Anne-Frank-Tagebuch als Grundlage
Musikalische Textausdeutung mit zeitgenössischen Mitteln

Gronau -

Eine seltsam-schwebende Stimmung durchzieht die Komposition „Anne Frank. A Living Voice“. Am Samstagabend stellten sich der Frauenchor Bella Donna und das Voirin- Streichquartett unter der Gesamtleitung von Marion Röber der Aufgabe, dieses Stück zeitgenössischer Musik zu interpretieren. Es wurde ein voller Erfolg.

Montag, 04.11.2019, 08:05 Uhr aktualisiert: 04.11.2019, 08:20 Uhr
Die Mitwirkenden am Konzert erhielten kräftigen Applaus.
Die Mitwirkenden am Konzert erhielten kräftigen Applaus. Foto: Martin Borck

Die Gefühle, die die Musik auslöst, kriechen langsam unter die Haut. Eine seltsam-schwebende Stimmung durchzieht die Komposition „ Anne Frank . A Living Voice“. Die Amerikanerin Linda Tutas Haugen hat ein Stück komponiert, dessen Tiefe sich allmählich erschließt. Dessen Quintessenz nicht sofort zu packen ist. Allein schon die Struktur ist ungewöhnlich: Prosatexte zu vertonen, stellt eine besondere Herausforderung dar. Ein Gedicht in Musik zu fassen, ist da einfacher: Da geben die Verse ein gleichmäßiges Metrum vor, ein Refrain bietet einen Anker. Doch die ausgewählten Texte aus dem Tagebuch von Anne Frank haben solch eine rhythmische Form nicht. Dafür aber verfügen sie über eine inhaltliche Ladung, die eines besonderen Einfühlungsvermögens bedarf. Haugen wagte sich an die Vertonung von sieben Passagen. Am Samstagabend stellten sich der Frauenchor Bella Donna und das Voirin- Streichquartett unter der Gesamtleitung von Marion Röber der Aufgabe, dieses Stück zeitgenössischer Musik zu interpretieren. Es wurde ein voller Erfolg.

Die sieben Textpassagen stellen sieben Ausschnitte aus einer Gefühlsskala dar, die von purer Verzweiflung bis zu Momenten stillen Glücks und großer Innigkeit reichen und Trost vermitteln. Vor jedem musikalischen Satz lasen drei Schülerinnen der Fridtjof-Nansen-Realschule die Passagen in deutscher Übersetzung vor. Die musikalischen Mittel loteten den Inhalt aus – mit angemessenen Mitteln. Jeden Satz kleidete sie mit einer eigenen Charakteristik, eigenen Stilmitteln aus. Im ersten setzen die vier Streicher in wenigen Takten die Stimmung. Sie nehmen die Unruhe auf, von der Anne in ihren Zeilen schreibt: „Die Stille ist es, die mich abends und nachts so in Schrecken versetzt.“ Wie anders als mit dezent-subtilen Mittel kann eine solche Stimmung erzeugt werden? Stille und Furcht – die leichte dissonanten Streichertöne geben diese Innenwelt wider. Sie zieht sich instrumental durch den ersten Satz, während der moll-getränkte Gesang einen irritierenden Kontrast darstellt.

Der zweite Satz („Meine Nerven“): flüsternde, hauchende Sprachfetzen von links und rechts stören den Gesang der Altistinnen auf unterschwellig beinahe aggressive Art und Weise. Auch hier eine treffende Wiedergabe der Gefühlslage, die die 14-Jährige schildert.

Dann die Erinnerung an Hannili, die musikalisch eine wehmütig-zärtliche Stimmung aufruft. Sonne und blauer Himmel – unbeschwerte Momente, die Gedanken „an das Schöne, das noch immer übrigbleibt“ – da erlaubt sich die Musik sogar einige Hüpfer. Doch stets bleibt da diese seltsam schwebende Stimmung, die so gar nicht zu fassen ist. Sie stellt das drohende Unheil dar, über das sich das Mädchen völlig im Klaren ist.

Nur vom wunderbaren Cello begleitet der fünfte Satz („Meine Arbeit“). Eine weitere Facette im musikalischen Ausdruck. Die gedeckte Klangfarbigkeit prägte auch die beiden letzten Sätze. Bis zum Ende bleibt ein beunruhigender Zwiespalt zwischen Hoffen und Bangen, Trost und Verzweiflung.

Mit ihrer Komposition hat Linda Tutas Haugen den Tagebuchtexten eine passende, zusätzliche Dimension verliehen. Durchaus spannungsgeladen, dabei aber nie effekthaschend. Den Interpreten bei der deutschen Uraufführung des Werks in der Ev. Stadtkirche gelang eine Aufführung, die die Zuhörenden packte. Dynamisch, eindringlich, zeitweise Trost verströmend, teils auf eine gewisse Art beunruhigend. Genau das dürfte die Absicht der Komponistin gewesen sein.

Mit dem Streichquartett Nr. 13 präsentierte das Voirin Quartett nach der Pause eine Schubert-Komposition, die mit anderen Mitteln musikalische Kontraste austestete. Eine passende klassische Ergänzung aus der Alten zu dem modernen Werk aus der Neuen Welt. Ein faszinierender Konzertabend ging zu Ende.

Martin Borck

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