Mit kleinem Team fing 1969 alles an – heute europaweit bekanntes Zentrum
„Eper Jung“ wurde erster Chefarzt

Gronau -

Als vor einem halben Jahrhundert die Geburtsstunde der Urologie am St.-Antonius-Hospital schlug, hat vermutlich niemand geahnt, welche Erfolgsgeschichte sich daraus entwickeln würde. Mit Dr. Hans Engels († 2015) als Chefarzt nahm im Mai 1969 ein kleines, aber engagiertes Team die Arbeit in der damals neuen Abteilung auf. 50 Jahre später ist die Klinik für Urologie, Kinderurologie und urologische Onkologie unter der Leitung von Chefarzt Dr. Jörn H. Witt heute „ein europaweit bekanntes Zentrum für Urologie. Die Erfahrung des Teams und die technische Ausstattung können sich selbst mit Universitätskliniken der USA messen“, wie es in der Darstellung des Krankenhauses heißt.

Mittwoch, 15.05.2019, 08:30 Uhr aktualisiert: 15.05.2019, 08:50 Uhr
Erinnerten im Gespräch an die Anfänge der Urologie in Gronau vor 50 Jahren (v.l.): Rainer Sibbing, Anke Engels, Dr. Jörn H. Witt und Brigitte Ewering.
Erinnerten im Gespräch an die Anfänge der Urologie in Gronau vor 50 Jahren (v.l.): Rainer Sibbing, Anke Engels, Dr. Jörn H. Witt und Brigitte Ewering. Foto: Klaus Wiedau

An die Anfänge erinnerten sich jetzt während einer Gesprächsrunde im Beisein von Chefarzt Dr. Witt Anke Engels (Witwe des verstorbenen Dr. Engels), Rainer Sibbing (heute Chefpfleger Urologie) sowie Chefarzt-Sekretärin Brigitte Ewering als Mitarbeiter aus den Anfangsjahren. Ewering ist seit 1974 am Krankenhaus tätig, Rainer Sibbing seit 1978. Er hat Engels als „väterlichen Förderer“ in Erinnerung, der seinen beruflichen Lebensweg in besonderer Weise prägte.

Das alles war 1965 noch Zukunft, als das Krankenhaus seine „Fühler“ nach dem richtigen Chefarzt für die noch zu gründende Abteilung ausstreckte. Anke Engels erinnert sich: „Damals reiste Pastor Heinrich Heitmeyer aus Gronau nach Pforzheim an, um Forschungen über den ,Eper Jung‘ Dr.  Hans Engels anzustellen, der am dortigen St.-Trudpert-Krankenhaus als Assistenzarzt arbeitete und möglicherweise in drei bis vier Jahren eine Urologische Abteilung im Neubau des St.-Antonius-Hospitals aufbauen sollte.“ Zuvor war Engels bei einem Besuch in Gronau im Gespräch mit Dr. Hans Jörling auf die Pläne für die Urologie aufmerksam worden und hatte Interesse bekundet. Doch das dauerte noch: Engels war zunächst für weitere drei Jahre am Prosper-Hospital Recklinghausen bei Dr. Bernhard Rave als Oberarzt tätig, ehe der Wechsel erfolgte.

Dass Engels nach Gronau wechselte, ist, da sind sich die Zeitzeugen sicher, der Weitsicht des damaligen Gronauer Krankenhaus-Chefarztes Dr. Hans Jörling und des Verwaltungsdirektors Hans Laarveld zu verdanken. Jörling legte sehr rasch auch alle urologischen Fälle in die Hand des neuen Kollegen – zu jener Zeit sicher keine Selbstverständlichkeit. Im Gegenteil, es hätte auch zu einer Konkurrenzsituation kommen können. Kam es aber nicht. Wohl auch, weil Dr. Jörling seiner Zeit damals voraus war und erkannt hatte, dass die Zeichen auf Spezialisierung statt auf Festhalten am medizinischen Allrounder standen, wie Rainer Sibbing es formuliert. „Streit gab es zwischen den beiden nie“, erinnert sich Anke Engels. Im Gegenteil: Die Freundschaft zwischen Engels und Jörling hielt ein Leben lang.

Dr. Hans Engels mit Team-Mitgliedern aus den ersten Jahren (v.l.): Anja Brockhues, Dr. Hans Engels, Manuela Walter, Bettina Däbritz-Sonntag und Brigitte Ewering.

Dr. Hans Engels mit Team-Mitgliedern aus den ersten Jahren (v.l.): Anja Brockhues, Dr. Hans Engels, Manuela Walter, Bettina Däbritz-Sonntag und Brigitte Ewering.

Engels machte sich nach der Gründung der neuen Abteilung in der Region und darüber hinaus auch in der benachbarten Niedergrafschaft rasch einen Namen. Dabei dürften ihm sicher die Verbundenheit mit der Region und auch seine plattdeutschen Sprachkenntnisse geholfen haben. Rainer Sibbing: „Engels wusste, wie man die Leute hier zu nehmen hatte.“ Der Volksmund entwickelte denn auch rasch einen derben Spruch, aus dem anschaulich und deutlich hervorging, wann Frauen den damaligen Gynäkologen Dr. Lösken und Männer den Urologen Dr. Engels aufsuchen sollten . . . 

Ein Zwischenfall, an den in der Gesprächsrunde erinnert wurde, macht den westmünsterländischen Umgangston jener Zeit deutlich: Ein etwas verwirrter älterer Patient war aus dem Fenster geklettert, heruntergefallen, dabei aber glücklicherweise mit der Katheter-Schlinge am Fensterhaken hängen (und deshalb unversehrt) geblieben. Per Feuerwehrleiter wurde er „aus der Wand“ geholt. Als die Schwester später dem Chefarzt am Krankenbett die makabre Geschichte erzählt, sagt der Patient dem Chefarzt, was er davon hält: „Doktor, wat dat Wicht di dor vertellt, is alles dumm Tüch…“

Die Nähe zu den Patienten war Engels stets ein wichtiger Aspekt. Und so wehrte er sich, wie in der Runde der Zeitzeugen deutlich wurde, gegen die auch damals schon um sich greifende Dokumentation, die verglichen mit heutigen Anforderungen allerdings noch harmlos erscheint. Engels kritisierte diesen „Schreibkram“, der seine Mitarbeiter beschäftigte, „statt dass sie dem Patienten den Schweiß von der Stirn tupfen könnten“.

Medizinisch brachte er neue Methoden zum Einsatz. So führte er die sogenannte Spinalanästhesie – eine rückenmarknahe Form der Anästhesie – am Antonius-Hospital ein. Auch half Engels, aufgrund seiner in der Ausbildung erworbenen Kenntnisse, den chirurgischen Kollegen anfangs im Anästhesiebereich aus, bis auch für dieses Feld eine eigene Abteilung gegründet wurde. Eine andere Neuerung, die in die Chefarzt-Ära von Hans Engels fällt, ist Ende der 1980er-Jahre der Einsatz eines ESWL-Gerätes zum Zertrümmern von Nieren- und Harnleitersteinen. „Entsprechende genehmigungspflichtige Großgeräte gab es anfangs nur in Kliniken in Essen und Oberhausen“, erinnert sich Rainer Sibbing. Dorthin wurden die Patienten geschickt, ehe die Technik auch im Gronauer Krankenhaus verfügbar war.

Nach fast 30 Jahren ging die Tätigkeit von Dr. Engels im Februar 1998 mit seiner Verabschiedung in den Ruhestand zu Ende, seine Nachfolge trat Dr. Horst Peter an, ehe Dr. Jörn H. Witt im Jahre 2002 die Leitung der Klinik für Urologie übernahm. Witt: „Obwohl sich das Spektrum der Tätigkeiten unglaublich gewandelt hat, ist Dr. Hans Engels mit verantwortlich dafür, dass die Klinik für Urologie, Kinderurologie und urologische Onkologie hier implementiert wurde und sich zu einer der größten Kliniken in Deutschland entwickelt hat.“ Heute werden in der Gronauer Urologie nach Witts Angaben jährlich rund 4000 Eingriffe durchgeführt, davon 2000 große Tumoroperationen im uro-onkologischen Bereich. Dr. Engels startete seinerzeit mit einem Oberarzt und zweieinhalb Assistentenstellen. Heute hat die Urologische Klinik 30 Mitarbeiter im klinischen Dienst und insgesamt 80 Mitarbeiter. „Abgedeckt wird das gesamte Spektrum der Urologie mit Ausnahme von Geschlechtsumwandlungen“, so Dr. Witt.

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