Blickpunkt der Woche
„Weiter so“ versus Zukunft gestalten

Gronau -

Die Karten werden neu gemischt: Hat das Drio mit vier Gebäuden, weniger Einzelhandel und mehr Büro- und Dienstleistungsflächen eine Zukunft? Oder muss das Projekt vielleicht ganz anders gedacht werden? Viele offene Fragen verlangen konkrete Antworten.

Samstag, 18.05.2019, 08:10 Uhr aktualisiert: 18.05.2019, 08:30 Uhr
Während die Investoren aus den Einzelhandelsflächen die Luft heraus lassen, werden die geplanten Bereiche für Büros und Dienstleistungen kräftig aufgepumpt.
Während die Investoren aus den Einzelhandelsflächen die Luft heraus lassen, werden die geplanten Bereiche für Büros und Dienstleistungen kräftig aufgepumpt. Foto: Heinrich Schwarze-Blanke

Chance oder Desaster? Das veränderte Konzept als Initialzündung für die Innenstadtentwicklung nutzen oder das Hertie-Loch als „Gronaus Ground Zero“ liegenlassen und auf bessere Ideen warten? Die Politik tat sich am Mittwochabend schwer mit dem Plan B, den die Investorengruppe Hoff & List präsentierte. Und die Diskussionen, die sich in den kommenden Wochen in den Fraktionen abspielen werden, kann ich mir – im wahrsten Sinne des Wortes – lebhaft vorstellen.

Festzuhalten ist: Mehr als 30 Jahren wird in Sachen Innenstadt politisch gerungen, wurde mit teilweise falschen Partnern gefeilscht, wurden Pokerpartien (und Gerichtsverfahren) verloren und viel zu lange auf dem längst toten Pferd FOC herumgeritten. Jetzt muss der Rat konstatieren, dass es auch mit der zuletzt favorisierten Lösung im Kern nix wird: Statt XL-Format ist Einzelhandel in dieser Stadt allenfalls in Größe S realisierbar. Das sorgt – durch die Teilung von Drio 1 – städtebaulich für (vielleicht gar nicht schlechte) Veränderungen, vor allem aber für deutliche Verschiebungen in der Nutzung: Einzelhandelsflächen verringert, Büro- und Dienstleistungsflächen massiv ausgeweitet.

Daraus ergeben sich Fragen, die sich nicht nur die Politiker stellen, sondern auch viele Bürger: Ist es das, was im Rahmen des Wettbewerbs vor Jahren „bestellt“ worden ist? Oder ist das Ergebnis – fies formuliert – eine Mogelpackung? Und: Wollen/Müssen wir dieses Ergebnis unter den veränderten Vorzeichen akzeptieren?

Zugegeben: Die Fragen sind hier schnell gestellt, Antworten darauf zu geben, ist wesentlich diffiziler: Denn wer auch immer jetzt eine Abkehr vom Projekt Drio fordert, für das die Investoren immerhin 40 Millionen Euro in die Hand nehmen wollen, muss auch sagen, wie die Alternative aussieht. Die Redaktionskonferenz der WN vor Ort ist vielleicht keine repräsentative Runde für eine solche Debatte, die Vielfalt der Meinungen in diesem kleinen Kreis spiegelt aber mit Sicherheit die Bandbreite der Diskussionen bei den Bürgern wider: Von „Weitermachen, damit endlich was passiert“ über „Alternativen zum Drio gibt es nicht“ bis hin zu „Alles auf Neuanfang“ sind im Team alle Meinungen vertreten.

Unter anderem aber auch diese: Warum wird eigentlich immer weiter – trotz aller Rückschläge – in den Kategorien von Dienstleistung und Einzelhandel gedacht? Wäre es nicht an der Zeit, dass diese Stadt nach allem inzwischen gezahlten Lehrgeld, endlich mal beginnt, in neuen – heute vielleicht noch utopischvisionär anmutenden – Kategorien zu denken? Sind mit Millionenaufwand geplante und gebaute Parkhäuser die Antwort auf ein sich veränderndes Verkehrsverhalten der Menschen? Ist es wirklich zielführend, Stadtplanung auf die Interessen und Vorgaben von Investoren zu fokussieren, die, wenn sich die Rahmenbedingungen verändern, ohne Rücksicht auf Verluste die Spielregeln ändern und/oder ihre Immobilien verkaufen?

Wir haben die Vision von der Stadt der Zukunft im Kollegenkreis mal weitergesponnen: Was hindert die Politik, ein Profil für das Gronau des Jahres 2040 zu entwickeln, statt weiter Auslaufmodellen der Stadtplanung und Rendite-Projekten Dritter hinterher zuhecheln? Warum nicht mit einer Handvoll kreativer Köpfe quer denken. An Ausgangsideen mangelt es nicht: Echte Verbesserung der Aufenthaltsqualität in der Innenstadt, konsequenter Ausbau zur „Fahrradstadt“, das Thema „Grüne Aue“ wirklich besetzen, die gern zitierte „Musikstadt“ real im Alltag erlebbar machen. Oder aus Gronau einen Modellstandort für Elektro-Mobilität oder Start-up-Unternehmen in NRW entwickeln? Professor Gregor Luthe hat kürzlich in einem Leserbrief andere Aspekte aufgezeigt, unter anderem den, wie aus einem Mix von Centerpark in der Stadt mit überdachten Straßen, Grün und Kultur zum Anfassen ein besonderes Flair in der Stadt zu erzeugen wäre.

Spinnerte Gedankenspiele? Ja, vielleicht. Warum aber eigentlich nicht? Die bisher favorisierten „ernsthaften“ Überlegungen haben uns bis heute ja so weit auch noch nicht gebracht. Und andere Ideen (etwa die Grachten auf dem Inselparkgelände), die anfangs auch als Utopien abgetan wurden, sind heute längst Alltag für uns.

Aber die Stadt braucht doch Einzelhandel in der City, werden mir jetzt Kritiker vorhalten und zu darauf verweisen, dass schon heute viele Artikel des täglichen Lebens in Nachbarorten gekauft werden müssen. Stimmt. Vielleicht lässt sich aber daran mit einem Umdenken mehr ändern, als wir glauben. Warum nicht Geschäfte – Fachgeschäfte und auch Supermärkte – von der Peripherie ins Zentrum holen, um hier für Belebung zu sorgen. Manch ein Geschäftsmann würde den Sprung in die City vielleicht wagen, wenn die (heimischen) Immobilienbesitzer hier nicht Mond-Mieten aufrufen würden und ihre Buden lieber leerstehen lassen als ortsübliche und bezahlbare Mieten auf das Preisschild zu schreiben.

Und bevor jetzt einer fragt, wer das alles bezahlen soll: Was ließe sich allein mit den Millionen anschieben und umsetzen, die die Stadt jetzt für Parkdeck und/oder Bebauung des Kurt-Schumacher-Platzes in die Hand nehmen muss?

Das Projekt Drio als Chance oder Desaster sehen? Der Rat hat jetzt bis zum 26. Juni Zeit, darüber zu entscheiden, ob und ggfs. mit welchen veränderten Vorzeichen das Projekt weitergehen soll. Es bleibt also noch Zeit zum nach-, um- oder vordenken. Wie auch immer die Entscheidung am Ende ausfällt. Zu beneiden sind die Politiker in diesem Prozess nicht.

Klaus Wiedau

 

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