein bewegtes Leben zurückschauen. Während Udo nach wie vor öffentliche Auftritte liebt, genießt der heute in Appelhülsen lebende Oberamtsrat seine Pension und den selbst gewählten Un-Ruhestand. Jeden Morgen schnappt sich der 80-Jährige seinen Rollator und dreht fleißig und diszipliniert seine Runde durch den Ort, um fit zu bleiben. Bis zu einem unglücklichen Sturz vergangenen April „bin ich mit meiner Frau noch sehr viel Rad gefahren“, bedauert er ein wenig.

Nach wie vor verschwindet er gerne in seinem Büro. Dass er dort an einem Buch zu seiner Kindheit und Jugendzeit arbeitete, verschwieg er seiner Gattin Ingrid zunächst. „Er hat mich erst eingeweiht, als er damit fertig war“, bemerkt sie amüsiert und lässt dabei durchblicken: „Für solche Überraschungen ist mein Mann immer gut.“ Sie lernte ihn übrigens im Gronauer Schützenhof kennen. Als Ostvertriebene aus Breslau hatte sie zunächst mit ihrer Familie in Buldern eine neue Heimat gefunden. Über eine Stellenanzeige kam sie nach Gronau, um im Schützenhof das Kochen zu erlernen.

108 Seiten hat Hermann Lütkebohmert zusammengetragen, dabei auf sein Leben zurückgeschaut und dieses Buch in der „Westfälischen Reihe“ unter dem Titel „Kindheit, Jugendzeit und Opa Alla“ veröffentlicht. Opa Alla, soviel zur Erklärung, war ein kauziger älterer Herr, der wie Lütkebohmert in der Morgensternsiedlung lebte. Weil „Alla“ es mit Kindern nicht so hatte, musste er von ihnen manchen Streich ertragen . . .

Jahrgang 1938, in der Textilstadt geboren, war es Hermann Lütkebohmert nicht vergönnt, seinen Vater nach dem Krieg wiederzusehen. Er starb auf dem Rückzug der deutschen Truppen an der polnisch-russischen Grenze. „Den Schrei meiner Mutter, als sie den Brief mit der Todesnachricht in den Händen hielt, habe ich heute noch im Ohr“, erklärt der pensionierte Autor.

Zwei Bombenabwürfe hat er hautnah miterlebt. Gronau gehörte mehr oder weniger zur Einflugschneise der Briten und der Engländer, die „meistens eher Münster oder das Ruhrgebiet anvisierten.“ Deshalb wurde der Luftschutzkeller bei Bombenalarm am Ende nur noch selten aufgesucht. Dennoch erlebte die Stadt zwei Luftangriffe. Einen davon am 20. März 1945, obwohl es zuvor Vorentwarnung gegeben hatte. „Vom Küchenfenster konnte ich sehen, wie ein angeschossener Bomber zu Boden ging, etwa 400 Meter von uns entfernt. Als neugierige Kinder haben wir uns später den Tatort angeschaut und uns sehr erschrocken, die verkohlten Leichen, die sich noch darin befanden, zu sehen“, erzählt der Zeitzeuge.

Wie viele andere, die in den Nachkriegsjahren wenig zu essen hatten, fuhr auch seine Mutter häufig mit dem Ruhrzug nach Essen, um zu tauschen. Die Witwe arbeitete in der Textilfabrik van Delden, ebenso seine zwei Jahre ältere Schwester. „Garn galt seinerzeit als Währung. Der Not entsprechend fanden daher etliche Garnrollen sicherlich nicht ganz legal aus der Fabrik und wurden in Essbares umgesetzt. Das war normal,“ schmunzelt Lütkebohmert.

Mutter und Schwester hat er es auch zu verdanken, dass er das Werner-von-Siemens-Gymnasium – das seinerzeit den Titel „Oberrealschule für Jungen“ trug – besuchen konnte. Sie verdienten unter anderem das Schulgeld und „sorgten dafür, dass ich mit Lederschuhen statt Holzpantinen da antreten konnte.“

Schon recht früh wurde er zum Grenzgänger oder besser gesagt zum „grens fietser“. Denn in Enschede gab es sie schon zu Beginn der 1950er-Jahre: Die italienischen Eisdielen, die Ijs­salons. „Die Portion kostete een kwartje, 25 Cent. Dafür gab es auch noch Slagroom oben drauf,“ zählt er eine seiner schönsten Erinnerungen auf.

Das Buch „Kindheit, Jugendzeit und Opa Alla“ mit vielen weiteren Kindheits- und Jugenderinnerungen von Lütkebohmert ist für 10,90 Euro im Buchhandel unter der ISBN 978-3-95627-661-3 erhältlich.

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