Die Lesebrille, Ostereier und der Weltfrieden
Vom Suchen und Finden

Für Kinder ist die Eiersuche ein Höhepunkt der österlichen Festtage. Eltern und Großeltern geben sich die größte Mühe bei der Auswahl der Verstecke – doch die Kleinen finden die Eier meist in Nullkommanix. Diese Suche ist also von schnellem Erfolg gekrönt. Andere Suchen dagegen . . . Die Sucherei nach dem verflixten Schlüsselbund, nach der Lesebrille (die sich meist auf der eigenen Nase wiederfindet), nach dem Portemonnaie, wenn man gerade an der Supermarktkasse steht – was kostet das Zeit und Nerven! Andererseits: Was für eine Erleichterung, wenn man das Gesuchte schließlich gefunden hat! Ziel und Zweck einer Suche ist also zumindest vordergründig das Finden. Noch viel häufiger als Gegenstände sucht man ja Informationen. Dabei können Suchmaschinen wie Google, Duckduckgo und wie sie alle heißen eine große Hilfe sein.

Freitag, 19.04.2019, 10:30 Uhr aktualisiert: 19.04.2019, 10:50 Uhr
Ach, wenn der Osterhase doch solche Eier verstecken würde . . .
Ach, wenn der Osterhase doch solche Eier verstecken würde . . . Foto: Heinrich Schwarze-Blanke

In den genannten Fällen weiß man, was man sucht. Doch manchmal hat man gar keine konkrete Vorstellung davon. Man spürt nur eine gewisse Leere. Beispiel: die Partnersuche. Da merkt man anfangs nur, dass irgendjemand zum Glück fehlt. Man kann eine gezielte Suche starten, auch übers Internet (wobei ich bezweifele, dass Algorithmen tatsächlich die besseren Menschenkenner sind . . .). Wer der oder die Gesuchte ist, weiß man also zunächst gar nicht, oder man hat nur vage Ideen. Wenn alles klappt, klickt es bei der oder dem Richtigen.

Auf eine andere Suche begab sich der französische Autor Marcel Proust : auf die nach der verlorenen Zeit. Die könnte man in einem der Schwarzen Löcher wiederfinden, in der Zeit und Raum in einer Singularität verschwinden. Allerdings würde jeder Sucher sich dort selbst verlieren und nicht wiederfinden . . .

Auch Philosophen und Theologen suchen schon seit Jahrtausenden, nach der „Wahrheit“ zum Beispiel – wobei sie sich nicht mal einig sind, was das eigentlich ist. Auch im Johannes-Evangelium wird die Frage aufgeworfen. Pilatus fragt Jesus: „Was ist die Wahrheit?“ Es gibt dazu ein schönes Anagramm auf Latein: Die Buchstaben der Frage „Was ist Wahrheit?“ (auf Latein „Quid est veritas?“) kann man neu arrangieren in „Est vir qui adest.“ („Es ist der Mann, der zugegen ist.“) – also Jesus. Im Evangelium selbst bleibt die Frage unbeantwortet. Die Suche nach der Wahrheit bleibt philosophisch gesehen also offen. Religiös gesehen dagegen finden gläubige Christen die Wahrheit in Jesus, der „Zeugnis für die Wahrheit ablegen“ will.

Suche Frieden und jage ihm nach“, lautete das Motto des Katholikentags 2018 in Münster. Eine Suche und Jagd, die wohl niemals enden wird. Auch die Suche nach dem Sinn des Lebens (oder, wie der britische Autor Douglas Adams es formulierte: „Das Leben, das Universum und der ganze Rest.“) beschäftigt die Menschheit und jedes Individuum mehr oder weniger intensiv. Gibt es überhaupt einen Sinn? Worin besteht er? Da kommt den Suchenden vielleicht eine abgewandelte fernöstliche Weisheit gut zupass: „Der Weg ist das Ziel“. Man ersetze die Worte „Der Weg“ durch „Die Suche“. Die Suche nach dem Sinn des Lebens, die Suche nach dem Frieden und die Suche nach der Wahrheit sind selbst Teil des Lebenssinns, des Friedens und der Wahrheit. Die Suche – der Weg – mag vielleicht nie enden, die Ziele werden möglicherweise nie erreicht – doch beim Streben dorthin kann man Etappenziele schaffen, die dieselben Glücksgefühle auslösen können, wie sie beim Finden des verlegten Schlüsselbunds, des verlorenen Portemonnaies oder der versteckten Ostereier entstehen. Man muss sich dessen nur bewusst werden.

Frieden – ein hehres Wort. Es bedeutet mehr als die Abwesenheit von Krieg. Aber dass wir in Westeuropa schon mehr als 70 Jahre ohne kriegerische Auseinandersetzungen leben – das ist doch schon mal was! Etwas, das weiterzuentwickeln ist. Sinn des Lebens? Allein die Tatsache, dass wir darüber nachdenken können, sollte uns glücklich schätzen. Und wer da noch ein Stück Nächstenliebe draufpackt, kommt all den angesprochenen immateriellen Werten näher.

In diesem Sinne ein friedliches Osterfest. Und: Mögen Sie finden, was immer Sie auch suchen!

 

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