100 Jahre Ev. Kirchenchor Gronau
Neue Traditionen für den alten Chor

Gronau -

Mag die Mitgliederzahl auch schrumpfen – die Liebe und die Leidenschaft für den Gesang und die Musik ist den Mitgliedern des Evangelischen Kirchenchors Gronaus geblieben. Am morgigen Sonntag feiern die Sängerinnen und Sänger mit ihrem Kantor Tamás Szőcs Jubiläum: Seit 100 Jahren gibt es die Vereinigung, die ihre Stimmen zum Lobe Gottes erschallen lässt. Im Gottesdienst, der um 9.30 Uhr in der Stadtkirche beginnt, wird der Chor singen. Dabei wird er von den Sängerinnen und Sängern des katholischen Kirchenchors der Pfarrei St. Antonius unterstützt. Der aktuelle Vorsitzende des Kirchenchors, Manfred Meyer, empfindet dieses Zusammenwirken als eine Bereicherung, wie er im Gespräch mit den WN sagt.

Samstag, 02.11.2019, 09:56 Uhr aktualisiert: 02.11.2019, 10:01 Uhr
Das wohl älteste Foto aus dem Archiv des Kirchenchors stammt aus den späten 30er-Jahren. Den kurzbeinigen Stühlen nach zu urteilen, entstand das Bild in den Räumen des Kindergartens, wo sich die Gemeinschaft oft zu Proben traf.
Das wohl älteste Foto aus dem Archiv des Kirchenchors stammt aus den späten 30er-Jahren. Den kurzbeinigen Stühlen nach zu urteilen, entstand das Bild in den Räumen des Kindergartens, wo sich die Gemeinschaft oft zu Proben traf. Foto: Archiv Ev. Kirchenchor

Kirchengesang hatte es auch schon vor der Gründung des Chors gegeben, wie der Festschrift des Chors zu entnehmen ist. 1880 entstand eine Gesangsabteilung im „Männer- und Jünglingsverein“ unter Leitung von Lehrer Beckmann. Später leitete Rektor Conrad Pabst diese Abteilung. Pabst gilt als großer Motor des Sangeswesens in Gronau. Er erweiterte den Chor durch Frauenstimmen. Bei der Einweihung der Stadtkirche 1897 wirkte schon eine stattliche Anzahl an Stimmen mit. Doch ein ständiger Chor sollte erst 1919 – nach dem ersten Weltkrieg – gegründet werden.

Bis 1932 wirkte Klaas Bergmann als Leiter. Zur Literatur des Chors gehörten vornehmlich die Motettensätze der Jahrhundertwende. In den 30er-Jahren wurde das Liedgut des neuen Ev. Gesangbuchs zu Gehör gebracht.

Nach mehreren kurzfristigen Wechseln übernahm 1936 Wilm Böltken den Chor, den er (mit Unterbrechungen während der Kriegszeit) 45 Jahre führen sollte. Schon 1932 war er zum Organisten der Stadtkirche verpflichtet worden. Bereits als Kind hatte er bei jeder Gelegenheit auf der Orgelempore der Kirche gesessen, um der Musik zu lauschen und Klaas Bergmann zuzuschauen, schrieb Bölken in seinen Memoiren.

Der Chor widmete sich nicht nur dem geistlichen Repertoire, sondern nahm auch an weltlichen Veranstaltungen teil. Wilm Böltken erinnert sich in seinen Schriften: „Der Chor hatte zu jener Zeit auch manche Veranstaltungen geselliger Art mit Songs, Couplets und Singspielen, in denen sich mancher Sänger solistisch vortat . . . Beim Volksliedsingen der Gronauer Chöre zum Stadtparkjubiläum sollte jeder Chor ein Frühlingslied singen. Wir hatten uns viel Mühe gemacht, eine unbekannte Weise von Götsch für gemischte Stimmen umzuarbeiten und einzustudieren. Unser Beitrag ging daneben, schon durch die Ankündigung des Ansagers: ‘Es kommen gute Zeiten für Banknotenfälscher, denn der Kirchenchor singt jetzt Es naht die Zeit der Blüten‘. Das weitere Missgeschick war, dass wir mit der einkrachenden Bühne in die Tiefe stürzten“.

1959 wurde ein deutsch-niederländischer Ökumene-Gottesdienst in der Stadtkirche, den der Gronauer Chor und der Ev. Posaunenchor musikalisch mitgestalteten, sogar vom niederländischen Rundfunk übertragen. 1965 war die Einweihung der Kleuker-Orgel Anlass für einen Kantaten-Abend.

Nachfolger Böltkens wurde 1981 Kirchenmusikdirektor Gert Spiering. Mit seinem konzertanten Angebot von Kantaten und Oratorien setzte er in der regionalen Kirchenmusik und im kulturellen Leben der Stadt entscheidende Akzente.

1986 folgte ihm Barbara Hübner, die nach nur sechsmonatiger Dienstzeit bei einem Verkehrsunfall ums Leben kam. Irmgard Baumann leitete vorübergehend, bis Ulrich Hirtzbruch 1987 die Stelle als Organist und Kantor übernahm. Er setzte mit dem inzwischen in Ev. Kantorei umbenannten Chor, mit dem Vokalensemble und mit dem Gospelchor „Soulful Swinging Singers“ Akzente sowohl in der Pflege der traditionellen Kirchenmusik als auch im Bereich des neuen geistlichen Liedes und der Gospelmusik. 2005 wurde er zum Landeskirchenmusikdirektor berufen.

Einer der musikalischen Höhepunkte in dieser Zeit waren die Aufführungen des Weihnachtsoratoriums von Bach. 1992 wurden erstmals die „Gronauer Kirchenmusiktage“ von der Kirchengemeinde veranstaltet.

Anlässlich der Gronauer Kirchenmusiktage 1996 taten sich die Chöre der evangelischen und katholischen Kirchengemeinden zu einem großen ökumenischen Klangkörper zusammen. Die gemeinsame Probenarbeit erwies sich für die Sängerinnen und Sänger als musikalisch fruchtbar, denn durch die große Zahl der Stimmen war man in der Lage, Stücke zu singen, die im einzelnen Chor nicht zu realisieren wären.

Aus diesen positiven ökumenischen Erfahrungen heraus entstand die Zusammenarbeit der Chöre auch für das Jahr 1997. Mit einem Klangkörper von 120 Stimmen wurden überwiegend romantische Chorwerke aufgeführt, der 150. Todestag von Felix Mendelssohn-Bartholdy und der 175. Geburtstag von César Franck boten 1997 den thematischen und stilistischen Schwerpunkt. Die ökumenische Zusammenarbeit setzt sich bis heute fort.

Dieses Foto entstand um 1942, als der Kirchenchor Soldaten aus dem Lazarett zu einem Kaffeenachmittag in den Vereinssaal der alten Ev. Kirche eingeladen hatte.

Dieses Foto entstand um 1942, als der Kirchenchor Soldaten aus dem Lazarett zu einem Kaffeenachmittag in den Vereinssaal der alten Ev. Kirche eingeladen hatte. Foto: Archiv Ev. Kirchenchor

2003 und 2004 übernahm die Kirchenmusikerin und Katechetin Martha Szőcs als neue nebenamtliche Kirchenmusikerin nach und nach die Aufgaben von Ulrich Hirtzbruch in der Leitung der Kantorei. Nach der Berufung von Ulrich Hirtzbruch zum westfälischen Landeskirchenmusikdirektor wurde die Stelle des hauptamtlichen Kirchenmusikers ausgeschrieben. Als neuer Stelleninhaber übernahm 2005 Dr. Tamás Szőcs auch die Leitung des Chores.

Die erneute Namensänderung des Chores von „Kantorei” zu „Evangelischer Kirchenchor” hat auch eine Veränderung des Chorprofils bedeutet. Die gleichzeitige personelle Veränderung an der Leitung machte diesen Umbruch einfacher.

Bedingt durch die Alterung des Chores ist die Tradition der Gestaltung großer oratorischer Konzerte abgebrochen, das Repertoire musste den Möglichkeiten angepasst werden, das zahlenmäßige Schrumpfen der Sängerinnen und Sänger zwang den Chor zur Umstellung auf ein überwiegend dreistimmiges Repertoire. Die Sängerinnen und Sänger entdeckten ihre Freude auch für das neuere geistliche Liedgut aus den letzten Kirchentagsbüchern. Der Schwerpunkt verlagerte sich zur Gestaltung der Gottesdienste, was inhaltlich nicht ein „weniger” bedeutet, sondern eher eine Besinnung auf die ursprüngliche Aufgabe dieses Chores, der mit der Carl-Friedrich-Zelter-Medaille, der höchsten deutschen Auszeichnung für Amateurchöre, geehrt wurde. Dieser Aufgabe ist er in den letzten 15 Jahren durchaus gerecht geworden. Mit der Zeit haben sich neue Traditionen herausgebildet, an bestimmten Feiertagen an bestimmten Orten zu singen: Weihnachten, Ostern, Ewigkeitssonntag im Bethesda-Seniorenzentrum oder Erntedank im Paul-Gerhardt-Heim.

Ein Foto aus dem Jahre 1959 zeigt die damaligen Sängerinnen und Sänger des Chors.

Ein Foto aus dem Jahre 1959 zeigt die damaligen Sängerinnen und Sänger des Chors. Foto: Archiv Ev. Kirchenchor

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