Jutta Stenvers organisiert mit ihrem CVJM-Team seit über 35 Jahren Kleiderbasare
Zwischen Lumpen und Luxus

Gronau -

Knapp 25 Quadratmeter bis unter die Decke voll mit Kleiderständern und Kartons – hinein geht es nur, weil Jutta Stenvers und ihr Mann das fahrbare Bettgestell herausgerollt haben, das sonst im Eingang des Kellerraums steht. Wie viel Kleidung hier lagert, lässt sich nur ahnen. Sicher ist: Der Raum leert und füllt sich immer wieder: fünf Mal pro Jahr. Seit über 35 Jahren organisieren Jutta Stenvers und ihre Mitstreiterinnen vom CVJM mehrmals jährlich einen Kleiderbasar mit gespendeten Stücken für all jene, die sich „Geschäftskleidung“ nicht leisten können.

Mittwoch, 17.04.2019, 17:20 Uhr
Jutta Stenvers im Kellerlager des CVJM-Basars. Dort türmen sich Kleider ohne Ende (r.).
Jutta Stenvers im Kellerlager des CVJM-Basars. Dort türmen sich Kleider ohne Ende (r.). Foto: Christiane Nitsche

So wie die dankbare Mutter, die ihnen schrieb: „Seit Anfang der 90er-Jahre bin ich als alleinerziehende Mutter bei Ihnen Käuferin. Dank Ihres Basars konnte ich Kleidung kaufen, die mir und meinem Sohn sehr geholfen hat.“ Von dieser dankbaren Kundin stammt die Vokabel „Geschäftskleidung“ – Neuware. Aber auch ältere Menschen mit einer kleinen Rente oder Familien, die aus Nachhaltigkeitsgründen Kleidung aus zweiter Hand bevorzugen, suchen und finden hier regelmäßig gut erhaltene Klamotten für kleines Geld.

Angefangen hat alles noch vor dem ersten Kleiderbasar 1983, mit dem Sammeln von Papier und Lumpen. „Aber dann gingen die Preise in den Keller und dann haben wir gesagt: Wir probieren es mit einem Basar“, erinnert sich Jutta Stenvers . Der Erfolg spornte sie und ihr Team an. Der Basar etablierte sich, seinerzeit noch im Johannes-Calvin-Haus. „Damals mussten wir die ganzen Sachen immer über die Vereinsstraße ins Calvin-Haus transportieren.“

Lang, lang ist‘s her. Anfang April wurde der nunmehr 185. CVJM-Kleiderbasar im Walter-Thiemann-Haus durchgeführt, wohin der Basar vor über zehn Jahren umzog. Acht Personen aus dem ursprünglichen Orga-Team sind noch immer dabei. 17 Frauen sind es insgesamt, außerdem sieben Männer, die beim Räumen und Aufbauen helfen – und anschließend wieder beim Abbauen.

Dazwischen müssen Plakate vorbereitet, Presseankündigungen geschrieben, die Kasse abgerechnet und die Einteilung des Teams für den eigentlichen Markt organisiert werden. Wenn sich jeweils am ersten Tag die Türen zum Saal im Obergeschoss des Walther-Thiemann-Hauses öffnen, reihen sich Kleiderständer an Kleiderständer und lange Tische mit gefalteter Ware, für Männer, Frauen und Kinder, von der Konfektion von der Stange bis zum luxuriösen Unikat. Neben Aufsicht und Verkauf muss parallel Spendenkleidung angenommen werden. Etwa 100 Stunden Arbeit sind es pro Basar, schätzen die Stenvers.

Erzählen könnten die Männer und Frauen ohne Ende. „Wir könnten Bücher füllen mit dem, was wir erlebt haben“, sagt Jutta Stenvers. Von den DDR-Bürgern, die sich beim Familienbesuch in Gronau mit Westkleidung eindeckten zum Beispiel. „Die durften sich dann umsonst etwas aussuchen“, erzählt Jutta Stenvers. „Die gingen teilweise weinend raus. Das war wirklich ganz extrem.“ Von den eigenen Kindern, die mit dem Basar groß geworden sind. „Jetzt kommt mein Enkelkind schon mit“, strahlt Jutta Stenvers. Und die Söhne packen ganz selbstverständlich mit an, wenn Not am Mann ist.

Oder von den Flüchtlingen, für die 2015 nicht nur Kleidung, sondern auch Koffer gesammelt wurden. „Die mussten dann extra kommen, weil es so viele waren“, erzählt Jutta Stenvers‘ Ehemann Günther. „Aber die waren auch sehr dankbar und freundlich.“ Dennoch habe man Konflikte zwischen den verschiedenen Klientengruppen vermeiden wollen. „Man erlebt die dollsten Sachen“, so Jutta Stenvers. „Der Kunde ist König, auch wenn man manchmal tief durchatmen muss.“ Etwa beim Sichten und Sortieren der gespendeten Kleidungsstücke. Nur gut erhaltene, saubere Ware kommt in den Basar. „Was nicht mehr so modern ist, kommt nach Weißrussland. Und was jetzt noch an Winterware im Lager liegt, werde beim nächsten Mal aussortiert für das Friedensdorf in Oberhausen. Nicht immer finden sich in den abgegebenen Säcken und Tüten Wunschstücke. Unaussprechliches haben sie schon gefunden. Jutta Stenvers: „Jeder hat scheinbar eine andere Auffassung davon, was sauber ist.“

Die Spendenbereitschaft ist ungebrochen. Jutta Stenvers: „Wir kriegen immer mehr Ware.“ Der proppenvoll gefüllte Kellerraum zeugt davon. „Wir suchen wohl immer mal auch ein paar gute Kleiderständer“, sagt sie. Gute, stabile Kleiderständer sind teuer. Einen Teil gab es als Spende, einen Teil haben die CVJM-Männer selbst angefertigt, aber einen Teil mussten sie auch schon für teures Geld kaufen. Wobei sie das lieber in die Projekte geben würden, die regelmäßig vom Erlös des Basares profitieren: Tafel, Offene Weihnacht, Suchtberatung, Hospiz, Dritte-Welt-Projekte in Afrika oder auch die eigene Jugendarbeit.

Und dann sind da noch diejenigen, für die scheinbar selbst ein verschwindend geringer Preis noch zu hoch ist. „Es passiert immer wieder, dass geklaut wird“, seufzt Jutta Stenvers. Einmal habe sie eine Frau erwischt, die unter ihrem langen Rock vier weitere Röcke versteckt hatte. Hinzu kommen Preisfeilschereien, die selbst Hartgesottene an der Menschheit verzweifeln lassen könnten.

„Es ist keine Arbeit, die jeder gerne macht“, sagt Jutta Stenvers. „Bei uns darf man nicht empfindlich sein.“ Ans Aufhören denkt sie nicht. Bei der Stange halte sie, dass so viele Menschen dankbar sind für die Möglichkeit, für kleines Geld gute Kleidung zu kaufen. Und das Team, das Jahr um Jahr dabei ist. Ohne die ginge nichts, meint sie. „Wenn es gesundheitlich geht und das Team noch mitspielt, wollen wir es noch ein paar Jahre machen.“

  Foto: Christiane Nitsche

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