Aktueller Stand der Stadtentwicklung
Doch „weiter so“ oder Neubeginn?

Sie ahnen es: In diesem Blickpunkt geht es (einmal mehr) um die Innenstadtentwicklung. Aber ich muss Sie gleich zu Beginn enttäuschen, wenn Sie erwarten, dass es in diesem Text mit Häme, Schelte oder Nachtreten in Richtung Politik und Investoren mal so richtig zur Sache geht. Das scheint mir angesichts aller Arbeit, die in den letzten Jahren in das Projekt investiert wurde, nicht angemessen. Außerdem haben andere – etwa die Dauer-Schlaumeier bei Facebook – in den letzten Tagen schon genug Spott und Hohn in die mediale Welt gesetzt. Und das politische Hauen und Stechen bei der Aufarbeitung des Falles steht uns noch bevor. Fakt ist indes: Jammern, Meckern und Schuldzuweisungen bringen nix – vor allem keine attraktive Innenstadt.

Samstag, 06.04.2019, 08:38 Uhr aktualisiert: 06.04.2019, 08:50 Uhr
Spielplatz, Ententeich, Parkplatz – nach dem Scheitern der ursprünglichen Drio-Konzeption gibt es viele lustige Ideen für das ehemalige Hertie-Areal. Die helfen aber leider nicht bei den ernsthaften Überlegungen für die Stadtentwicklung.
Spielplatz, Ententeich, Parkplatz – nach dem Scheitern der ursprünglichen Drio-Konzeption gibt es viele lustige Ideen für das ehemalige Hertie-Areal. Die helfen aber leider nicht bei den ernsthaften Überlegungen für die Stadtentwicklung. Foto: : Heinrich Schwarze-Blanke

Wichtig ist vor allem die eine Frage: Wie geht es weiter? Die Antwort darauf ist mit jedem Scheitern einer Lösung in den vergangenen Jahrzehnten schwieriger geworden. Mehr noch: Viele Bürger glauben längst nicht mehr, dass es jemals eine Lösung geben wird. Anderen hängt das Thema inzwischen nur noch zum Hals heraus. Innenstadtentwicklung Gronau – nein danke!

Gerade deshalb ist Politik – und hier meine ich alle kommunalen Akteure – gut beraten, sich (und den Bürgern) die sinnlose Schlammschlacht darüber zu ersparen, wer wann wofür oder wogegen war, wer wann vor etwas gewarnt oder das Scheitern immer schon in der Glaskugel hat kommen sehen. Solche Hahnenkämpfe passen in den nächsten Kommunalwahlkampf, jetzt aber sind erst einmal Lösungen – oder zumindest Ideen dafür – gefragt.

Eine liegt schon auf dem Tisch: Stadtverwaltung und Drio-Investoren wollen die bestehende Konzeption „anpassen“, wie sie am Freitag in einer Pressemitteilung kundgetan haben. Ergebnisse soll es bis zum 15. Mai geben. Allerdings: Mit Blick auf einen dringend notwendigen Plan B schwant mir nicht viel Gutes. Vor allem, weil aus Insiderkreisen bereits zu vernehmen ist, dass der Zwist um die vermeintlich richtige Lösung hinter den Kulissen schon entbrannt ist.

Teile des Rates wollen demnach die Verwirklichung eines abgespeckten Drio-Projektes mit den bisherigen Investoren weiter verfolgen. Genau das aber wollen andere nicht, wie beispielsweise bereits aus einer Stellungnahme der Wählergemeinschaft Pro Bürgerschaft deutlich geworden ist. Und auch andere politische Kräfte machen sich dafür stark, dass die Stadt sich jetzt eigenständig einen Weg suchen sollte.

Manche Flurfunk-Stimmen haben dazu bereits fortgeschrittene Vorstellungen. Etwa die einer Bebauung des Hertie-Areals unter städtischer Regie: In nur einer Immobilie sollten im Erdgeschoss Einzelhandel im Stile einer „Groka 2.0“, Rathaus (Obergeschosse) und Wohnen (auf dem Dach) vereint werden. Dann würde, so die Logik der Verfechter dieser Idee, der Rathaus-Teilneubau an der Bahnhofstraße überflüssig und das heutige Rathaus (teilweise) frei für andere städtische Nutzungen (Stadtbücherei, Musikschule). Am Ende dieser Gedankenkette steht die „Brücke“, die für neue (private) Nutzungen zur Verfügung stünde. Auch die Kosten – etwa der Sanierung der Tiefgarage – ließen sich bei dieser Variante minimieren, weil die technisch aufwendige Errichtung von Drio 3 entfallen würde. Und auch die Parkhaus-Pläne könnten überdacht werden.

Wieder andere Stimmen votieren dafür, großflächigen neuen Einzelhandel in der Innenstadt ganz aus den Überlegungen für einen Neustart zu verbannen. Ihr Wunsch: Die Innenstadtentwicklung schrittweise und kleinteilig voranzutreiben. Unter anderem durch Wohnbebauung mit neuen, alternativen und kostengünstigen Wohnformen. Damit einher geht der Wunsch nach Aufwertung der vorhandenen Einzelhandelsareale (etwa Neustraße) und eine Stärkung der örtlichen Geschäftswelt.

Und dann sind da noch die, die komplett auf andere „innere Werte“ der Stadt wie Tourismus (Inselpark, Rad- und Wanderwegenetz, Standort im Grünen) oder die Marke „Musikstadt Gronau“ (Rockmuseum, Jazzfest) setzen wollen. Von denen, die angesichts des Hertie-Baulochs und der dahinterliegenden Flanke des Schumacher-Platzes gar von einer neuen Altstadt-Idylle träumen, schreib´ ich hier lieber nichts . . .

Und jetzt? Was lässt sich aus all diesen Gedankensplittern zusammenfügen? Offen gestanden fehlen mir aktuell angesichts des erneuten Scheiterns einer Innenstadt-Vision Begeisterung und Aufbruchstimmung, die es braucht, um ein neues Kapitel der Innenstadtplanung anzugehen. Diese – nennen wir es Leere – spüre ich auch im Dialog mit vielen Bürgern. Und dazu eine große Portion Ratlosigkeit darüber, wie dieser Stadt das innerstädtische Leben einzuhauchen sein könnte, das so dringend fehlt.

Auf der anderen Seite nehme ich wahr, wie positiv (fast schon euphorisch) Menschen darauf reagieren, wenn Tobias Groten einen Beach-Club à la „Bamboo“ in Verbindung mit einer neuen Gastronomie im Dinkellager ankündigt und ein paar Tage später Leben auf der Baustelle zu sehen ist. Das zeigt mir, wie sehr Menschen auf Veränderungen warten und sich über vermeintlich kleine Signale eines Neubeginns freuen, weil sie sich – bei aller Kritik an vielen Dingen – doch in besonderer Weise mit dieser Stadt, den Menschen, den Ecken und Kanten dieser Gemeinschaft identifizieren und gern hier leben.

Die Verantwortlichen der Stadt stehen meines Erachtens im Moment an einem wichtigen Scheideweg: Soll und will Politik die Innenstadtentwicklung auf den bisher beschrittenen Wegen weiter verfolgen? Dafür spricht unter anderem, dass jahrelange Vorarbeit zumindest in Teilen weiter nutzbar wäre, dass keine neue und sicherlich schwierige Investorensuche beginnen müsste oder die Stadt sich nicht allein einer Herausforderung zu stellen hätte, deren Bewältigung sicher nicht zu den Kernkompetenzen einer Kommune zählt.

Die Alternative könnte sein, das Thema Innenstadtentwicklung radikal neu zu denken. Ohne Glaspaläste und Parkhaus-Pläne, ohne auf Drogerieketten, Modeläden und Technikmärkte zu schielen, die Gronau offenbar ohnehin nicht zu ihren Lieblingsplätzen zählen. Aber: Das wäre auch ein Neubeginn bei Null – mit ungewissem Ausgang.

Mit der Entscheidung, die am Ende ohnehin der Rat zu treffen hat, lasse ich Sie heute allein. Aber vielleicht setzen diese Zeilen ja eine Debatte in Gang. Schreiben Sie mir, rufen Sie an oder lassen Sie mich wissen, ob die WN ein Diskussionsforum organisieren sollen. Ich freue mich auf Ihre Reaktionen.

Klaus    Wiedau

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