Vortrag über Etty Hillesum
Gottessuche in finsterer Zeit

Epe -

So überraschend gut besucht war der Vortrag von Pater Dominik Terstriep SJ im Pfarrhof der St.-Agatha-Gemeinde in Epe, dass zunächst einmal Stühlerücken angesagt war, bis alle Gäste einen Platz gefunden hatten.

Mittwoch, 03.07.2019, 16:50 Uhr
Heinz Krabbe, Vorsitzender des Förderkreises Alte Synagoge, überreicht Dominik Terstriep als Dankeschön ein Exemplar der „Eper Schulgeschichte(n)“. Beim heimatverbundenen Jesuiten kam das Geschenk gut an.
Heinz Krabbe, Vorsitzender des Förderkreises Alte Synagoge, überreicht Dominik Terstriep als Dankeschön ein Exemplar der „Eper Schulgeschichte(n)“. Beim heimatverbundenen Jesuiten kam das Geschenk gut an. Foto: Norbert Diekmann

Der gebürtige Eperaner Dominik Terstriep hat nach seinem Abitur 1991 am Gronauer Gymnasium Theologie studiert und ist im Dom zu Münster 1998 zum Priester geweiht worden. Danach ist er in den Jesuitenorden eingetreten und hat bereits 2001 seine theologische Doktorarbeit über „Weisheit und Denken. Stilformen sapientialer Theologie“ veröffentlicht, die er an der renommierten römischen Università Gregoriana erarbeitet hat. Er ist als Pfarrer der katholischen Gemeinde in Stockholm tätig und wirkt zudem als Dozent an der Universität Uppsala .

Terstrieps Heimatbesuch war für die St.-Agatha-Gemeinde und den Förderkreis Alte Synagoge Epe eine gute Gelegenheit, ihn zu einem Vortrag über seine aktuellen Forschungen einzuladen. Terstriep arbeitet an einem Buch über Etty Hillesum , eine jüdische Niederländerin, die von den Nationalsozialisten in Auschwitz ermordet wurde. Hillesum, 15 Jahre älter als Anne Frank, hat ebenfalls ein Tagebuch hinterlassen, das aber erst 1981 veröffentlicht wurde, worauf Rudolf Nacke in seiner Begrüßung hinwies.

Das Tagebuch hatte Terstriep vor einiger Zeit als Geschenk erhalten. Er war sofort beeindruckt von dieser jungen Frau, die aus einer nichtreligiösen jüdischen Familie stammend, ein unkonventionelles Leben geführt hat, die sich in der dunklen Zeit der drohenden Vernichtung bewusst dafür entschieden hat, andere Menschen nicht zu hassen.

Mit ihrem Therapeuten und zeitweiligen Liebhaber hat sie ihre Probleme bearbeitet; sie hat zu sich selbst gefunden und wurde zur Gottsucherin. Sie hat gelernt, auf das „haben wollen“, auf Besitzergreifung zu verzichten und ihre Liebe zu allen Menschen zu entwickeln. Ihre Tätigkeit beim Jüdischen Rat in Amsterdam während der deutschen Besatzung, die ihr relative Sicherheit verschafft hätte, gab sie nach wenigen Wochen wieder auf, um im KZ Westerbork, von wo aus über 100 000 Menschen in die Vernichtungslager verschickt wurden, für die Menschen da zu sein. Entsprechend entwickelt sich ihr Gottesbild, geprägt auch durch den christlichen Teil der Bibel. „Ich will dir helfen, Gott.“

Also kein theoretisches Jammern über die sogenannte Theodizee-Frage, also die Frage, warum Gott Leid zulässt, sondern die Bereitschaft, sich in grenzenloser Menschenliebe furchtlos gegen Leid und Bedrohung zu stellen. Hillesum weigert sich, während sie zwischen Amsterdam und dem KZ Westerbork pendelt, zu fliehen oder unterzutauchen. Sie will bei ihrem Volk bleiben. Dabei handelt sie nicht schicksalsergeben, aber ihr „denkendes Herz“ will sich nicht durch Bedrohung und Gewalt einschüchtern lassen. Hillesum will nicht akzeptieren, dass das „Mensch-Sein“ verringert wird. Und so tritt sie furchtlos gemeinsam mit ihrer Familie und vielen anderen die letzte Reise nach Auschwitz an.

Wenn demnächst Ter­strieps Buch über Etty Hillesum erschienen ist, wird es sicher wichtige Hinweise zum Verständnis der Entwicklung dieser Frau und zu ihrem Menschen- und Gottesverständnis enthalten. Man kann nur hoffen, dass es nicht zu lange dauern wird, bis eine niederländische und deutsche Übersetzung des Werkes erscheinen, damit auch Leser, die der schwedischen Sprache nicht mächtig sind, von den Forschungen Terstrieps profitieren können.

Als kleines Dankeschön überreichte Heinz Krabbe, Vorsitzender des Förderkreises Alte Synagoge die „Eper Schulgeschichte(n)“. Offensichtlich eine Gabe, die beim Referenten gut ankam.

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