Auf den Spuren der Colonia Dignidad
Suche nach Aufklärung am Ende der Welt

Gronau -

Seit 1961 sind ungefähr 140 Kinder und Erwachsene aus Gronau nach Chile ausgereist. Mit dem Ziel: Colonia Dignidad. Doch die christlichen Sekte entpuppte sich als grausames Arbeitslager. Jetzt hat ein Pastor der Gronauer Baptisten-Gemeinde die Colonia Dignidad besucht. Ein Reisebericht.

Mittwoch, 17.04.2019, 09:20 Uhr
Der Pastor der Gronauer Baptistengemeinde, Michael Gordon, vor der Villa Baviera, wie die Colonia Dignidad heute heißt.
Der Pastor der Gronauer Baptistengemeinde, Michael Gordon, vor der Villa Baviera, wie die Colonia Dignidad heute heißt.

Michael Gordon , Pastor der Gronauer Baptisten-Gemeinde (Evangelisch-Freikirchliche Gemeinde), hat in Chile die Colonia Dignidad besucht. Hintergrund: Vor etwa 60 Jahren spaltete sich die damals große Gronauer Baptisten-Gemeinde unter ihrem Prediger Hugo Baar. Er hatte sich dem freien Evangelisten Paul Schäfer angeschlossen und führte einen beträchtlichen Teil der Gronauer Gemeinde, insbesondere junge Menschen und Familien, dem späteren Sektenführer zu. Gut 60 Gemeindemitglieder mit Freunden und vielen Kindern wanderten mit anderen Anhängern nach Chile aus und gründeten die Colonia Dignidad. Aus der vermeintlichen Freiheit, ein christliches Ideal zu leben, wurde ein grausames Arbeitslager. Etwa 140 Kinder und Erwachsene von den insgesamt 300 seit 1961 ausgereisten Deutschen stammten aus Gronau. Pastor Gordon forscht auf Wunsch der jüngeren Generation, was damals in der Gemeinde passiert ist.

Im Folgenden sein Reisebericht:

"Nach dem mehr als halbtägigen Flug über den Atlantischen Ozean kam ich in Santiago de Chile an. Mit dem Überland-Bus ging es über fünf Stunden in den Süden zur Kleinstadt Parral und dann noch mal 45 Minuten mit dem Pkw zur ehemaligen, einsamen Colonia Dignidad ans Ende der Welt. Ein ideales Versteck für den damals aus Deutschland flüchtigen Verbrecher Paul Schäfer, dachte ich sofort.

Ich übernachtete im dortigen kleinen Hotel mit einem zunächst mulmigen Gefühl, welch verwegenen Gestalten ich wohl begegnen würde. Ich traf aber nur nette Menschen an, dir mir durchweg mit Freundlichkeit begegneten.

Das Grundstück der Colonia erstreckte sich um die Jahrtausendwende über 140 Quadratkilometer, ist also annähernd doppelt so groß wie die Stadt Gronau. Die Gebäude sind ein wenig verstreut, mit dem Fahrrad gut zu erreichen. Dass man bei dieser Weitläufigkeit des Geländes Freveltaten begehen konnte, ohne dass es einer mitbekam, kann ich mir jetzt sehr gut vorstellen. Das Mobiliar und Inventar stammt meist aus den 50er Jahren, ich fühlte mich in meine Kindheit zurückversetzt.

Mehrzahl der Bewohner über 65 Jahre alt

Da ich im südamerikanischen Spätsommer anreiste, zeigte sich die Colonia optisch von der schönsten Seite. Es erinnert tatsächlich an Oberbayern, wie der spätere Name Villa Baviera auch ausdrücken soll. Einerseits bewundernswert, was in über 50 Jahren an deutscher Agrar-Kultur aus dem Boden gestampft wurde, andererseits empfand ich Abscheu, da dieser Aufbau durch die eigene Sträflingskolonie geschah.

Mein Touristen-Führer Jürgen Szurgelies, der bei früheren Fluchtversuchen immer wieder geschnappt und mit Medikamenten verseucht worden war, zeigte mir fast alles: den Friedhof, wo ich die Namen ehemaliger Gronauer Gemeindemitglieder las, eines der dunklen Verließe, wo die Menschen brutal zusammengeschlagen wurden, die ersten Gemeinschafts-Jungen-Duschen, wo Schäfer sich an ihnen verging usw.

Ich merkte rasch, dass ich nicht der einzige war, der das Phänomen Colonia Dignidad erkunden wollte. Außer mir war ein Däne da, der eine Dokumentation drehen wollte, und davor waren andere gekommen. Es war nur lange Zeit her, hörte ich, dass jemand so lange wie ich als Gast auf dem Gelände wohnte. Wegen der jahrelangen Dauer-Befragung durch immer wieder wechselnde Personen wollten vermutlich einzelne Alte nicht mit mir reden. Ich sprach mit über 50 Personen aller Generationen, so dass ich gut die Hälfte der heutigen Bewohner kennenlernen konnte.

Es gibt derzeit noch etwa zehn Familien mit 30 Kindern auf dem Gelände, die Mehrzahl der Bewohner ist über 65 Jahre alt. Viele Ehemalige haben das Weite gesucht, einige haben bei uns in Gronau ein neues Zuhause gefunden.

WhatsApp als Kommunikationsmittel

Bei den Begegnung waren die persönlichen Erlebnisse und die derzeitige Situation in der ehemaligen Colonia Dignidad meist das Haupt-Thema, und nicht mein eigentliches Anliegen. Dennoch hat mich rückblickend diese Forschungsexpedition wichtige Schritte weiter gebracht. Neben einigen neuen Details aus der Vergangenheit, Bestätigung von Vermutungen, einzelnen Dokumenten, bekam ich einen wichtigen neuen Blickwinkel und mein Anliegen einen leichten Richtungswechsel. Ich habe wertvolle Menschen kennengelernt.

Zum Beispiel traf ich die Gronauer Alfred, Edith und Elli Gerlach mit Anni Maschke zu Hause bei Kaffee und Kuchen. Sie erzählten von alten Zeiten z.B. von einem Fahrradausflug der Jugend bis zur Zugspitze oder von der Beerdigung des früheren Baptisten-Predigers Peters, bei der es zu einem solchen fürchterlichen Unwetter kam, dass Leute außerhalb der Gemeinde meinten, was wohl Gott den Baptisten zu sagen hätte, da sie mit ihm nicht freundlich umgegangen wären.

Einen ganz Tag über traf ich mich außerhalb der Colonia mit Heinz Kuhn, der Mitte der 50er Jahre nach Gronau gezogen und glühender Anhänger von Paul Schäfer gewesen war und die Baptisten drangsaliert hatte. Er flüchtete als einer der wenigen in der Anfangszeit aus der Colonia, mutierte vom Saulus zum Paulus, half bei der Flucht von Hugo und Waltraut Baar oder dem Ehepaar Lotti und Georg Packmor aus Chile und wirkte bei der Strafverfolgung von Paul Schäfer mit. Er sagte mir, dass ihm sein Handeln früher in Gronau unendlich leid täte.

Meine Begegnungen waren meist spontan, da ich keinen direkten Ansprechpartner in der Colonia hatte, worüber ich mich zunächst wunderte, bis ich feststellte, dass es keinen Gesamt-Leiter gibt, weder im politischen noch im kirchlichen Sinne. Es gibt Gruppen und Grüppchen, Freundschaften, Familienbande, aber keine feste Organisationsstruktur mehr. WhatsApp dient vielfach als Kommunikationsmittel.

Die Colonia als Religions-Gemeinschaft existiert nicht mehr

Paul Schäfer hatte keinen Leiter neben sich geduldet und bewusst keinen Nachwuchs gefördert, der nach ihm die Gemeinschaft hätte leiten könnte. Nach seiner Gefangennahme 2005 brach alles zusammen. Menschen schwangen sich zwar zu Führern auf, wollten Verantwortung übernehmen, doch keiner wurde dauerhaft von den anderen akzeptiert, und so ist es geblieben.

Zwar gibt es Arbeitsbereiche, die geleitet und abgewickelt werden, doch es gibt keine von allen gewählten Gremien. Es ist irgendwie diffus und hängt sicherlich mit der unsicheren Zukunftslage zusammen. Immer weniger Mitarbeiter, die alles schultern müssen, sehr hohe Millionen-Schulden, die anscheinend ihnen ein auswertiger Berater hinterlassen hat. Man mag auch bedenken, dass kaum zehn Jahre vergangen sind, seitdem die Käseglocke, unter der die Bewohner 40 Jahre leben mussten, gehoben wurde und sie sich in kürzester Zeit von einer Art radikalem Kommunismus lösen und auf den Kapitalismus umstellen mussten.

Es gibt keinen gemeinsamen Gottesdienst. Nur eine kleine, von Alten geleitete Gruppe trifft sich freitagabends zur Bibelstunde. Sie sympathisieren mit dem über 80-jährigem deutschen Prediger Ewald Frank aus Krefeld, der eine eigene christliche, weltweite Sondergemeinschaft leitet. Einige fuhren im März in ein anderes südamerikanisches Land, um ihn live erleben zu können.

Die Colonia als Religions-Gemeinschaft oder Lebensgemeinschaft existiert nicht mehr. Sie ist in Auflösung begriffen. Das ist nicht wirklich verwunderlich, da der größte Teil unfreiwillig als Kinder dort hinkam oder geboren wurde und überwiegend Angst, Brutalität, Gefangenschaft, Perversion erlebte."  

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