Helga Deuß über ihre Erlebnisse als „Wolfskind“ in Königsberg
Ein Schmerz, der nie vergeht

Gronau -

Immer wieder haben Kinder und Enkel Helga Deuß bedrängt: „Erzähl doch von Königsberg, von den schrecklichen Erlebnissen in den Kriegsjahren und aus der Nachkriegszeit.“ Vor zwei Jahren hat sie dann nachgegeben. Sie hat ihre Kindheitsgeschichte erzählt und zu Papier gebracht, was sie zu erzählen hat.

Mittwoch, 08.05.2019, 07:27 Uhr aktualisiert: 08.05.2019, 07:30 Uhr
Das zerstörte Königsberg (Ostpreußen) nach dem Luftangriff im August 1944. Die heute in Gronau lebende Helga Deuß hat hier den Krieg und die ersten Jahre danach als Kind erlebt und erlitten.
Das zerstörte Königsberg (Ostpreußen) nach dem Luftangriff im August 1944. Die heute in Gronau lebende Helga Deuß hat hier den Krieg und die ersten Jahre danach als Kind erlebt und erlitten. Foto: dpa

Ihr Bericht ist jetzt in einem schmalen Büchlein von 63 Seiten nachzulesen. Der „Originalton Deuß “ ist hier zu lesen, kein Lektor hat hier gekürzt oder „geglättet“, man vermeint die Autorin zu hören, wenn man sich in den Text vertieft.

Was sie zu erzählen hat, erinnert an die schwärzesten Zeiten der deutschen Geschichte, gesehen aus der Perspektive eines kleinen Kindes, das eigentlich unbeschwert seine Schullaufbahn starten sollte. Zu Beginn des Zweiten Weltkriegs ist sie noch keine sechs Jahre alt und erlebt, wie sich Angst breit macht in der Familie, davor dass die noch jugendlichen „Onkels“ in der Familie Soldat werden müssen und umkommen könnten.

Nichts von der Kriegseuphorie von 1914 ist 1939 zu spüren. Groß das Entsetzen der kleinen Helga, als sie erleben muss, wie ihre Spielkameradin Rosi mit ihrer Familie „abgeholt“ wird. Sie erfährt im Nachhinein: Die Freundin ist Jüdin. Angst prägt das Leben der Schülerin. Angst um Rosa, um die Angehörigen an der Front, vor dem Bombenalarm, vor dem Entdecktwerden beim heimlichen Radiohören. Vielleicht ist es ja dieser allgegenwärtigen Angst geschuldet, wenn die braununiformierten Parteifunktionäre beim Probealarm und als Überbringer der Todesnachrichten, wenn mal wieder jemand aus der großen Familie „für Führer, Volk und Vaterland“ gefallen war, als SS-Soldaten wahrgenommen oder erinnert wurden.

Helga Deuß

Helga Deuß Foto: Norbert Diekmann

Atemlos fast, ohne Punkt und Komma, ohne Kapiteleinteilung geht es durch die Jahre und auch nach Kriegsende weiter. Die Vergewaltigungen durch eine enthemmte Soldateska werden lakonisch erwähnt. „Mich hatte meine Oma unter dem Stroh versteckt. Später schnitt sie mir die Haare ab.“ Das zehnjährige-Kind sollte für einen Jungen gehalten werden.

Die Jahre zwischen Kriegsende 1945 und Vertreibung 1948 sind geprägt durch den Kampf ums nackte Überleben. Hunger ist allgegenwärtig, die Kinder gehen auf Bettelreisen bis nach Litauen. Sie stehen plötzlich vor den Leichen von verhungerten Kindern aus der Nachbarschaft, deren Mutter sich abgesetzt hatte. Und später: „Die anderen Kinder aus den Baracken erzählten uns, dass meine Onkel und meine Mutter in der Nacht abgeholt worden waren.“

Nach der Verhaftung der Mutter ist die Zwölf-, 13-jährige Helga ganz alleine für ihren kleineren Bruder verantwortlich. Wie andere „Wolfskinder“ kämpfen sie im besetzten Ostpreußen gegen Hunger und Kälte. Mit Geschick und viel Glück überleben sie. Bei der Essenssuche in den Abfalleimern „hatten wir oft Glück und wenn es nur rohe Kartoffelschalen waren“. Zu Weihnachten 1948 kommt Helga mit ihrem Bruder in Güstrow an. Die Mutter wird erst 1956 aus Sibirien freigelassen. Es folgte die Flucht in den Westen, der Schrecken hatte ein Ende. Was bleibt, ist ein Schmerz, der nie vergeht.

Zum Thema

Helga Deuß: Ein Schmerz, der nie vergeht; epubli-Verlag, ISBN 978-3-7467-7635-4, 12,50 Euro, erhältlich bei Amazon oder in jeder Buchhandlung, auch als e-book.

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