Ratsdebatte über verändertes Innenstadt-Konzept
„Chance“ oder „Desaster“?

Gronau -

Zumindest der Fahrplan steht: Am 26. Juni soll der Rat über das neue Innenstadtkonzept und die sich daraus ergebenden Veränderungen der Rahmenbedingungen und Verträge mit den Investoren entscheiden. Mehr als zweieinhalb Stunden dauerten am Mittwochabend die Präsentation der veränderten Planung und die erste Debatte darüber im Stadtrat. Die Stimmung schwankte dabei zwischen Zweckoptimismus und Enttäuschung.

Donnerstag, 16.05.2019, 18:30 Uhr aktualisiert: 16.05.2019, 18:42 Uhr
So könnte der Blick von der Konrad-Adenauer-Straße aus auf die Gebäude Drio 1.1 und 1.2 sowie Drio 2 (r.) aussehen.
So könnte der Blick von der Konrad-Adenauer-Straße aus auf die Gebäude Drio 1.1 und 1.2 sowie Drio 2 (r.) aussehen. Foto: Hoff und Partner

Gegenüber dem Ursprungsentwurf sieht das neue Konzept – wie berichtet – eine Teilung des Gebäudes Drio 1 in zwei Teile (Drio 1.1 und Drio 1.2) vor. Die anderen Baukörper bleiben, Drio 3 allerdings geht an die Stadt über (mit positiven finanziellen Folgen für die Tiefgaragensanierung). Weitere Eckdaten: Die geplanten Einzelhandelsflächen werden von 7400 auf 3600 Quadratmeter verringert, dafür die Büro- und Dienstleistungsflächen auf 8800 Quadratmeter nahezu verdoppelt. Das geplante Parkhaus (Schlossplatz) soll kommen, aber durch Verzicht auf die unterirdischen Etagen günstiger werden.

Stadtbaurat Ralf Groß-Holtick skizzierte vor dem Rat im Zusammenhang mit dem aktualisierten Innenstadt-Konzept ein anschauliches Bild. Er warb dafür, den Wind der veränderten Planung so zu nutzen, „dass Sie am Ende der Beratungen in einem Stadium sind, in dem Windmühlen aufgestellt sind“.

„Tun Sie sich, den Menschen und der Stadt den Gefallen, das nicht schlecht zu reden“, so der Stadtbaurat mit Blick auf das veränderte Vorhaben. „Wir reden über eine 40-Millionen-Investion. Wir reden darüber, das es losgehen kann, dass wir bis Ende des Jahres Planungsrecht haben.“ Er verstehe die Enttäuschung darüber, dass die angedachten Einzelhandelsflächen nicht vollständig zu realisieren seien. Doch die Entwicklung sei in anderen Kommunen im Umfeld ähnlich. Shopping-Center funktionierten nur noch in Städten jenseits der 200 000 Einwohner. Wenn Gronau einen Investor dafür suche, „dann suchen Sie den mit Löchern in den Händen, der übers Wasser gehen kann“, wie Groß-Holtick drastisch formulierte. Er plädierte dafür, Gronau mit den sich bietenden Möglichkeiten zu entwickeln: Und er ermunterte zu mehr Selbstvertrauen: „Ich kenne keine Stadt, die ihr Licht so unter den Scheffel stellt, wie Sie es tun.“ Dabei habe die Stadt viel Potenzial. „Polieren Sie den Diamanten, schleifen Sie ihn. . .“

Der Wind, von dem Groß-Holtick eingangs gesprochen hatte, war in der Ratsdebatte denn auch durchaus zu spüren – aber einer, der den Investoren teilweise deutlich ins Gesicht wehte. „Stinksauer“ sei er, so Ludger Hönerlage ( CDU ), dass von den angedachten Einzelhandelsflächen nicht mal mehr die Hälfte bleibe. „Damit ziehen wir überhaupt nichts“, sah er keine Sogwirkung des neuen Konzeptes. Und bisweilen denke er inzwischen: „Lasst den Gronauer Ground-Zero noch zwei Jahre liegen, vielleicht kriegen wir was Besseres.“

Ähnlich negativ formulierte es Udo Buchholz (GAL). Das neue Konzept „kommt nicht an im Ratsrund – und auch nicht in der Bürgerschaft“. „Keinen Anlass zum Jubeln“ sah auch Erich Schwartze (FDP). Was es mit den Flächen für Dienstleistung auf sich habe, sei für ihn noch eine „Black-Box“, die Ausführungen der Investoren dazu „mager“. Er wollte wissen, wie sich die Investoren „Dienstleistung als tragende Säule“ des neuen Konzeptes vorstellen. Mitinvestor Ingo Hoff betonte daraufhin, dass es für diese Sparte – auch im gegenwärtig frühen Stadium – eine höhere Vorvermarktung gebe als erwartet.

Sebastian Laschke, Fraktionschef der CDU, warb für das neue Konzept: „Wir müssen an der Stelle endlich anfangen und nicht lange diskutieren.“ Die Planung biete gute Ansätze „das Loch wegzukriegen“ und könne auch eine Sogwirkung entfalten, die möglicherweise weiteren Einzelhandel nach sich ziehe. „Wichtig ist, dass wir was tun“, so auch der Appell von Martin Dust (CDU). Die Fläche sei da, jetzt gehe es darum „Ambiente“, „Atmosphäre“ und „gescheite Gastronomie“ in der City zu schaffen.

Von einem deutlichen Rückschritt sprach hingegen Norbert Ricking ( SPD ): „Manche sprechen gar von Desaster“. Ob „Bürotempel die Lösung sind“ vermöge er nicht zu beurteilen. Er warf die Frage in den Raum, wie es wäre, „wenn die Stadt selbst was macht“.

Jörg von Borczyskowski (UWG) plädierte dafür, die „Chance“ des veränderten Konzeptes zu sehen, mit dem die Stadt endlich eine Initialzündung für die Zukunft bekomme. „Es gibt einen Investor, der investieren will und daran glaubt.“ Das Konzept zeige einen „positiven Nutzungsmix“, die Alternative sei, „weiter in das Loch zu schauen“. Und: „Wenn wir nicht anfangen, dann wird uns der Bürger das bei der nächsten Kommunalwahl vorhalten.“

„Unsere Enttäuschung ist dermaßen groß“, schlug Herbert Krause (Pro Bürgerschaft/Piraten) demgegenüber kritische Töne an. Die Investoren hätten, so seine Meinung, das Scheitern ihres Konzeptes viel früher kommen sehen können. Einen Dialog darüber habe es mit dem Rat nie gegeben. Auch heute könne er nicht erkennen, so Krause Richtung Investoren, „dass es Ihnen persönlich leid tut, dass wir vor dieser Kuhle stehen“. Das neue Konzept sei kein Fortschritt für den Einzelhandel in der Neustraße und rundherum. Der Stadt bleibe jetzt wieder nur „der Spatz in der Hand, statt der Taube auf dem Dach“.

Frust und Enttäuschung der Bürger könne er verstehen, so Dr. Chris Breuer (SPD). Aber, so seine Einschätzung: „Rudern wir mit den Riemen, die wir haben.“

Dass durch die Dienstleistungsflächen ein Zulauf in die Innenstadt zu erreichen sei, sah Werner Bajorath (SPD) „kritisch“. Sein Fraktionskollege Olaf Jürgens will zudem die Frage geprüft wissen, ob das neue Konzept noch mit den Ausgangsvoraussetzungen des seinerzeit ausgelobten Wettbewerbs für die Innenstadt zu vereinbaren sei. Groß-Holtick sah hier – wie auch Sven Gabbe (CDU; Vorsitzender des Bauausschusses) – kein Problem.

Der Stadtbaurat brach gegen Ende der Debatte noch eine Lanze für die Investoren, die „viel Geld in die Stadt investieren wollen“. Dessen solle sich der Rat bei aller Enttäuschung bewusst sein. Und, so Groß-Holtick, es sollte „nicht so getan werden, als ob wir hier heute einen unsittlichen Antrag kriegen“.

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